Über die bevorstehende globale Krise

Francis Danby - The Deluge (gemeinfrei)

Das Handelsblatt berichtet in seiner heutigen Ausgabe über die Bewertungen von Experten, die eine globale Wirtschaftskrise für wahrscheinlich halten. Eine Reihe konvergierender Faktoren führe dazu, dass ein “perfekter Sturm” aufziehe. Insbesondere Deutschland befinde sich im “Zentrum des geopolitischen Sturms”. Es müsse mit größeren Verwerfungen gerechnet werden.

  • Lockdowns zur Eindämmung von COVID-19 in China und die russische Invasion in der Ukraine hätten globale Lieferketten gestört. Dies führe weltweit zu steigender Inflation und beeinträchtige die Produktion von Gütern. Staaten wie Indien reagierten darauf mit der Kontrolle des Exports von Gütern wie Stahl und Getreide, was diese Tendenz weiter verstärke. Zudem belasteten steigende Energiepreise, Sanktionen gegen Russland und eine von den USA getriebene restriktivere Handelspolitik gegenüber China die Weltwirtschaft. Die wahrscheinliche Folge sei eine globale Rezession.
  • In ärmeren Staaten seien in Folge steigender Nahrungsmittelpreise und rezessionsbedingt zunehmender Arbeitslosigkeit Hungersnöte möglich. Dies könne eine Reihe von Staaten destabilisieren.
  • Viele Staaten hätten zur Bewältigung der Corona-Krise neue Schulden in einem Ausmaß aufgenommen, das inflationäre Tendenzen verstärkt habe und ihnen nun Handlungsspielräume nehme.
  • Notenbanken stünden vor einem kaum auflösbaren Dilemma, weil sie zur Bekämpfung der Inflation Zinsen anheben müssten, während sie zur Abwehr einer möglichen Rezession Zinsen senken müssten, um die Nachfrage zu stärken. Dass die Notenbanken sich zunehmend für Zinserhöhungen entschieden, erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Rezessionen, während es zugleich die Finanzierungskosten hochverschuldeter Staaten erhöhe. In Folge dessen sei auch eine Rückkehr der Euro-Krise möglich, weil Staaten wie Italien zahlungsunfähig werden könnten.1

Deutschland werde wegen seiner exportorientierten Wirtschaft besonders von einer möglichen globalen Wirtschaftskrise und deren Folgen betroffen sein.

Hintergrund und Bewertung

Einige Experten warnen bereits seit Längerem vor größeren Verwerfungen in westlichen Gesellschaften in Folge einer Wirtschaftskrise. In den vergangenen Jahren haben sich diese Gesellschaften zwar als resilient genug erwiesen, um solche Verwerfungen abzuwenden, ohne allerdings die Faktoren zu korrigieren, die eine größere Krise als wahrscheinlich erscheinen lassen. Zuletzt nahmen entsprechende Warnungen daher wieder zu:

  • Eine im Auftrag US-amerikanischer Nachrichtendienste erstellte Studie prognostizierte 2021 den möglichen Zerfall westlicher Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten. Auf globaler Ebene stehe wahrscheinlich eine Serie von Krisen bevor, welche die Resilienz von Gesellschaften weltweit stark beanspruchen und in vielen Fällen vermutlich überdehnen werde. Staatliches Versagen bei der Bewältigung existenzieller Herausforderungen, abnehmender gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie identitätspolitischer Aktivismus würden die Bedingungen für einen möglichen Zusammenbruch von Staaten im Krisenfall schaffen. Der langfristige Bestand westlicher Gesellschaften und ihrer politischen Ordnungen sei gefährdet.2
  • Der Politikwissenschaftler Parag Khanna warnte 2021 vor einer vor einer bevorstehenden Phase globaler Verwerfungen, die vor allem auch Europa treffen würden. In den nächsten Jahrzehnten werde in Europa “nicht eine Krise nach der anderen kommen – sondern viele Krisen auf einmal“, die gleichzeitig bewältigt werden müssten. Viele Staaten würden damit überfordert sein. Es sei „möglich, dass wir auf ein globales Mittelalter zusteuern“ oder auch „auf eine Situation, in der die sicheren Gebiete zu Festungen werden“.3
  • Der Krisenforscher Peter Turchin erklärte 2020, dass sich westliche Gesellschaften wahrscheinlich am Beginn einer Zivilisationskrise befänden. Insbesondere die USA stünden vor der „Wende zu einem Kollaps“. Grundlage seiner Prognosen sei die Auswertung historischer Krisenverläufe.4
  • Der Medientheoretiker Douglas Rushkoff schrieb 2018, dass die von ihm beratenen “Führungsetagen der Hedgefonds-Welt” davon ausgingen, dass globale Krisen katastrophalen Ausmaßes bevorstünden. Man reagiere darauf mit der Suche nach einem „Rettungsboot für die Elite“ in Form sicherer Rückzugsräume für sich selbst und das eigene Vermögen.5

