Kultureller Verfall und Erneuerung im Gralsmythos

Edwin Austin Abbey - Galahad erlangt den Gral (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Laut dem Religionswissenschaftler Mircea Eliade steht die Frage nach den Ursachen kulturellen Verfalls und den Voraussetzungen kultureller Erneuerung im Zentrum des Gralsmythos, den er in seinem Werk Ewige Bilder und Sinnbilder als den “erhabenen Mythos Europas” bezeichnete. Der Gralsmythos enthalte zeitlos gültige Antworten auf diese großen Fragen.

Die Gralserzählungen beschreiben unter anderem das erfolgreiche Vordringen eines den Heiligen Gral suchenden Helden aus einer im Verfall befindlichen Welt zur Gralsburg. Dort stellt der Held fest, dass die Gemeinschaft der Gralsritter sich in einem schlechten Zustand befindet, und dass der ihr vorstehende König scheinbar unheilbar erkrankt ist:

“Man entsinnt sich der rätselhaften Krankheit, die den alten König und Bewahrer des Gralsgeheimnisses lähmte. Indes war er es nicht allein, der Leid trug; rings um ihn fiel alles in Trümmer, zerbröckelte: der Palast, die Türme, die Gärten; die Tiere blieben ohne Nachkommenschaft, die Bäume ohne Frucht, die Quellen versiegten. Viele Ärzte hatten versucht, den Sündigen König zu heilen – ohne den geringsten Erfolg. Tag und Nacht kamen Ritter, die alle gleich nach des Königs Gesundheitszustand fragten. Ein einziger Ritter – arm, unbekannt, ja ein wenig lächerlich – erlaubte es sich Zeremoniell und Höflichkeit zu mißachten. Sein Name war Parsifal.”

Dieser stellt in einigen Fassungen der Gralserzählung in Gegenwart des Königs die Frage danach, was der Gral ist, der auf der Gralsburg durch die Gralsritter gehütet wird, und löst damit die Heilung des Königs und die Erneuerung des verfallenen Landes aus:

“Im selben Augenblick wandelt sich alles: der König erhebt sich von seinem Schmerzenslager, die Flüsse und Quellen beginnen von neuem zu strömen, die Vegetation lebt wieder auf, auf wunderbare Weise ist das Königsschloß wiederhergestellt. Die wenigen Worte Parsifals hatten ausgereicht, die gesamte Natur zu regenerieren.”

Der Grund dafür sei, dass die Frage nach dem Gral gleichbedeutend mit der Frage nach religiöser, metaphysischer Wahrheit ist:

“Diese wenigen Worte nämlich hatten die zentrale Frage enthalten, das einzige Problem, das nicht nur den Sündigen König, sondern den ganzen Kosmos zu interessieren vermochte: wo befind sich das Wirkliche par excellence, das Heilige, das Zentrum des Lebens, der Quell der Unsterblichkeit? Wo befand sich der Heilige Gral? Vor Parsifals Ankunft hatte niemand daran gedacht, diese zentrale Frage zu stellen – und die Welt verdarb an dieser metaphysischen, religiösen Gleichgültigkeit: sie verdarb, weil die Imagination und Sehnsucht nach dem Wirklichen fehlte.”1

Eliade sah im Gralsmythos ein Beispiel für eine “Symbolik des Zentrums”, die sich in vielen Mythen der Menschheit wiederfinde und wesentlich älter sei als die großen Weltreligionen. Die dahinterstehende Weltanschauung gehe davon aus, dass der Kosmos aus drei Regionen bestehe. Der Kontakt zwischen der Region des Göttlichen und der Region des Menschen sei nur entlang einer Weltachse möglich, die durch einen Weltenbaum oder -Berg symbolisiert werde, und die alle Regionen des Kosmos miteinander verbinde. Im Gralsmythos symbolisiert die Gralsburg diese Achse, und der Kontakt zur Sphäre des Göttlichen erfolgt über den Heiligen Gral, der die Eucharistie bzw. Jesus Christus symbolisiert.

Hintergrund und Bewertung

Mit dem Gralsmythos und den von Eliade angesprochenen Aspekten haben wir uns hier und hier näher auseinandergesetzt.

Während modernes und postmodernes Denken den Begriff des Mythos zur Bezeichnung unwahrer Erzählungen verwendet, stellt der Mythos im traditionellen Verständnis eine Erzählung dar, die metaphysische Wahrheit vermittelt. Eliade sah im mangelnden Verständnis der Moderne für das mythische Denken eine wesentliche Ursache für die sie prägenden kollektiven psychischen Störungen. Der Mensch, der keinen Zugang zum Mythos mehr habe, sei „abgeschnitten von der tiefen Realität des Lebens und seiner eigenen Seele“.2 Er ging jedoch von einer Rückkehr des mythischen Denkens aus, da die Suche nach dem Absoluten und dem Heiligen im Menschen angelegt sei. Mythen kämen zudem “aus zu weiter Ferne, als daß sie sterben könnten: sie bilden einen Teil des Menschen, und es ist unmöglich, daß sie irgend einmal nicht mehr auffindbar wären”.3

Die im vor rund 850 Jahren entstandenen Gralsmythos vermittelte metaphysische Wahrheit über das Leben und den Tod eines Gemeinwesens oder einer Kultur wurde von Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften erst im 20. Jahrhundert erkannt, etwa durch Eliade, aber auch durch den Politikwissenschaftler Eric Voegelin. Kultur ist demnach der dynamische Versuch, eine im Transzendenten verortete Vorstellung heiliger Ordnung in soziale Ordnung und entsprechende Werke umzusetzen. Nur Religionen könnten die Ideale hervorbringen, aus denen höhere Kulturen entstehen, und auf die sie hinwachsen. Die Abwendung von der sie begründenden Religion entziehe einer Kultur und damit auch dem auf ihr beruhenden Gemeinwesen die Grundlage und führe zu deren Auflösung und letztlich zu deren Tod.

Um dies zu verhindern und bereits eingetretene Auflösungsprozesse umzukehren, ist der Schutz des metaphysischen Zentrums von Kultur und Gemeinwesen und die ständige Erneuerung der Bindung aller Bereiche des Lebens an dieses Zentrum notwendig.

Quellen

  1. Mircea Eliade: Ewige Bilder und Sinnbilder. Über die magisch-religiöse Symbolik, Frankfurt a. M./Leipzig 1998, S. 61-62.
  2. Ebd., S. 22.
  3. Ebd., S. 25.