Die Kirche als Meta-Nation

Jesus Christus als König - Aus den Heures de Louis de Laval, 15. Jhd.

Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnet die Kirche in einem heute in der Rheinischen Post veröffentlichten Gespräch als eine „Meta-Nation“, die sich über die weltlichen Nationen erhebe und nicht auf gemeinsamer Abstammung, sondern auf geteilter Erfahrung von Wahrheit beruhe:

“Das Konzept „Kirche“ enthält eine der wenigen Ideen, die auch für die Philosophie von elementarer Bedeutung bleiben. Es bezeichnet eine Assoziation von Menschen, die nicht aufgrund ihrer Herkunft zusammenhalten, sondern weil sie ein gemeinsames Wahrheitserlebnis haben oder suchen. Die platonische Akademie war die erste Institution dieser Art auf europäischem Boden. Radikal verstanden, meint Zugehörigkeit zu einer Kirche das Austreten aus allen familialen, tribalen, nationalen Besessenheiten und den Eintritt in eine pneumatische Kommune, in die Meta-Nation der Getauften.”

Weil die “nationaldämonischen Para-Christentümer” das Christentum “überall auf der Welt unterwandert” hätten und Christen in Kriegen immer wieder gegeneinander gekämpft hätten, ist das Christentum aus der Sicht Sloterdijk ein “gescheitertes Projekt”.1

Hintergrund und Bewertung

Bislang auf unserer Plattform zum Thema Nation erschienene Beiträge können hier abgerufen werden.

Voraussichtlich Ende dieses Jahres werden wir uns im Rahmen eines Symposiums in Wien zusammen mit Vertretern verschiedener Weltreligionen und christlicher Konfessionen mit möglichen religiösen Impulsen für die Gestaltung von Nationen auseinandersetzen. Dabei soll auch die grundsätzliche Frage diskutiert werden, inwiefern das Konzept der Nation im Widerspruch zum Konzept einer christlich fundierten Einheit der Völker Europas steht:

  • Otto von Habsburg kritisierte etwa, dass die Durchsetzung des nationalen Gedankens in Europa zur „Abkehr von der großen Idee des christlichen .Abendlandes“ geführt habe. Insbesondere der deutschen Tradition, die über viele Jahrhunderte weg eine “reichisch übernationale Haltung“ ausgezeichnet habe, sei nationales Denken eigentlich fremd.2
  • Charles Coulombe sprach in diesem Zusammenhang von einem “tiefen Europa“, in dem die Nation nicht verabsolutiert werde, sondern ein geistiges Ideal darstelle, das im Kontext christlich-abendländischen Denkens zu verwirklichen sei. Dieses Ideal in seinen Erscheinungsformen des “heiligen Deutschlands”, des “deep England” oder der “France profonde” sei von der Nation als politischem und historischem Phänomen zu unterscheiden.3 C. S. Lewis hatte sich in einem seiner Romane näher mit dieser spezifisch christlichen Idealvorstellung der Nation auseinandergesetzt.

Aus einer katholischen Perspektive hatte Papst Johannes Paul II. eine Theologie der Nation formuliert, welche nicht die Herauslösung des Individuums aus nationalen Bindungen fordert, sondern diese der übergeordneten Bindung an Gott unterstellt. Christen hätten die vorgefundenen Völker und Kulturen in Europa über die Jahrhunderte hinweg nicht aufgelöst, sondern auf ihre Vollendung hingearbeitet.

Christen stellten ein unsterbliches Volk dar, das unter den vergänglichen Völkern und Nationen lebe. Als unsterbliches Volk überdauerten sie den Tod von Nationen und sogar ganzer Zivilisationen. Wo diese dazu bereit seien, könne es ihnen neues Leben geben, aber in einem Jahrhunderte umspannenden Prozess auch neue Zivilisationen und Nationen in seinem Geist schaffen, so wie es in der Geschichte Europas schon einmal geschehen sei.

Quellen

  1. Lothar Schröder: “‘Das Christentum ist ein gescheitertes Projekt’“, Rheinische Post, 03.06.2022, S. 24.
  2. Otto von Habsburg: Die Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung, Wien/München 1986, S. 41-45.
  3. Charles A. Coulombe: „Deep Europe, Real Europe“, The European Conservative, Summer/Fall 2019, S. 33-37.