Allen diesen Prognosen ist gemeinsam, dass ihre Urheber eine Reihe konvergierender Krisentendenzen in westlichen Gesellschaften beobachten, die zunehmend akut würden, ohne dass eine Trendwende absehbar sei. An einem zeitlich nicht bestimmbaren Zeitpunkt in der Zukunft könnten diese sich gegenseitig verstärkenden Tendenzen die Resilienz westlicher Gesellschaften überfordern und zu größeren Verwerfungen führen.

Der Geograph Jared Diamond, der sich mit historischen Zusammenbrüchen von Gesellschaften auseinandergesetzt hatte, erklärte, dass aufgrund zunehmender globaler Vernetzung und Wechselwirkungen erstmals in der Geschichte der Menschheit das Risiko bestehe, dass die Krise einer Zivilisation zu einer globalen Zivilisationskrise werden könne.6 Solche Zusammenbrüche stellten kein Phänomen dar, das auf die Vergangenheit beschränkt sei. Sie seien außerhalb der westlichen Welt auch in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit zu beobachten gewesen. Man müsse sich angesichts der Entwicklung des westlichen Kulturraums und dessen immer größerer Verwundbarkeit die „quälende Frage“ stellen, ob „ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen“ könne.7

Der Historiker Oliver Zimmer warnte in diesem Zusammenhang davor, dass Krisen dieser Art von globalistischen Akteuren dazu genutzt werden könnte, ihre Vorstellungen von Global Governance voranzutreiben. Föderal organisierte Nationalstaaten und republikanische Ordnungen, die auf dem Ideal des freien Bürgers als Trägers des Gemeinwohls und des Politikers als Dienerin des Gemeinwohls beruhen, hätten sich in Krisen gegenüber zentralistischen und transnationalen Strukturen jedoch stets als resilienter erwiesen.8

Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld schrieben, dass die politische Kultur Deutschlands untauglich dazu sei, den oben beschriebenen Entwicklungen wirksam zu begegnen.  Im Verlauf der Corona-Krise hätten Staat und Gesellschaft aus vorwiegend kulturellen Gründen in vieler Hinsicht bei der Krisenbewältigung versagt. Die politische Kultur des Landes sei nicht krisentauglich.9

Quellen

  1. N. Bastian et al.: “Der perfekte Sturm”, Handelsblatt, 27.05.2022, S. 42-48.
  2. National Intelligence Council (Hrsg.): “Global Trends 2040. A More Contested World”, Washington D. C., März 2021.
  3. Maximilian Popp/Tobias Rapp: „‚Die Entvölkerung läuft längst‘“, Der Spiegel, 20.03.2021, S. 92-93.
  4. Andreas Mink: „Wenn Sie dachten, das Schlimmste sei bald vorbei, müssen wir Sie enttäuschen“, NZZ am Sonntag, 20.12.2020, S. 20-21.
  5. Douglas Rushkoff: “Nur die Reichsten überleben”, Süddeutsche Zeitung, 11.07.2018, S. 9.
  6. Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt a. M. 2005, S. 40.
  7. Ebd., S. 17-18.
  8. René Scheu: „‚Wir haben eine Herdenmentalität erreicht‘“, Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2020, S. 27.
  9. Julian Nida-Rümelin/Nathalie Weidenfeld: Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren, München 2021.