Republiken brauchen Führung

Darstellung eines Königs im Psalter von Westminster

Der Historiker Andreas Rödder kritisiert in der Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ die Tendenz der politischen Führungen der Republiken des Westens dazu, ihre Entscheidungen auf die vermutete öffentliche Meinung abzustützen, anstatt sie an den Erfordernissen des Gemeinwohls auszurichten. Ernsthafte und nachhaltige Politik richte sich nicht an Stimmungen aus, sondern an Notwendigkeiten.

Die historische Erfahrung zeige, dass ernsthafte und nachhaltige Politik „immer von der Einsicht in die Notwendigkeit, nicht von der gefühlten Popularität einer Sache ausgegangen“ sei. Im „historischen Gedächtnis bleiben Politiker, die eine Position vertreten, die sie für richtig halten, statt demoskopisch ermittelten Wählerwünschen zu folgen“.

Die „heiße Luft“ von „Social Media und unablässigen Meinungsumfragen zu allem und jedem“ trieben einen „Populismus des Alltags“ an. Dieser führe zu dysfunktionalen öffentlichen Debatten und sei ein untauglicher Ansatz dazu, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen.1

Hintergrund und Bewertung

Laut Thomas von Aquin besteht gute politische Führung immer im Dienst am Gemeinwohl.2 Wer statt dessen nach seinem persönlichen Vorteil strebe oder seinen Leidenschaften folge, sei ein Tyrann.3 Auf dieser Grundlage ist die christlich fundierte Führungskultur des „dienenden Führens“ entstanden. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte in diesem Zusammenhang, dass ein Christ in einer Verantwortungsposition „die Macht oder die Habe, die ihm gegeben ist, als einen Auftrag ansieht, um darin ein Dienender zu werden“.4

Nach dem Verständnis der Führungsakademie der Bundeswehr ist Führung eine Kunst und eine schöpferische Tätigkeit, die auf vorbildlicher persönlicher Haltung, Charakter, Können und geistiger Kraft beruht. Gute Führung zeigt geeignete Wege auf, damit eine Organisation ihre Ziele auch unter schwierigen Bedingungen erreichen kann. Sie muss dazu in der Lage sein, Lageentwicklungen und den mit ihnen verbundenen Handlungsbedarf zu antizipieren, um zum richtigen Zeitpunkt entschlossen handeln zu können. Für Führungsaufgaben ist geeignet, wer Verantwortungsfreude zeigt und sich in allen Lagen ungeachtet möglicher Widerstände und persönlicher Nachteile mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Ziele seiner Organisation einsetzt.

Was Defizite des politischen Führungspersonals Deutschlands angeht, sind die Probleme noch viel tiefgreifender als von Rödder beschrieben. Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und Urban Rid, ein ehemaliger Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt, hatten 2021 kritisiert, dass das Spitzenpersonal in deutschen Ministerien und Behörden in immer geringem Maße dem klassischen Ideal entspreche, was ihre Führungsqualitäten angehe. Dies war mutmaßlich auch die zentrale Ursache für zuletzt beobachtete Fälle von Versagen dieses Personals in Krisensituationen.

Quellen

  1. Andreas Rödder: „Bedingt debattenbereit“, Der Tagesspiegel, 18.05.2022, S. 8.
  2. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10.
  3. Ebd., S. 14 f.
  4. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 278.