Über den Niedergang von Großmächten

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski (1928-2017) gilt als einer der führenden geopolitischen Denker der jüngeren amerikanischen Geschichte. In seinem 1997 erschienenen Werk Die einzige Weltmacht unterstrich er, dass die Fähigkeit von Gemeinwesen, sich in einer feindseligen Welt zu behaupten, auch von kulturellen Faktoren abhänge. Die würden USA aufgrund ihren mangelnden kulturellen Resilienz langfristig ihre Weltmachtrolle verlieren. Der Grund dafür sei, dass die hedonistische Massenkultur, auf welcher der globale Einfluss der USA wesentlich beruhe, im Innern zersetzend wirke und die Fähigkeit der politischen Eliten des Landes zur Staatsführung und zur Ausübung von Macht zerstöre.

Große Reiche seien „von Natur aus politisch instabil, weil untergeordnete Einheiten fast immer nach größerer Autonomie streben und Gegen-Eliten in solchen Einheiten fast jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um größere Autonomie zu erlangen“. Sie würden daher langsam zerfallen, wenn sie die Grundlagen ihrer Macht nicht pflegen.1

Die USA seien die erste echte Weltmacht in der Geschichte der Menschheit. Ihre Macht stütze sich ähnlich wie die früherer Reiche auf „eine Hierarchie von Vasallenstaaten, tributpflichtigen Provinzen, Protektoraten und Kolonien“. Ihre Macht beruhe zudem „auf der überlegenen Organisation und auf der Fähigkeit, riesige wirtschaftliche und technologische Ressourcen umgehend für militärische Zwecke einzusetzen“.2 Das globale Ordnungssystem der USA stütze sich stärker als das früherer Imperien auf Einbindung, indirekte Einflussnahme und „abhängige ausländische Eliten“.3 Außerdem sei „dieses gewaltige und komplexe globale System nicht hierarchisch organisiert“, sondern durch „dauerndes Verhandeln“ und „Dialog“ sowie „dem Streben nach offiziellem Konsens“ geprägt, „selbst wenn diese Macht letztlich von einer einzigen Quelle, nämlich Washington, D.C., ausgeht“.4

Außerdem gebe es eine „kulturelle Komponente der Weltmacht USA“, die „bisweilen unterschätzt“ werde, „doch was immer man von ihren ästhetischen Qualitäten halten mag, Amerikas Massenkultur besitzt, besonders für die Jugendlichen in aller Welt, eine geradezu magnetische Anziehungskraft“, die auf dem „hedonistischen Lebensstil“ beruhe, den sie vermittele.5 Dadurch entstehe „ein idealer Rahmen für die Ausübung der indirekten und scheinbar konsensbestimmten Hegemonie der Vereinigten Staaten“.6 Aufgrund dieser Faktoren verfügten die USA über eine „politische Schlagkraft, mit der es kein anderer Staat auch nur annähernd aufnehmen könnte“.7

Zugleich untergrabe gerade jene hedonistische Massenkultur die Fähigkeit der Eliten der USA zur „Ausübung imperialer Macht“. Diese Fähigkeit erfordere eine gänzlich andere Kultur, nämlich ein „hohes Maß an weltanschaulicher Motivation, intellektuellem Einsatz und patriotischer Begeisterung“. Die USA seien jedoch im Begriff, diese Voraussetzungen zu verlieren. Die „kulturellen Folgen des gesellschaftlichen Hedonismus“ und des damit verbundenen Werteverfalls würden das Land mittelfristig vor enorme Herausforderungen stellen. Diesbezüglich gebe es in den USA auffallende Parallelen zum Niedergang früherer großer Reiche. In den „den einsichtigeren Kreisen der westlichen Gesellschaft“ sei dies bekannt, weshalb es hier „eine gewisse Zukunftsangst, vielleicht auch Pessimismus“ gebe.8

