Über den Realitätsverlust der politischen Ordnung Deutschlands

Joos van Craesbeeck - Die Versuchung des heiligen Antonius

Der Philosoph Christoph Türcke kritisiert in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die laufende Loslösung der staatlichen Ordnung in Deutschland von der Realität. Das auf der Gender-Ideologie beruhende „Selbstbestimmungsgesetz“ verordne dem Land eine neue „Realitätsdoktrin“, weil es nicht objektive biologische und anthropologische Tatsachen, sondern die subjektiven Gefühle sexueller Minderheiten als Grundlage der Gesetzgebung betrachte. Die staatliche Ordnung werde dadurch korrumpiert, weil sie den Kontakt zur Wirklichkeit verliere.

Jede funktionierende staatliche Ordnung müsse auf objektiven Tatsachen gründen. Der Mensch sei „realitätstüchtig […] nur in dem Maße, wie er lernt, seine Empfindungen und Wünsche in ein Verhältnis zu Natur und Gesellschaft zu setzen“. Das Gefühl etwa, „Wahlsieger zu sein“, helfe „wenig, wenn die Zahlen dagegensprechen“.

Die Gender-Ideologie habe jedoch mit dem Realitätsprinzip gebrochen, wenn sie behaupte: „Als was ich mich fühle, das bin ich“. Außerdem hänge sie der Illusion an, dass der Mensch durch die „Verstümmelung von Organen“ und „lebenslange Hormonzufuhr“ sein Geschlecht ändern könne. Grundlage dieser Ideologie sei ein falsches Menschenbild, das den Menschen als „körperlose Substanz“ wahrnehme.

Das neue Selbstbestimmungsgesetz übernehme diese Zurückweisung der Realität. Es enthalte Regelungen, die es erforderten, Dokumente nachträglich zu fälschen, um die Illusion zu schaffen, dass die Person, die glaubt ihr Geschlecht geändert zu haben, „immer schon die gewesen, zu der sie sich jetzt deklariert hat“. Auch Geburtsurkunden oder Schulzeugnisse müssten dazu umgeschrieben werden. Wer die Wahrheit über den Geburtsnamen eines Menschen sage, müsse nun mit empfindlichen Strafen rechnen. Behörden würden somit „per Gesetz zur nachträglichen Urkundenfälschung angehalten“, was „ungeheuerlich“ sei, weil hier „ausdrückliche Geschichtsfälschung“ betrieben werde.

Auf dem „Gebiet der Sexualität“ werde gegenwärtig ein „Realitäts- und Wahrheitsverständnis“ erprobt, „das von dem autoritärer Regime nicht unterscheidbar“ sei. Dies dürfe nicht geduldet werden.1

Hintergrund und Bewertung

Mit dem Problemkomplex Gender-Ideologie haben wir uns hier näher auseinandergesetzt.

Diese Ideologie wird nicht mehr nur innerhalb kleiner radikaler Gruppierungen vertreten, sondern prägt zunehmend auch das staatliche Handeln und die Gesetzgebung. Dies stellt ein gravierendes Problem dar, weil die Institutionen eines Gemeinwesens wirklichkeitsgerecht, d. h. auf Grundlage eines realistischen Menschenbildes gestaltet sein müssen, um im Sinne des Gemeinwohls funktionieren zu können. Eine staatliche Ordnung, die auf unwahren Aussagen über den Menschen beruht, könnte dies nicht, zumal die historische Erfahrung zeigt, dass die von Unwahrheit ausgehenden korrumpierende Wirkung schrittweise immer weitere Bereiche dieser Ordnung erfasst, wenn dem nicht entschlossen entgegengewirkt wird.

Eric Voegelin hatte bereits vor langer Zeit beobachtet, dass in westlichen Gesellschaften zunehmend die „Atmosphäre eines Irrenhauses“ herrsche. Die Ursache dafür sei deren Verlust der Bindung an die transzendente Wirklichkeit. Anders als einige Denker der Aufklärung erwartet hätten, würden Gesellschaften mit zunehmender Loslösung von ihren transzendenten Grundlagen nicht vernünftiger werden, sondern schrittweise den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Utopische Ideologien würden dabei die Rolle von Ersatzreligionen einnehmen, die anders als authentische Religion jedoch auf fundamentalen Irrtümern und Wunschdenken beruhten.

Die Tatsache, dass auch bezüglich offensichtlicher Tatsachen wie der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen in westlichen Gesellschaften heute kein Konsens mehr herzustellen ist, bestätigt Voegelins Warnungen. Dieser ging davon aus, dass eine wahnsinnig gewordene Zivilisation sich eines Tages von selbst zerstören werde. Der Totalitarismus als Herrschaft utopischer Aktivisten sei „die Endform der progressiven Zivilisation“. Eine Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation sei jedoch möglich, wenn die tragenden Eliten von Staat und Kultur wieder Anschluss an transzendente Wahrheit gewönnen.2 (sw)

Quellen

  1. Christoph Türcke: „Gesetzlich verordnetes Vergessen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2022.
  2. Eric Voegelin: Die Neue Wissenschaft der Politik. Eine Einführung, München 2004, S. 134.