Dekadenz bedeutet, nicht kämpfen zu wollen

Europäische Kampfkunst im Mittelalter - Darstellung aus dem Fechtbuch des Mönches Liutger, ca. 1300

Deutschland und andere europäische Staaten stehen wahrscheinlich vor den größten Herausforderungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund plädierte der Politikwissenschaftler Heinz Theisen auf einem Kongress des „Polska Wielki Projekt“ für ein Paradigma der Selbstbehauptung. Dekadenz bedeute, nicht mehr kämpfen zu wollen. Die bevorstehenden Krisen könnten in Europa einen Paradigmenwechsel hin zu einer Kultur der Selbstbehauptung sowie zu einer Erneuerung des Bürgertums in seiner Rolle als Träger des Gemeinwesens einleiten.

Jahrzehnte der Sicherheit hätten dazu geführt, dass in Westeuropa eine Entfremdung von der Wirklichkeit eingesetzt habe. In Folge dessen sei hier eine allen Gesetzen des Lebens widersprechende Kultur der Selbstverleugnung entstanden, auf der sich keine dauerhaften Gemeinwesen aufbauen ließen. Diese Kultur sei dekadent, weil sie nicht mehr kämpfen wolle, und nicht dazu in der Lage, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen.

Europa könne es sich in der gegenwärtigen Lage jedoch nicht länger leisten, die Wirklichkeit auszublenden und müsse zu einer Kultur der Selbstbehauptung zurückfinden:

  • Ein Weg dazu sei eine Erneuerung des Bürgertums als Träger des Gemeinwesens. Als kulturelles Konzept und als Ideal beruhe das Bürgertum auf dem vernünftigen Ausgleich zwischen gegensätzlichen Forderungen des Lebens. Solche Gegensätze bestünden etwa zwischen dem Nahen und dem Fernen, Rechten und Pflichten, dem Eigeninteresse und dem Gemeinwohl sowie zwischen den Bedürfnissen der Gegenwart und denen künftiger Generationen.
  • Der Aufstieg der freiheitlichen Republiken des Westens sei die Folge der Verwirklichung dieses Ideals gewesen. Eine erneute Zuwendung zu diesem Ideal könne zur Bewältigung der Krisen Europas beitragen.
  • Europa sei verwundbar geworden, weil Bürger zunehmend in den Blick auf die Wirklichkeit verstellenden Schlagwörtern dächten und sich Extremen zugewandt hätten, etwa der Bevorzugung des Ferne auf Kosten des Nahen. Praktisch betrachtet bedeute einer Erneuerung des Bürgertums, sich von solchen Extremen abzuwenden und etwa dem Nahen wieder seinen angemessenen Rang einzuräumen.
  • Zu den Gesetzen des Lebens gehöre auch die Tatsache, dass das, was sich nicht begrenze, nicht dauerhaft lebensfähig sei. Selbstbehauptung erfordere immer auch Selbstbegrenzung. Zukunft habe ein „glokales“ Bürgertum, das Patriotismus gegenüber dem Gemeinwesen, in dem es lebt, mit einer europäischen und atlantischen Identität verbinde.

Die bevorstehenden Verwerfungen könnten im Sinne von Joseph Schumpeters Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ kulturelle Veränderungen in die oben beschriebene Richtung begünstigen. Man müsse bereits Vorkehrungen für diese Verwerfungen und die Zeit danach treffen. Die meisten gesellschaftlichen Institutionen seien im Kern defekt und müssten von unten bzw. von der Arbeitsebene her neu aufgebaut werden.1

Hintergrund und Bewertung

Einen Verlust des offensiven Geistes, der Gemeinwesen zur Bewältigung von Herausforderungen befähigt, hatte kürzlich auch der Physiker und Raumfahrer Ulrich Walter beobachtet. Offenbar würden Gesellschaften dekadent, wenn es ihnen zu gut ginge. Dann „kommen sie auf merkwürdige Gedanken, neigen zu übertriebenem Moralismus und verlieren die Bodenhaftung“. Zu den Folge gehöre der Verlust des Interesses an den harten naturwissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen des Gemeinwohls. Deutschland habe in Folge dessen im Bereich Wissenschaft und Technik bereits in vielen Bereichen seine Führerschaft verloren, von der der Wohlstand des Landes abhänge:

„Wir haben kein Schwert mehr – und zwar nicht nur im militärischen, sondern auch im wissenschaftlichen Sinne. Uns fehlt der Pioniergeist, den wir bräuchten, um das Ruder herumzureißen. […]  Wahrscheinlich müssen wir erst durch ein tiefes und langes Tal gehen, bevor sich unsere Gesellschaft besinnt und neu durchstartet. Das kann durchaus 100 Jahre dauern.“

Die bevorstehenden Verwerfungen könnten helfen, eine „Rückbesinnung auf die wirklich wichtigen Dinge“ herbeizuführen, „die die Grundlage für unseren Wohlstand sind“.2

Auf Theisens Gedanken zu Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik waren wir bereits hier näher eingegangen.

Theisen hatte bereits frühzeitig vor einer möglichen Eskalation des Russland-Ukraine-Konflikts gewarnt. Als Antwort auf die Bedrohung Europas durch Akteure und Konflikte an seiner Peripherie entwarf er das Konzept der „Selbstbehauptung durch Selbstbegrenzung“, dessen Kerninhalte er mit den Begriffen “Abgrenzung, Zurückdrängung, Eindämmung und Koexistenz“ beschrieb.

Die Fähigkeit zu Kämpfen würden europäische Gemeinwesen nicht für kontraproduktive militärische Interventionen außerhalb Europas benötigen, sondern zur Abschreckung möglicher äußerer Feinde. Ein „Mangel an Selbstbehauptung“ sei „in einer chaotischen Welt kein Beitrag zum Frieden“. Vielmehr „provoziert diese Schwäche Eskalationen und Übergriffe gegen sie und sie erhöht zudem die gesamte Unordnung des Planeten“. Gleichzeitig müsse sich Europa „auf den eigenen Kultur- und Strukturraum“ begrenzen.3 Durch globale militärische Interventionen und das Streben nach Ausweitung im Osten habe die NATO „die eigene Verteidigung geschwächt, andere Regionen destabilisiert und durch die Folgen dieser Destabilisierung die eigenen Gefährdungen, vor allem die der Europäer, erhöht“.4 (sw)

Quellen

  1. „Eternal Europe. Panel: Baucum, Engels, Krier, Lewicki and Theisen. Polska Wielki Projekt, 12.6.2022“, youtube.com, 14.06.2022, URL: https://www.youtube.com/watch?v=so1N6_z5zSc, Zugriff: 24.06.2022.
  2. Norbert Lossau: „Wissenschaft ohne ‚Schwert'“, Die Welt, 11.04.2022, S. 8.
  3. Heinz Theisen: Selbstbehauptung. Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen, Reinbek 2022, S. 22-23.
  4. Ebd., S. 358.