Über die Kulturrevolution in der Kirche

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Theologe Bernhard Meuser analysiert in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Kulturrevolution, welche die Anhänger utopischer Ideologien derzeit in der katholischen Kirche in Deutschland vollzögen. Es entstehe eine „korrumpierte Kirche“, die durch die Bejahung jeglichen sexuellen Verlangens massenkompatibel bleiben wolle.

Unter der „Oberfläche des katholischen Universums“ wirkten gegenwärtig „gewaltige Antagonismen“. Theozentrische, die Bindung des Menschen an Gott betonende Kräfte kämpften hier gegen anthropozentrische Kräfte, welche die mutmaßliche Autonomie des Menschen in den Vordergrund stellen. Die letzteren Kräfte würden sich zunehmend radikalisieren:

  • Die „anthropozentrische Kirche“, welche die katholische Kirche von innen heraus überforme, wende sich mit „Populismen“ an die Masse, wobei sie die christliche Forderung nach einem im Glauben erneuerten Leben vollständig eliminiere.
  • Die Lehre der Anthropozentriker stehe im Widerspruch zur „Heiligen Schrift und kirchlicher Lehre“ und habe die „Transzendenz des Selbst, den Gottesbezug, gelöscht“. An die Stelle Gottes trete dort der „autonome Mensch“, der sich „selbst erschafft“ und durch die Bejahung seiner Triebe und Neigungen zum richtigen Leben und Handeln gelangen solle.
  • Im „Konzept autonomer Selbstermächtigung“ sei „erlaubt, was gefällt, sofern es dem anderen auch gefällt, mit dem es beziehungsethisch gut verhandelt ist“. Gott werde dabei „zur segnenden Randfigur unseres Tuns; er ist ethisch nicht mehr konstitutiv“. Der „ohnehin auf Individualismus gepolte Mensch“ wisse nach dieser Vorstellung „selbst, was gut für ihn ist“.
  • Die „neue Ethik“ sei „keine Ethik der Entsprechung zum Göttlichen“ sondern gründe auf dem „jeweils individuellen Begehren der Person“, vor allem dem sexuellen Begehren, dass unterschiedslos für gut erklärt wird. Der Satz des Satanisten Aleister Crowley, „Tue, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“, könnte „auch von einem der einschlägigen Theologen stammen“.

Das „Herz des Christlichen“ werde dabei „durch ein anderes ersetzt“, denn nach christlichem Verständnis sei der Mensch nicht autonom, sondern könne nur durch die Ausrichtung auf Gott das Gute erlangen. Eine Kirche, die treu zu Gott und zu ihrer Lehre stehe, sei zwangsläufig nur „bedingt anschlussfähig“. Sie „eckt an, und zwar aus Prinzip“. Von „Wort und Lehre gebunden, setzt sie sich ab von dem, was man tut, weil alle es tun“. Sie sei aber „anschlussoffen durch Bekehrung“ zu den „unbequemen Weisungen“ Gottes.

Die „neue Ethik“ und die „neue, massenkompatibel gedachte Kirche“ jedoch seien „tendenziell gottlos“. Der „Versuch, etwas zu sagen und zu sein, was allen gefällt und niemanden verletzt“, ende „in der Gottferne“. Mit dem „institutionellen Kollaps“ der so verstandenen Kirche müsse gerechnet werden.1

Hintergrund und Bewertung

Ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten der Kanzlei Westphal Spilker Wastl über sexuellen Missbrauch in der Diözese München und Freising unterstrich, dass für eine unterschiedslose Bejahung sexueller Leidenschaften seitens der Kirche kein sachlicher Anlass besteht. Laut dem Gutachten müsse mit “Nachdruck” darauf hingewiesen werden, dass die Untersuchungen „Belege für eine ausgeprägte Homosexualität“ bei den Tätern ergeben hätten. Es entstehe zudem der Eindruck „eng geknüpfter Netzwerke“, die „bis hin zu herausgehobenen Positionen in der Hierarchie des Ordinariats unterhalten wurden“.2

Diese Beobachtung lässt Rückschlüsse auf mögliche persönliche Motive bei einigen der von Meuser kritisierten Anthropozentriker zu. Meuser hatte diesbezüglich vor einiger Zeit kritisiert, dass „starke innerkirchliche Kräfte“ die homosexuelle Dimension des Großteils der Missbrauchsfälle nicht anerkennen wollten. Aus der Missbrauchsproblematik und der Verschleierung ihrer Ursachen entstehe eine existenzielle Bedrohung für die Kirche, die derzeit eine „totale Verfinsterung“ durchlaufe und vor dem vollständigen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit stehe.3

Nicht nur die kleinen traditionsorientierten Gemeinschaften in der katholischen Kirche, sondern auch Persönlichkeiten wie Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) warnen seit langem vor den oben beschriebenen Entwicklungen und ihren Folgen. Insbesondere Ratzinger hat frühzeitig auf die absehbaren Folgen des Eindringens kulturrevolutionärer Ideologien in die Kirche hingewiesen:

