Über den Widerstand gegen die Tyrannei – Teil 1: Patriotismus

Frank Craig - La Pucelle (gemeinfrei)

Laut dem Historiker Timothy Snyder befinden sich die freien Republik des Westens in einem Zustand innerer Auflösung. Das Risiko totalitärer und tyrannischer Herrschaft sei in den USA und Europa keinesfalls gebannt. Vor diesem Hintergrund identifizierte Snyder auf der Grundlage historischer Erfahrungen eine Reihe von “Lektionen für den Widerstand”, von denen wir einige in einer kurzen Serie vorstellen. Zu diesen Lektionen gehört die Bedeutung des Patriotismus.

Bereits die Gründerväter der amerikanischen Verfassung seien besorgt gewesen, dass die von ihnen geschaffene Republik ebenso zusammenbrechen und zu einer Tyrannei degenerieren könnte wie ihre griechischen und römischen Vorbilder. Tatsächlich sei das “amerikanische Experiment” heute durch entsprechende Tendenzen bedroht. Allgemein sei die “Geschichte der modernen Demokratie eine des Verfalls und des Untergangs”, wie der Zusammenbruch vieler europäischer Demokratien im Angesicht der Bedrohung durch Nationalsozialismus und Kommunismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt habe1

Die Demokratie drohe auch heute “nicht nur in einem Großteil Europas, sondern auch in vielen Teilen der Welt” zu scheitern. Die Möglichkeit dieses Scheiterns zu leugnen, sei “der erste Schritt in Richtung Katastrophe” und ein Ausdruck eines realitätsblinden Denkens.2

Patriotismus könne dem Risiko des Scheiterns freiheitlicher Republiken entgegenwirken. Die entsprechende Lektion aus den Ereignissen des 20. Jahrhunderts laute:

“Lebe den künftigen Generationen vor, was dein Land bedeutet. Sie werden dein Beispiel nötig haben.”3

Patrioten seien wachsam gegenüber dem Verfall des Gemeinwesens und träten ihm entgegen.4 Patriotismus bedeute, “dem eigenen Land zu dienen”.5 Ein Patriot wolle, “dass die Nation seinen Idealen entspricht, was bedeutet, dass er uns darum bittet, uns von unserer besten Seite zu zeigen”. Er müsse sich “mit der wirklichen Welt beschäftigen, denn sie ist der einzige Ort, an dem sein Land geliebt und unterstützt werden kann”. Er verfüge “über universelle Werte, über Maßstäbe, nach denen er seine Nation beurteilt, der er immer nur das Beste wünscht – und der er wünscht, es möge ihr noch besser ergehen”.6

Hintergrund und Bewertung

Alle bislang von uns veröffentlichten Beiträge zum Thema Patriotismus finden sich hier.

Thomas von Aquin definierte den Tyrannen im 13. Jhd. in Anknüpfung an Aristoteles als einen Herrscher, der das Gemeinwohl verachte und im Amt seine persönlichen Interessen verfolge oder von seinen Leidenschaften getrieben handele, anstatt dem Gemeinwohl zu dienen.7

In seinem ursprünglich 2010 erschienenen Werk “Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin” trat Snyder als antitotalitärer Denker hervor, der wesentlich zur öffentlichen Debatte über die mangelnde Aufarbeitung der historischen Verbrechen des Kommunismus in Osteuropa beigetragen hat.8 Seine Beschreibung des von Kommunisten verantworteten genozidalen Massenmords an der Bevölkerung der Ukraine in den 1930er Jahren wird gegenwärtig vielfach als Erklärung für die Intensität des ukrainischen Widerstands gegen die laufende russische Invasion herangezogen.

Quellen

  1. Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, 7. Aufl., München 2021, S. 9-11.
  2. Ebd., S. 114.
  3. Ebd., S. 111.
  4. Ebd., S. 114.
  5. Ebd., S. 113.
  6. Ebd., S. 114.
  7. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 14-15.
  8. Timothy Snyer: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, 6. Aufl., München 2022.