Europa steht am Beginn einer Polykrise

Ludolf Backhuysen - Kriegsschiffe im schweren Sturm (gemeinfrei)

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze schreibt in einem Aufsatz in der Wochenzeitung „Die Zeit“ über ein Phänomen, das er als in Anknüpfung an Edgar Morin als „Polykrise“ bezeichnet. Europa und der Rest der Welt stünden demnach nicht vor einer einzigen Krise, sondern vor einer ganzen Reihe sich gegenseitig verstärkender, konvergierender Krisen. Diese könnten die vorhandenen Fähigkeiten zur Krisenbewältigung überdehnen.

Eine Polykrise lasse sich „definieren als eine Situation, in der das Ganze gefährlicher ist als die Summe seiner Teile“, weil Wechselwirkungen zwischen den Einzelkrisen dazu führten, dass die Gesamtlage sich deutlich verschlechtere. So könne etwa eine mögliche globale Rezession die politische Stabilität der USA gefährden, was wiederum den europäischen Währungsraum belasten und sich negativ auf die Ernährungsproblematik in Entwicklungsländern auswirken würde.

Diese Wechselwirkungen seien „komplex und schwer abschätzbar“. Sie dürften jedoch „tendenziell eher eskalierend als deeskalierend sein“. Dies sei „keine Untergangsprophezeiung, sondern eine Beschreibung der Dimension des Problems“. Sicher sei nur, dass „die Geschichte nicht zu Ende ist, sondern ihre Bewegungen an Tempo und Intensität zunehmen“.1

Hintergrund und Bewertung

Journalisten des „Handelsblatts“ schrieben kürzlich in einer ausführlichen Analyse der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage, dass ein „perfekter Sturm“ heraufziehe, der die ganze Welt erfassen könne.

Günther Rohrmoser hatte bereits 1994 vor dem von Tooze beschriebenen Phänomen gewarnt und eine Reihe konvergierender Krisentendenzen in Deutschland und Europa beschrieben. Diese seien unmittelbare Folgen geistig-kultureller Auflösungsprozesse bzw. der Durchsetzung utopischer Ideologien. Der Verlust der gewachsenen christlich fundierten kulturellen Identität Europas könne begünstigen, dass die Antwort auf die sich abzeichnenden Krisen ein bloßer nationaler Populismus anstelle eines gefestigten Konservatismus sein werde. Die Entwicklung werde mittelfristig einen Punkt erreichen, an dem sie die Resilienz der im Zuge der Erosion kultureller Substanz immer schwächer werdenden Gesellschaften Europas überfordert. Dies werde gravierende Verwerfungen nach sich ziehen. Deutschland und Europa hätten es mit „katastrophenträchtigen Entwicklungen zu tun“.2

Quellen

  1. Adam Tooze: „Kawumm!“, Die Zeit, 14.07.2022, S. 2.
  2. Günter Rohrmoser: Der Ernstfall. Die Krise unserer liberalen Republik, Stuttgart 1994.