Über die Bedeutung des nationalen Willens im Konflikt um die Ukraine

Saladin im Kampf gegen Guido von Lusignam in der Schlacht von Hattin

Laut dem Historiker Jörg Baberowski werde vor allem der nationale Wille der Beteiligten über den Ausgang des Konflikts zwischen Russland und dem Westen um die Ukraine entscheiden. Wladimir Putin habe diesen Faktor als Schwäche des Westens, insbesondere Deutschlands, erkannt, und werde ihn kompromisslos zur Durchsetzung seiner Ziele ausnutzen. Auf deutscher Seite hingegen verstehe man die grundlegende Dynamik des Konflikts nicht und habe auch keine Strategie. Auf Dauer werde sich daher wahrscheinlich Russland durchsetzen.

  • Stärke sei „die einzige Sprache, die Putin versteht“, aber „die Europäer sind nicht stark“. Putin kenne vor allem „Deutschlands Schwächen, und er wird sie gnadenlos ausnutzen“. Im kommenden Winter werde er „seine mächtigste Waffe einsetzen können: die Abschaltung der Gasleitungen“. Diese Maßnahme ziele auf den Willen der deutschen Regierung über den Umweg der Bevölkerung.
  • Die russische Seite wisse, „dass die Unterstützung für die Ukraine schwindet, wenn sich die Wohnungen abkühlen und die Geldbeutel leeren“. Deshalb sei sie „an keinerlei Verhandlungen interessiert“ und werde „diesen Krieg so lange fortsetzten, bis die Einheitsfront im Westen erodiert“.
  • Sobald der Winter anbreche, würden „auch wir zu spüren bekommen, was es heißt, sanktioniert zu werden“. Er könne sich „nicht vorstellen, dass die Bürger in den Ländern des Westens um jeden Preis Opfer erbringen wollen“. In der westlichen Koalition gegen Russland sei Deutschland eines der schwächsten Glieder. Die russische Seite wisse dies und werde „so lange Krieg führen, bis die Zweifel im Westen Europas zur Gewissheit werden“ und die westliche Koalition gegen Russland zerbreche.

In Russland hingegen sei von „Kriegsmüdigkeit […] gar nichts zu spüren“. Im Fall einer längeren Dauer des Krieges werde Russland „gegenüber den Ländern des Westens im Vorteil sein, weil seine Bevölkerung zu größeren Opfern bereit ist als Deutsche oder Franzosen“ und „weil das Regime auf Wahlen und die öffentliche Meinung keine Rücksicht nehmen muss“. Zudem sei die nach innen gerichtete Propaganda des russischen Staates „wirkungsmächtig“.

Die Bundesregierung habe aufgrund ihrer moralistischen Weltsicht die Lage bezüglich Russlands falsch beurteilt:

„Russland ist, wie es ist – und nicht, wie wir es in Deutschland gerne hätten. Politiker, die es in der Diplomatie zu etwas bringen wollen, sollten wissen, mit wem sie es zu tun haben und was sie nicht erwarten können. Es reicht nicht, eine moralische Haltung zu vertreten und zu verteidigen, wenn der Gegner die Prämissen, auf denen diese Haltung beruht, nicht anerkennt. […] Es ist zweifellos moralisch geboten, sich einem Angriffskrieg zu widersetzen. Aber wer sich ihm erfolgreich widersetzen will, darf doch auch die Grenzen des Möglichen nicht aus den Augen verlieren.

Das „Verlangen, Russland müsse den Krieg verlieren“, sei „ein Verlangen, aber keine Strategie“. Auch die Sanktionen gegen Russland seien strategisch nicht durchdacht, weil sie Staaten wie Deutschland mehr schadeten als Russland. Eine „strategielose Konfrontation“ spiele „Putin in die Karten“, weil dieser (anders als die Bundesregierung) strategisch denke. Deshalb werde „sich Putin am Ende wahrscheinlich durchsetzen“.1

Hintergrund und Bewertung

Mit Defiziten der politischen Kultur Deutschlands, insbesondere ihrer gravierenden Mängel im Bereich des strategischen Denkens und ihrer Neigung zum Moralismus, haben wir uns hier auseinandergesetzt.

Der nationale Wille ist eine der zentralen Determinanten des Erfolgs von Staaten in Konflikten. Dieser Wille hängt unter anderem von der Stärke der Bindungen in einem Gemeinwesen ab. Diese Bindungen stellen somit eine strategische Ressource dar, mit der ein Staat nachhaltig umgehen sollte. In den vorherrschenden sicherheitspolitischen Diskursen in Deutschland wurde das Konzept des nationalen Willens in den vergangenen Jahrzehnten allerdings ignoriert.

Quellen

  1. Marc von Lüpke:  „‚Bald schon werden Rechnungen präsentiert‘“, t-online, 14.07.2022, URL: https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_92352266/bedrohung-fuer-deutschland-bald-schon-werden-rechnungen-praesentiert-.html, Zugriff: 16.07.2022.