Heimatschutz als staatlicher Auftrag

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars

Der evangelische Theologe Friedemann Richert kritisiert in seinem kürzlich erschienenen Buch “Das lateinische Gesicht Europas” staatliche Versuche dazu, das traditionelle Verständnis von Heimat aufzulösen und durch ideologische Konzepte zu ersetzen. Der Auftrag des Staates sei es statt dessen, die gewachsene Heimat der Menschen zu schützen und zu bewahren.

Heimat sei mit einem Herder zugeschriebenen Wort der “Lebensraum, in dem ich mich nicht erklären muss, sondern in dem sich die mir vertrauten angestammten Sitten und Sinnesarten durch Lebensgewohnheit von selbst ergeben”. Heimat sei somit trotz aller gegenteiligen Behauptungen “ohne Kulturbindung nicht denkbar”. Ein “gutes Leben” könne “also nur ein kulturelles Leben in der Heimat sein”.

Europa “als Heimat für die vielen Völker und Nationen in Europa” beruhe auf dem geteilten lateinischen Erbe, das sich vor allem in gemeinsamer Religion, Rechtsordnung und Schrift äußere. Die Politik müsse dem Rechnung tragen und habe “sich um das Wohl des Volkes und der Nation zu kümmern” und “den Menschen ihre europäische Heimat zu bewahren und zu schützen”. Die Politik müsse “das lateinische Gesicht Europas” pflegen und “in Fragen der Zuwanderung als Leitkultur einfordern und selbst bewahren”.

Wer “die Zukunft einer Nation, eines Volkes oder auch einer politischen Union wie die Europas gedanklich gewährleisten” wolle, der müsse “diese achten, kritisch würdigen und schätzen”. Zukunft brauche mit den Worten Odo Marquardts Herkunft. Wer “eine politisch und gesellschaftlich tragfähige Idee des Lebens und Zusammenlebens der europäischen Völker entwickeln” wolle, müsse sich somit “notwendigerweise dem Gedanken der kulturellen Herkunft und dadurch der gewordenen Heimat Europas zuwenden”.

Es gebe in Deutschland eine ungute Tendenz zu einer “intellektuell zelebrierten Heimatlosigkeit”, die dem Schutz der Heimat entgegenwirke. Dem Staat stehe es jedoch “nicht gut an, selbst Heimat zu gestalten, zu bestimmen oder auch durch die Haltung der politischen Korrektheit zu gefährden”:

“Umgekehrt kann und darf Politik Heimat nicht machen oder verordnen, denn Heimat ist immer etwas Gewordenes und Gewachsenes. Will indes die Politik Heimat prägen und machen, dann ist es zum totalitären, ideologischen Staat nicht mehr weit.”1

Europa als Heimatraum werde allgemein durch das Wirken utopischer Ideologien zunehmend bedroht.2 Die Heimat Europa sei jedoch unbedingt schützenswert, weil das Zusammenwirken von „Antike, Christentum und Aufklärung“ Europa zu einem „lebenswerten Kontinent gemacht“ und die europäische Kultur zu „derjenigen Lebensform“ habe werden lassen, die der „guten Gestalt menschlichen Lebens eine adäquate Ausdrucksform zu verleihen vermag“. Sie sei deshalb auch so anziehend für Migranten, deren Herkunftsländer keine vergleichbare Kultur hervorgebracht hätten.3

Es sei paradox, dass utopische Ideologien Migration zum Anlass für gesellschaftspolitische Forderungen nähmen, das traditionelle Erbe Europas aufzugeben.4 Nicht alle Kulturen seien mit der Europas gleichermaßen kompatibel.5 Das Ziel des Schutzes der Heimat müsse daher auch Folgen für die Gestaltung von Migration und Integration haben. Es müsse derjenige willkommen sein, der “Europas Kulturgeschichte, seine Traditionen, sein Recht und seine Sitten, seine Gestalt von Gesellschaft und seine lateinische Prägung respektiert und zu Eigen macht”.6

Hintergrund und Bewertung

Bundesinnenministerin Nancy Faeser fordert aktuell, den Begriff der Heimat umzudeuten und so zu definieren, “dass er offen und vielfältig ist”. Der Begriff müsse ausdrücken, “dass Menschen selbst entscheiden können, wie sie leben, glauben und lieben wollen”.

Anna Schneider kommentierte dazu in der Tageszeitung “Die Welt”, dass Faeser mutmaßlich die Gedanken radikaler Aktivistinnen wie Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah aufgegriffen habe. Diese hatten in ihrem Band “Eure Heimat ist unser Albtraum” den Begriff der Heimat abgelehnt, weil er die Sehnsucht nach “einer homogenen, christlichen, weißen Gesellschaft” ausdrücke, “in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen”.7 Richert hatte als Antwort auf antieuropäische Ressentiments dieser Art für “geduldige, freundliche und generationenübergreifende Inkulturation” gegenüber den Trägern solcher Einstellungen plädiert.8

Quellen

  1. Friedemann Richert: Das lateinische Gesicht Europas. Gedanken zur Seele des Kontinents, Leipzig 2020, S. 49-53.
  2. Ebd., S. 15.
  3. Ebd., S. 24-25.
  4. Ebd., S. 28.
  5. Ebd., S. 30.
  6. Ebd., S. 180.
  7. Anna Schneider: “Was gibt es am Begriff ‘Heimat’ auszusetzen?”, Die Welt, 19.05.2022, S. 2.
  8. Richert 2020, S. 180.