Über den Widerstand gegen die Tyrannei – Teil 3: Wachsamkeit gegenüber Verfallserscheinungen

Michelangelo - Die delphische Sibylle

In seinen „Lektionen für den Widerstand“ gegen tyrannische Herrschaft betont der Historiker und Holocaustforscher Timothy Snyder, dass Geschichtspessimisten klüger dächten und entsprechende Risiken meist realistischer beurteilten als Fortschrittsoptimisten, weil sie wachsamer gegenüber Verfalls- und Auflösungserscheinungen jeglicher Art seien und die Möglichkeit krisenhafter Verläufe des historischen Geschehens niemals ausschlössen.

Eine wesentlich schlechtere geistige Grundlage für die Abwehr tyrannischer und totalitärer Tendenzen stelle der moderne Fortschrittsoptimismus mit seiner Ansicht dar, „Geschichte könne sich nur in eine Richtung bewegen: in Richtung liberaler Demokratie“. Die Vorstellung, dass man das „Ende der Geschichte“ erreicht habe, die liberale Demokratie für alle Zeiten unangefochten herrschen werde und die Zukunft in immer größerem Maße von Vernunft und Wohlstand geprägt seien werde, sei naiv. Der Liberalismus wiederhole hier den Fehler des Kommunismus, der die Verwirklichung seiner Utopie für ein historisches Gesetz hielt. Aus dem Scheitern der kommunistischen Utopie habe man die falsche Schlussfolgerungen gezogen: Anstatt die Vorstellung aufzugeben, dass sich die Geschichte auf ein utopisches Ziel hinbewege, sei man davon ausgegangen, dass die liberale Utopie wahr sei. Durch deren Fortschrittsoptimismus aber „schwächten wir unsere Abwehrkräfte, schränkten unsere Fantasie ein und ebneten genau den Regimen den Weg, die, wie wir uns einredeten, niemals zurückkehren würden“.1

Gegenwärtig sei eine pessimistische Wachsamkeit besonders wichtig, da viele Politiker in westlichen Gesellschaften eine „Politik der Unausweichlichkeit“ betrieben, die sie für alternativlos erklärten. Der Westen sei dadurch in „ein intellektuelles Koma“ eingetreten, in dem wesentliche politische Fragen nicht mehr diskutiert würden. Auch dies könne autoritäre und totalitäre Tendenzen begünstigen.2

Außerdem gebe es eine Tendenz dazu, grundlegende Freiheitsrechte durch die Erklärung von Ausnahmezuständen außer Kraft zu setzen. Durchaus reale Gefahren würden dabei als Vorwand verwendet, um Institutionen, die der Gewaltenkontrolle dienen sollten, zu entmachten. Jede im Sinne des Gemeinwohls handelnde Regierung müsse jedoch gleichermaßen Freiheit und Sicherheit gewährleisten und dürfe beide nicht gegeneinander ausspielen.

Vorsicht sei darüber hinaus geboten, wenn Regierungen ihre politischen Gegner als „Extremisten“ bezeichneten:

„Wenn Tyrannen von Extremisten sprechen, meinen sie einfach nur Menschen, die nicht mit dem Strom schwimmen – und es sind die Tyrannen selbst, die in diesem bestimmten Augenblick definieren, was der Mainstream ist. Dissidenten des 20. Jahrhunderts, ob sie sich dem Faschismus oder dem Kommunismus widersetzten, wurden als ‚Extremisten‘ bezeichnet. […] Auf diese Weise bezeichnet der Begriff des Extremismus im Grund alles – nur nicht das, was tatsächlich extrem ist: die Tyrannei.“3

Snyder spricht vom „Terrormanagement“, das autoritäre politische Akteure betrieben, um ihre Macht zu festigen. Sie missbrauchten dabei Ereignisse von nachrangiger Bedeutung, um nicht offen ausgesprochene Ziele durchzusetzen und vorhandene Institutionen zu zerstören. Der Prototyp für diese Art des Handelns sei der Umgang mit dem Reichstagsbrand durch die Nationalsozialisten. Die „plötzliche Katastrophe, die das Ende der Gewaltenteilung, die Auflösung von Oppositionsparteien, die Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Rechtsstaatlichkeit und so weiter erfordert“, sei „der älteste Trick im Lehrbuch Hitlers“.4 Ein „Augenblick des Schocks“ ermögliche „ewige Unterwerfung“ und die „Zerstörung unserer Institutionen“.5

Hintergrund und Bewertung

Der erste Teil unserer Serie über die Gedanken Snyders behandelte dessen Bejahung des Patriotismus. Der zweite Teil beschrieb die Bedeutung eines traditionellen Ethos in Institutionen, dass diese dazu befähige, im Ernstfall äußerem Druck standzuhalten.

