„Der Westen kann sehr schnell verschwinden“

Hubert Robert - Der Louvre als Ruine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Ethnologin Susanne Schröter warnt in einem Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ vor einem Niedergang des Westens. Dieser sei derzeit noch die „freieste, wohlhabendste und sozialste Region der Welt“. Er befinde sich jedoch in einem so rasch verlaufenden Abstieg, dass sie hoffe, dass die obige Aussage auch „nach dem Winter noch gilt“. Der Westen könne „sehr schnell verschwinden“. Sie halte es „nicht für unrealistisch, dass der Westen einmal als eine vorübergehende Epoche von wenigen hundert Jahren in die Geschichte eingehen wird“. Die Machtverhältnisse in der Welt hätten sich bereits deutlich zu Ungunsten des Westens verändert.

Die Ursache dieser Entwicklung sei, dass westliche Kulturen mittlerweile von einer Verbindung aus Hybris und Selbsthass geprägt seien:

  • Selbsthass komme im „Vormarsch der neuen Identitätspolitik“ zum Ausdruck. Sie sei erstaunt, „wie schnell gut ausgebildete Menschen im Westen bereit sich, sich schuldig zu fühlen für jeden möglichen Unsinn“ und „Grundsätze wie die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit zu eliminieren, wenn behauptet wird, durch bestimmte Äußerungen würden andere Menschen diskriminiert“. Dies sei absurd angesichts „einer Situation im Westen, in der Minderheiten mehr Rechte als je zuvor erreicht haben“. Im Zusammenhang mit linksidentitärem Aktivismus bilde sich zudem „ein neuer Rassismus“ heraus, der sich gegen Weiße richte deren „Weiß-Sein per se als rassistisch“ dargestellt werde. Für diese Aktivisten sei der „alte, weiße, heterosexuelle Mann […] das ultimative Feindbild“. Der damit verbundene „Furor der Schuld“ führe „zu einer neuen Spaltung der Gesellschaft“.
  • Die westliche Hybris beruhe auf der Annahme, „dass unser Gesellschaftssystem so attraktiv ist, dass alle anderen danach streben, so zu werden wie wir“. Diese Hybris sei bereits in Afghanistan gescheitert, wo jeder, der es wollte, sehen haben könne, „dass diese Form des Demokratieexportes auf energischen Widerstand der Afghanen stieß“. Eine „freiheitliche Ordnung“ könne „nicht durch Zwang und Militärgewalt von außen implementiert werden“. Man müsse anerkennen, dass große Teile der Menschheit eine solche Ordnung ablehnten. Das gelte auch für Russland.

Um dem Niedergang des Westens entgegenzuwirken, müssten sich die Menschen des Westens wieder auf ihre eigene Stärke und Identität besinnen und „selbstbewusst zu den Fortschritten stehen, die der Westen bei den Menschen- und Freiheitsrechten errungen hat“.1

Hintergrund und Bewertung

Mit den Gedanken Susanne Schröters zur westlich-europäischen Zivilisationskrise haben wir uns auch hier auseinandergesetzt.

Es gibt unterschiedliche Positionen bezüglich der Frage, was die Identität des Westens ausmacht, und über welche Perspektiven er verfügt:

  • Laut David Gress beruht der Westen auf einer Triade aus individueller Freiheit, Vernunft bzw. Naturwissenschaft und Wohlstand. Der Westen sei die posthume Version der christlichen Zivilisation Europas. Es sei fraglich, ob er als säkulare Zivilisation überleben könne. Damit der Westen überleben könne, müsse die ihn begründende Religion zumindest als „verborgene Ressource“ weiterleben, weil ansonsten die oben erwähnte Triade in die Extreme von Rationalismus, Zügellosigkeit und Egoismus degeneriere.2
  • Udo Di Fabio betrachtet den Westen als ein Ideensystem und einen Lebensstil, die „rund um die Freiheit und Würde des Menschen“ Kreisen. In ihrem Mittelpunkt stehe „der einzelne Mensch, zerbrechlich, aber stolz, aufrechten Gangs, die Welt nach seinem Maß gestaltend“. Der Geist des Westens sei „merkantil und kreativ“. Er strebe „nach Gewinn und dem Neuen, sucht das Bessere, strebt nach Glück in privaten Räumen und einer gerechten Welt“. Zum Westen gehörten demokratische Selbstbestimmung sowie individuelle Freiheiten und Grundrechte bzw. Rechtsstaatlichkeit, aber auch Marktwirtschaft, Fortschrittsglaube und ein leistungsorientierter, mit „Konsumorientierung und libertärer Freizügigkeit“ verbundener Lebensstil. Westliche Gesellschaften befänden sich im Zustand einer „multiplen Dauerkrise“, weshalb man die Idee des Westens auf ihre Schwächen prüfen müsse.3 Vieles deute sogar darauf hin, dass „Europa und Nordamerika intellektuell fehlprogrammiert“ seien, weshalb die sie früher prägenden Tugenden nicht mehr hinreichend gepflegt und ihre Institutionen vernachlässigt würden.4 Es gelte aber zumindest vorläufig weiterhin: „Jenseits des westlichen Wertesystems […] enden Aufklärung und Zivilisation.“5
  • Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) warf die Frage auf, ob die westliche, „technisch-säkulare Welt“ bzw. die „siegreich über die Welt ausgebreitete Zivilisation der Technik und des Kommerzes“ mit der europäischen Kultur gleichgesetzt werden kann, oder ob diese nicht eher „posteuropäisch aus dem Ende der alten europäischen Kulturen geboren“ sei. Man könne den Eindruck gewinnen, dass „die Wertewelt Europas, seine Kultur und sein Glaube, worauf seine Identität beruhten, am Ende und eigentlich schon abgetreten sei“.6

Quellen

  1. Hans Monath: „Ethnologin Susanne Schröter: Der Westen kann sehr schnell verschwinden‘“, Tagesspiegel Plus, 01.09.2022, URL: https://plus.tagesspiegel.de/politik/ethnologin-susanne-schroter-der-westen-kann-sehr-schnell-verschwinden-8578189.html, Zugriff: 02.09.2022.
  2. David Gress: From Plato to Nato. The Idea of the West and its Opponents, New York 1998, S. 558-559.
  3. Udo Di Fabio: Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss, München 2015, S. 16.
  4. Ebd., S. 46-47.
  5. Ebd., S. 48.
  6. Joseph Kardinal Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs, Freiburg i. Br. 2005, S. 78.