Über den Widerstand gegen die Tyrannei – Teil 2: Ehr- und Standesbewusstsein

Der Herzog von Burgund - Darstellung aus den Niederlanden, 15. Jhd.

In seinen „Lektionen für den Widerstand“ gegen tyrannische Herrschaft hebt der Historiker und Holocaustforscher Timothy Snyder die Bedeutung des traditionellen Ehr- und Standesbewusstsein hervor. Menschen und Institutionen, die von einem entsprechenden Ethos geprägt seien, gehörten zu den wirksamsten Gegnern von Versuchen, ungerechte Formen von Herrschaft zu errichten, weil sie im Ernstfall äußerem Druck standhielten. Totalitäre Ideologien hätten dieses Ethos daher stets bekämpft.

Die Verbrechen des Nationalsozialismus seien dadurch begünstigt worden, dass das traditionelle Ehr- und Standesbewusstsein in den 1930er Jahren in Deutschland nur noch schwach ausgeprägt gewesen sei:

„Hätten sich Juristen an die Norm gehalten, dass es ohne Prozess keine Hinrichtung gibt, hätten Ärzte die Regel akzeptiert, dass ohne Zustimmung des Patienten keine Behandlung möglich ist, […] hätten sich Bürokraten geweigert, den Papierkram in Sachen Mord zu erledigen, dann hätte sich das NS-Regime viel schwerer damit getan, die Gräueltaten zu begehen, für die es uns in Erinnerung geblieben ist.“1

Dies gelte auch für die Gegenwart, in der sich neue Formen tyrannischer Herrschaft auch in westlichen Gesellschaften abzeichneten:

„Wenn sich die Angehörigen von Berufsständen als Gruppe mit gemeinsamen Interessen, Normen und Regeln, denen sie allzeit verpflichtet sind, begreifen, dann können sie Vertrauen und tatsächlich so etwas wie Macht gewinnen. Vom Berufsethos müssen wir uns gerade dann leiten lassen, wenn man uns einreden will, wir befänden uns in einer Ausnahmesituation. Dann kann man nicht sagen, man befolge einfach Befehle.“2

Ein traditionelles Ethos könne tyrannischer Herrschaft wirksam entgegenwirken, etwa weil es einen bestimmten Begriff von Ehre über die Forderung zum Gehorsam und zur Konformität stelle:

„Wenn du im Staatsdienst eine Waffe trägst, möge Gott mit dir sein und dich beschützen. Aber denk daran, dass zu den Übeln der Vergangenheit auch gehörte, dass Polizisten und Soldaten eines Tages plötzlich irreguläre Dinge taten. Sei bereit, nein zu sagen.“3

Allgemein gelte dass, wo „politische Führer ein negatives Vorbild abgeben“, die „professionelle Verpflichtung auf gerechte Praxis umso wichtiger“ werde.4

Hintergrund und Bewertung

Der erste Teil unserer Serie über die Gedanken Snyders behandelte dessen Bejahung des Patriotismus.

Snyder verfasste seinen Text ursprünglich als Reaktion auf Entwicklungen in den USA während der Präsidentschaft Donald Trumps, bezog ihn aber ausdrücklich nicht nur auf diese Herausforderung, sondern warnte allgemein vor Auflösungserscheinungen in den Republiken des Westens, die in tyrannischer Herrschaft münden könnten.5

Vor einigen Tagen kritisierte er, dass in Deutschland Konzepte wie Ehre und Heldentum in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch „von der Sprache der Nazis kontaminiert“ seien. Die deutsche Debatte sei daher kaum dazu in der Lage, den Kampf der Ukrainer um „das nationale Überleben“ angemessen zu verstehen. Die Deutschen müssten zu einem normaleren Verständnis dieser Konzepte zurückfinden, wenn sie die Herausforderungen der Gegenwart erfolgreich bewältigen wollten.6

Die von Snyder geforderte Normalität im Umgang mit den oben erwähnten traditionellen Konzepten findet sich beispielsweise in den Schriften der Autoren Wolf Graf von Baudissin, Werner von Trott zu Solz und Josef Pieper, die nach dem Ende der nationalsozialistischen Tyrannei darauf hingewiesen hatten, dass die wirksamsten Teile des Widerstands gegen diese auf einem traditionellen Ethos beruhten. Die kulturelle Erneuerung des Landes und die Immunisierung seiner Kultur gegen mögliche neue Formen totalitärer und tyrannischer Herrschaft erforderten daher eine Rückkehr zu seiner christlichen Tradition. (sw)

Quellen

  1. Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, 7. Aufl., München 2021, S. 39.
  2. Ebd., S. 39.
  3. Ebd., S. 47.
  4. Ebd., S. 37.
  5. Ebd., S. 114.
  6. Timothy Snyder: „Deutschlands Verantwortung“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.06.2022, S. 7.