Die Gedanken Snyders über die Klugheit pessimistischen Denkens werden durch die Worte zahlreicher Zeitzeugen totalitärer Herrschaft bekräftigt. Laut Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) scheine in der Gegenwart „nichts verbotener zu sein, als das, was man Pessimismus nennt – und was oft  einfach nur Realismus ist“.6

Romano Guardini sprach von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne. Er sei „die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt“.7 In den bevorstehenden Verwerfungen werde die „tragende Tugend“ vor allem „der Ernst sein, der die Wahrheit will“. Dieser Ernst wolle „wissen, worum es wirklich geht, durch alles Gerede von Fortschritt und Naturerschließung hindurch, und übernimmt die Verantwortung, welche die neue Situation ihm auferlegt“.8

Dietrich Bonhoeffer kritisierte die Tendenz gutwilliger Menschen zu Naivität und zum Wunschdenken. Diese Tendenz habe dazu geführt, dass diese Menschen die vom Nationalsozialismus ausgehende Bedrohung lange nicht erkannt hätten. Der materialistische Optimismus ignoriere die Realität des Bösen. Seine Anhänger würden häufig die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, nicht oder nur unvollständig erkennen, „in bester Absicht und naiver Verkennung der Wirklichkeit“.9

Fulton J. Sheen warnte vor dem Hintergrund der Bedrohung durch den Kommunismus vor einem „törichten Optimismus, der glaubt, das Leben bewege sich notwendigerweise auf ein gedeihliches Ziel hin“:

„Es ist charakteristisch für jede im Verfall begriffene Kultur, daß ihre Tragödie der großen Masse des Volkes nicht zum Bewußtsein kommt. Ganz allgemein ist die in einer Krise lebende Menschheit unempfindlich gegenüber dem Ernst ihrer Zeit. Die Menschen wollen nicht glauben, daß ihre eigene Zeit verderbt ist; teils, weil hiermit zuviel Selbstbeschuldigung verbunden wäre, vor allem aber, weil in ihrer Umwelt außerhalb des eigenen Ichs ein Maßstab fehlt, mit dem sie ihre Zeit vergleichen könnten. […] Nur der gläubige Mensch weiß wirklich, was in der Welt vorgeht; der großen glaubenslosen Masse kommt der mehr und mehr um sich greifende zerstörerische Prozeß nicht zum Bewußtsein, weil in ihr das Bild jener Höhen erloschen ist, aus denen sie herabstürzte. Nicht das ist die Tragödie, daß unsere Kultur die Zeichen des Alterns trägt, sondern daß wir versäumen, dies zu sehen.“10

Josef Pieper warf dem Denken der Aufklärung vor, die „Verbindung des Menschen mit der objektiven Wirklichkeit abgeschnitten“ zu haben, indem es leugne, dass der Mensch Teil der unverfügbaren Ordnung Gottes sei und statt dessen behaupte, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei und definiere, was Wirklichkeit sei.11 Insbesondere der Liberalismus leugne „in seiner verweltlichten und optimistischen Bürgerlichkeit […] die metaphysische Tatsache der Existenz des Bösen; des Bösen in der menschlichen und der dämonischen Welt“. An der Erkenntnis „dieser fundamentalen Wirklichkeit“ hindere „den aufgeklärten Liberalen sowohl seine entschiedene Weltlichkeit wie sein unbedingter Diesseits-Optimismus wie auch seine aus beiden erwachsene metaphysische Bürgerlichkeit“.12 Dieser Irrtum habe als Reaktion in Form des Nationalsozialismus „den zerstörerischen Gegenschlag eines Irrationalismus“ hervorgebracht, „der dem Primat des […] Geistes selbst […] den Krieg erklärt“ habe.13

Oswald Spengler sprach unmittelbar nach der Machtergreifung der von ihm abgelehnten Nationalsozialisten von einer „Angst vor der Wirklichkeit“, welche die „seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen“ sei. Diese Angst äußere sich in Flucht in Sentimentalität, einen „feigen Optimismus“ sowie „in erdachte und weltfremde Systeme“ und darin, dass man Wunschbilder an die Stelle der unerwünschten Tatsachen stelle. Je größer die Angst vor der Wirklichkeit sei, desto lauter würden die Bekundungen von Optimismus. Diese Wirklichkeitsflucht sei häufig mit utopischem Denken verbunden und auch eine Folge mangelnder Welterfahrung sowie des „schwachen, sich selbst hassenden Intellekts“ infantiler Persönlichkeiten. Sie sei kennzeichnend für „Männer, die zu lange oder immer Kinder geblieben sind“ und die sich als „ewige Jünglinge“ der Härte der Wirklichkeit nicht stellen wollten. Sie fände sich bei „kleinen müden Seelen, welche das Leben fürchten und den Blick auf die Wirklichkeit nicht ertragen“.14 Sein realistischer Pessimismus ermöglichte es Spengler sehr frühzeitig zu erkennen, dass der Nationalsozialismus in einer „Barbarei“ münden werde, die nicht die der „Germanen, sondern der Kannibalen ist: Foltern, Morden, Gesetzlosigkeit, Raub“.15 (sw)

Quellen

  1. Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, 7. Aufl., München 2021, S. 118-119.
  2. Ebd., S. 119-120.
  3. Ebd., S. 101-102.
  4. Ebd., S. 103.
  5. Ebd., S. 109.
  6. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 475.
  7. Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1950, S. 99.
  8. Ebd., S. 98.
  9. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Gütersloh 2016, S. 10.
  10. Fulton J. Sheen: Der Kommunismus und das Gewissen der westlichen Welt, Berlin 1950, S. 210.
  11. Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, Leipzig 1934, S. 15 f.
  12. Ebd., S. 21 f.
  13. Ebd., S. 17.
  14. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 3-10.
  15. Zit. nach Detlef Felken: „Nachwort“, in: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1998 (1923), S. 1197–1217, hier: S. 1204 f.