Über die ritterliche Seele

Jeanne d'Arc

Hans Urs von Balthasar beschrieb die katholische Heilige und Kirchenlehrerin Therese von Lisieux (1873-1897) in einer 1950 erschienenen Biographie als eine ritterliche Seele und als lebendiges Gegenbeispiel zur „Harmlosigkeit eines verbürgerlichten Christentums“.

Die Heilige sei eine „Kämpfernatur“ und „unerschrocken und aggressiv“ gewesen. Sie habe den Krieg gelebt.1 Ihre Schlachten seien dabei nicht weltlicher Art gewesen, sondern mittels vorbehaltlosem, dienendem Gehorsam gegenüber Gott, totaler Nächstenliebe und bedingungsloser Selbstaufopferung „im Frieden für den Frieden geschlagen“ worden. Ihr Kampf habe sich gegen den „menschlichen Willen zur Macht mit den Mitteln der Religion“ und den „Willen zur eigenen Größe an Stelle der alleinigen Größe Gottes“ gerichtet.2 Ihr Feind sei die „Versuchung der Vollkommenheit“ bzw. der Stolz des Menschen gewesen, der diesen dazu verführe, sich autonom von Gott zu denken oder sich selbst an die Stelle Gottes setzen zu wollen. Diese Vorstellung sei „einzige und darum durch alle Zeiten bleibende Feind“ des Menschen, dem sie „hart und erbarmungslos wie das Evangelium“ begegnet sei.3 Die Welt habe sie dementsprechend als „Kampfplatz“ betrachtet.4

Ihr Leben sei vor allem auch von ihrer Liebe zur heiligen Jeanne d’Arc durchzogen gewesen, und bereits in früher Jugend habe sie sich für die ritterlichen Helden der Vergangenheit begeistert. Ihren eigenen Worten nach habe sie sich für die „die patriotischen Taten der französischen Heldinnen bewundert, vor allem jene der seligen Jeanne d’Arc“, und wollte diese nachahmen. Zu ihren Ehren habe sie zahlreiche Gedichte verfasst, in denen sie ihre Heiligkeit, die den Kern ihrer kriegerischen Sendung ausmachte, feierte.5 Zudem erklärte sie, sie hätte gerne „zum Beispiel damals bei den Kreuzzügen mitgekämpft oder später gegen die Irrlehrer“:6

„Als Kind träumte ich von Schlachtfeldern, die Geschichte Jeanne d’Arcs riß mich hin, ich fühlte in meinem Herzen Lust und Mut, es ihr gleichzutun; mir schien, Gott bestimme auch mich zu Großem. Und ich täuschte mich nicht. Ich hörte in meiner Seele eine viel süßere, eindringlichere Stimme, die mich zu andern Abenteuern, zu glorreichen Taten rief, und in der Karmelstille begriff ich: meine Sendung ist es nicht, einen sterblichen König zur Krönung zu führen, sondern den König des Himmels lieben zu lehren.“7

„O Gott, Herr der Heerscharen, du hast in deinem Evangelium gesagt: ‚Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘; rüste mich aus zum Kampfe; ich verlange sehnlich danach, für deinen Ruhm zu streiten […]. Ich verstehe, zu welchem Kampf du mich bestimmt hast: nicht auf dem Schlachtfeld soll ich für dich streiten […]. Mein Schwert ist die Liebe! Mit ihm will ich den fremden Eindringling aus dem Reiche vertreiben und dich als König der Seelen ausrufen lassen. Freilich bedarfst du, Herr, keines so armen Werkzeuges, wie ich es bin; aber Jeanne, deine jungfräuliche, kriegerische Braut, hat es gesagt: ‚Es muß gestritten sein, auf daß Gott uns den Sieg gebe.'“8

Novizen habe sie gelehrt:

„Ich möchte Sie gerne immer als tapfern Soldaten sehen, der sich nie über die eigenen Beschwerden beklagt, die Wunden der Brüder als schwer erachtet, die eigenen nur für unbedeutende Schürfungen hält.“9

Eine „energische Seele“ hielt sie für die wichtigste Eigenschaft, um zu christlicher Vollkommenheit zu gelangen. Wer ein Heiliger sein wolle, dem werde „nichts übrigbleiben, es ganz zu sein oder gar nicht“.10 Bewundert habe sie es, wenn Christen „mutig und männlich“ handelten, egal ob es sich bei ihnen um Frauen oder Männer handelte:

„Zuerst heißt es mutig handeln, dann erstarkt das Herz, und man schreitet von Sieg zu Sieg.“11

Gott habe ihr die „Gnade verliehen, keinerlei Angst vor dem Krieg zu haben“. Sie rief dazu auf, „stets das Schwert des Geistes zur Hand“ zu haben, keinem gebotenen Konflikt auszuweichen und „ohne Unterlaß“ zu streiten, „selbst wenn keine Aussicht besteht, die Schlacht zu gewinnen“:

„Was liegt am Erfolg! Nur immer voran, wie groß die Ermüdung des Kampfes auch sei … man muß seine Pflicht bis zum Ende tun. […] Die Heiligkeit will mit der Schärfe des Schwertes erobert sein. […] Ich habe gesagt: Mit den Waffen in der Hand will ich sterben.“12

Hintergrund und Bewertung

Auch wenn historisch nur Männer als Ritter dienten, wurde traditionell stets anerkannt, dass auch Frauen eine ritterliche Seele haben können. Dies kam etwa in der ausgeprägten Marienverehrung zum Ausdruck, welche die Texte der ritterlichen Kultur des Mittelalters prägt, die die kämpferischen Aspekte Marias in den Vordergrund stellten, später aber auch in der Verehrung Jeanne d’Arcs, die in der zeitgenössischen Kunst oft als Ritter dargestellt wurde und die selbst als militärische Führerin an Gefechten teilnahm.

Weibliche Ritter konnte es ansonsten schon aus praktischen Gründen nicht geben, weil das Wesen des Ritters sich vor allem durch seine physische Durchsetzungsfähigkeit im Kampf definierte. Vor allem aber hätte es dem patriarchalen Ethos des Rittertums widersprochen, Frauen gegenüber Feinden zu exponieren, anstatt sie vor diesen zu schützen, was von Frauen allgemein gewünscht und bejaht wurde. Dieses Ideal des Ritters entsprach nicht nur dem Bild, das zumindest die besseren Männer von sich selbst sehen wollten, sondern auch weiblicher Sehnsucht.13

Die 1997 als Kirchenlehrerin der katholischen Kirche anerkannte Therese von Lisieux erneuerte mit ihren Worten die Legitimation der Ideale des christlichen Rittertums. Diese waren im Hochmittelalter von Geistlichen auf Grundlage der christlichen Offenbarung sowie in Anknüpfung an antikes Wissen und Bestände der einheimischen Kulturen Westeuropas geschaffen worden, um zur Heiligung eines Berufsstandes beizutragen, dessen Angehörige häufig für große Übel verantwortlich waren. Dazu analysierten Geistliche die Gesellschaften ihrer Zeit und versuchten ideale soziale Kategorien zu identifizieren, um auf diese Weise die soziale Wirklichkeit in größere Übereinstimmung mit der Ordnung Gottes zu bringen. Konkret ging es ihnen darum, Idealbilder für die in einer Gesellschaft notwendigen Aufgaben zu identifizieren und zu verbreiten, um Gesellschaften auf eine höhere Entwicklungsstufe zu heben.14

Vermittelt wurden diese Ideale vor allem durch christlich inspirierte Dichter und Schriftsteller, die vor allem auf die Eliten der damaligen Zeit erfolgreich einwirkten, was dazu führte, dass einige ihrer Mitglieder zu lebendigen Vorbildern an Ritterlichkeit wurden und die Ideale des christlichen Rittertums die westlich-europäische Elitenkulturen bis in die jüngere Vergangenheit prägten. Diese Ideale waren noch im 19. Jahrhundert so dominant, dass sie auf Persönlichkeiten wie Therese von Lisieux zurückwirkten, so dass auch sie diese Ideale in ihrem kurzen Leben verwirklichte und sie dadurch legitimierte, bekräftigte und erneuerte.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass der Prozess der Suche nach heiligen Archetypen und der Annäherung des Menschen an diese auf dem Weg umfassender Bildung keine Sache einer fernen Vergangenheit ist, auch wenn dieses Prozess kirchlicherseits zumindest in Deutschland seit einiger Zeit weitgehend eingestellt oder sogar umgekehrt worden ist. Es wäre prinzipiell aber auch in der Gegenwart möglich, an diesen Prozess anzuknüpfen, ihn fortzusetzen, gesellschaftliche Institutionen im Sinne der erwähnten Ideale zu erneuern und dadurch eine ähnliche kulturelle Blüte auszulösen, wie es im Mittelalter bereits schon einmal gelungen ist.

Quellen

  1. Hans Urs von Balthasar: Therese von Lisieux. Geschichte einer Sendung, Köln 1950, S. 213.
  2. Ebd., S. 216.
  3. Ebd., S. 217.
  4. Ebd., S. 61.
  5. Ebd., S. 215.
  6. Ebd., S. 214.
  7. Ebd., S. 215.
  8. Ebd., S. 216.
  9. Ebd., S. 214.
  10. Ebd., S. 214.
  11. Ebd., S. 214-215.
  12. Ebd., S. 213-214.
  13. Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters, 11. Aufl., Stuttgart 1975, S. 102.
  14. Richard W. Kaeuper: Holy Warriors. The Religious Ideology of Chivalry, Philadelphia 2009, S. 138-166.