Es gebe jedoch Alternativen zum erwähnten korrumpierenden Hedonismus. Die imperiale Macht Roms habe auf der Attraktivität überlegener römischer Kulturideale für die „Unterworfenen“ beruht und bei diesen den Wunsch genährt, „in die Reichsstruktur aufgenommen“ und in sie assimiliert zu werden. Die römische Kultur sei jedoch zumindest anfänglich nicht hedonistisch gewesen, und die für die Unterworfenen attraktiven Ideale sein die selben gewesen, die den Eliten Roms ihre Stärke verliehen. Der „Ehrentitel“ des römischen Bürgers sei etwa von jenen, die ihn erlangten, mit „Stolz“ getragen worden und habe „für viele ein hohes Ziel“ dargestellt. Der „Status des römischen Bürgers“ sei allgemein als „Ausdruck kultureller Überlegenheit“ wahrgenommen worden.. Die „von den Herrschern als selbstverständlich betrachtete und von den Beherrschten anerkannte kulturelle Überlegenheit“ habe sowohl das römische Sendungsbewusstsein als auch die Legitimität der römischen Herrschaft gestärkt.9 Ähnliches sei den Briten im 19. und frühen 20. Jahrhundert gelungen, was Nelson Mandela bezeugt habe, seinen Stolz auf seine britische Bildung bekundete und erklärte, dass England zu dieser Zeit die „Heimat des Besten“ gewesen sei, „was die Welt zu bieten hatte“.10

Allerdings befürchtet Brzezinski, dass am Ende jedes Reich und jede Kultur dekadent werde und untergehe. Die Ursache dafür sei häufig der eigene Erfolg. Die Überlegenheit Roms habe beispielsweise mit der Zeit Hybris sowie einen „kulturellen Hedonismus“ hervorgebracht, „der der politischen Elite nach und nach den Willen zu imperialer Größe nahm“.11 Ähnliches sei in anderen großen Reichen geschehen, etwa in China, wo „innere Ermüdung, Sittenverfall, Hedonismus und der Mangel an wirtschaftlichen wie auch militärischen Ideen die Willenskraft der Chinesen schwächten“.12

Hintergrund und Bewertung

Das von Brzezinski beschriebene Problem war bereits der antiken griechischen Philosophie bekannt. Eine Lösung, die den Zyklus von Aufstieg und Niedergang unterbrechen und Abstiegsbewegungen dauerhaft verhindern konnte, wurde bislang in der Praxis nicht umgesetzt.

Mögliche Lösungen orientieren sich unter anderem am Staatsentwurf Platons. Dieser sieht die Institution des Wächterstands vor, der sich kulturell von der umgebenden Gesellschaft unterscheidet und eine eigene Kultur pflegt, die ihn dazu befähigt, dem Gemeinwesen Dauer zu verleihen und die Philosophenherrscher hervorzubringen, die das Gemeinwesen im Sinne des Gemeinwohls regieren können.

Dieser Entwurf ist prinzipiell auch auf moderne republikanische Ordnungen übertragbar. Ein Wächterstand könnte hier z. B. in Form einer Subkultur verwirklicht werden, deren Mitglieder in besonderem Maße dazu befähigt sind, Funktionen in Institutionen wie Militär und Polizei wahrzunehmen, und deren beste Angehörige aufgrund ihrer Leistungen im Dienst am Gemeinwesen über die notwendige Autorität verfügen, um bei Wahlen für höchste politische Ämter erfolgreich zu sein.

Zumindest der letzte Aspekte wurde in freiheitlichen politischen Ordnungen in jüngerer Vergangenheit wiederholt erfolgreich in die Praxis umgesetzt, wie unter anderem die Beispiele Charles de Gaulles, Winston Churchills und Dwight D. Eisenhowers zeigen, die vor allem deshalb in Regierungsämter gewählt wurden, weil sie sich zuvor in militärischen Funktionen bewährt hatten.

Das Beispiel des christlichen Rittertums im Mittelalter zeigt zudem, dass solche  militäraffinen Subkulturen eine Ausstrahlung entfalten können, die auf ganze Kulturkreise und über Jahrhunderte hinweg Beispielgebende positive Wirkung hat. (sw)

Quellen

  1. Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 2001, S. 25-26.
  2. Ebd., S. 26.
  3. Ebd. S. 45.
  4. Ebd., S. 49-50.
  5. Ebd., S. 46.
  6. Ebd., S. 48.
  7. Ebd., S. 44.
  8. Ebd., S. 301-302.
  9. Ebd., S. 29.
  10. Ebd., S. 40.
  11. Ebd., S. 32.
  12. Ebd., S. 40.