  • Laut Ratzinger habe mit der Kulturrevolution der 68er-Bewegung der „Einbruch des Marxismus“ in die Kirche begonnen. Durch die damit verbundene Politisierung der Theologie sei „Gott ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt“ worden.4 Die von Meuser angesprochene Aufwertung homosexueller Lebensstile ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie innerhalb der ein neomarxistisches Narrativ (in diesem Fall das der mutmaßlich unterdrückten Minderheit) für die Durchsetzung revolutionärer Ziele eingesetzt wird.
  • Man habe es gegenwärtig mit “einer von der Macht des Bösen bedrängten Kirche” zu tun.5 In der Kirche wirke nicht nur “die leise Macht der Güte Gottes”. Man begegne hier auch “der verwirrenden Macht des bösen Geistes”. Viele seien “nur scheinbar” Teil der Kirche, lebten “in Wirklichkeit aber gegen die Kirche”. Es gebe in der Geschichte auch Zeiten, “in denen die Macht des Bösen alles verdunkelt”.6
  • Selbst in der Priesterschaft gebe es mittlerweile „viel Schmutz“. Oft erscheine die Kirche „wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist“. Es gebe in ihr „mehr Unkraut als Weizen“. Es sei erschütternd, das „verschmutzte Gewand und Gesicht“ der Kirche anzuschauen.7
  • Die Kirche sei aufgrund der sich in ihr abzeichnenden Entwicklungen oft nicht mehr Zeichen, „das zum Glauben ruft […] sondern eher das Haupthindernis, ihn anzunehmen.8

Es werde „der Kirche auf Dauer nicht erspart bleiben“, den „Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden“.9 Sie müsse für die Welt da sein, aber nicht von dieser Welt.10 Er sprach in diesem Zusammenhang von den „Wenigen, welche die Kirche sind“, und denen „in der Fortführung der Sendung Christi die Vertretung der Vielen aufgetragen“ sei.11

Von einer „Kulturrevolution“ in der Kirche sprach auch der Philosoph Robert Spaemann, demzufolge die gängigen Interpretationen des II. Vatikanischen Konzils „eine Epoche des Niedergangs eingeleitet“ habe. Das Konzil habe „die Katholiken lasch gemacht“.12

Der brasilianische Bischof Geraldo de Proença Sigaud äußerte während des Konzils die Sorge, dass der „unversöhnliche Feind unserer Kirche“ danach strebe die „Stadt Gottes“ bzw. die Kirche umzustürzen und an seiner Stelle die „Stadt des Menschen“ zu errichten. Sein Name sei „Revolution“. Er wolle die „ganze Struktur des menschlichen Lebens, die Gesellschaft und die Menschheit ohne Gott, ohne die Kirche, ohne Christus, ohne die Offenbarung aufbauen, indem er sich nur auf die menschliche Vernunft, auf die Sinnlichkeit, auf die Gier und auf den Hochmut stützt“. Er strebe zudem danach, „die Kirche von ihren Grundfesten her umzustürzen, zu zerstören und zu verdrängen“. Die Führung der Kirche verhalte sich im Angesicht dieser Bedrohung „so wie die Bewohner von Konstantinopel in den Jahren vor der Niederlage: blind – sie wollten die Gefahr nicht sehen“.13

Quellen

  1. Bernhard Meuser: „Gott spielt nur eine Rolle am Rande“, Neue Zürcher Zeitung, 07.06.2022, S. 19.
  2. Westphal Spilker Wastl Rechtsanwälte (Hrsg.): “Sexueller Missbrauch Minderjähriger, und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019. Verantwortlichkeiten, systemische Ursachen, Konsequenzen und Empfehlungen”, 20.01.2022, S. 423-425.
  3. Bernhard Meuser: „Deal mit dem Missbrauch“, Welt & Kirche, Nr. 13 (2021), S. 16-19.
  4. Zit. nach Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben, München 2020, S. 512.
  5. Zit. nach Ebd., S. 1075.
  6. Zit. nach Ebd., S. 1079-1080.
  7. Zit. nach Ebd., S. 749.
  8. Joseph Ratzinger: „Warum ich noch in der Kirche bin“, in: Ders./Hans Urs von Balthasar: Warum ich noch ein Christ bin. Warum ich noch in der Kirche bin. 2 Plädoyers, München 1971, S. 55-75.
  9. Zit. nach Seewald 2020, S. 318.
  10. Zit. nach Ebd., S. 319.
  11. Zit. nach Ebd., S. 321.
  12. Lucas Wiegelmann: „‚Das Konzil hat die Kirche lasch gemacht‘“, Die Welt, 26.10.2012, S. 23.
  13. Zit. nach Seewald 2020, S. 376-377.