Für eine wehrhafte Nation

Der heilige Georg kämpft gegen den Drachen - Aus einem französischen Manuskript, 14. Jhd.

Der evangelische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck plädierte vor einigen Tagen auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel für einen Kulturwandel in Deutschland hin zu einer wehrhaften Nation. Das Land müsse für den Fall gerüstet sein, dass „Putin weiter geht in seinem imperialen Wahn“. Es sei fraglich, ob Deutschland in seiner gegenwärtigen Verfassung in einem möglichen Ernstfall die Kraft dazu haben werde, „zu widerstehen“:

  • Nur ein „starkes, verteidigungsbereites Deutschland“ werde den neuen Herausforderungen gewachsen sein, weil ein schwaches Land verwundbarer für die direkte oder indirekte Drohung des Einsatzes von Streitkräften durch andere Staaten sei.
  • Deutschland müsse als Nation zudem wieder an Selbstbewusstsein gewinnen, denn „eine Nation, die nicht an sich glauben kann, die ist ein leichtes Opfer von aggressiven Ideen von Leuten, die sehr wohl wissen, wie Machterweiterung geht.“
  • Das Land brauche außerdem „Elemente einer inneren Ertüchtigung“, habe seine Identität und Ordnung „stärker zu schätzen und damit stärker zu verteidigen“ als bisher und müsse lernen, dafür „Entbehrung zu schultern“.

Deutschland brauche „keine ängstlichen Politiker, die so tun, als wäre diesem Land und der Bevölkerung nur zu trauen, wenn es ihr immer gleich gut geht“, sondern eine politische Führung, die den Menschen aufzeige, „wozu sie fähig sind, wenn Lasten auf sie zukommen“. Man dürfe nicht „zu klein“ von den Deutschen denken. Diese „vermögen größeres zu schultern als das, was uns jetzt vor Augen ist“.1

Hintergrund und Bewertung

Unabhängig von seinen Gedanken über die Wiederherstellung der Wehrhaftigkeit Deutschlands plädiert Gauck unter Verweis auf eine „Ratio der Mitmenschlichkeit“, die Solidarität mit den Angegriffenen erfordere, für eine weitreichende Sanktionen gegen Russland. Außerdem seien die potenziellen Folgen eines russischen Sieges in der Ukraine auch für Deutschland problematischer als die Folgen solcher Sanktion. Die mit diesen verbundenen negativen Auswirkungen auf Deutschland (die Gauck als potenziell gravierend bewertet) sollten daher akzeptiert werden. Auf Kritik an dieser Argumentation, die sich auf Prinzipien der christlichen Soziallehre wie die Gemeinwohlverpflichtung politischen Handelns und den Vorrang der Solidaritätspflichten gegenüber dem eigenen Gemeinwesen bezieht, werden wir in einem separaten Beitrag eingehen.

Gauck hatte vor allem nach dem Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident wiederholt Stellung zu Fragen der Zeit bezogen. So hatte er etwa 2019 eine “neurotische Feindschaft gegen das Eigene” in Deutschland und einen daraus resultierenden Mangel an Willen zur Selbstbehauptung beobachtet. In Deutschland so wie in anderen westlichen Ländern herrsche vor allem in Sicherheitsfragen “eine gewisse Sorglosigkeit, verbunden mit einem weit verbreiteten Wunschdenken” vor. Es gebe hier das Problem, “nicht mehr zu wissen, was und wie wir uns verteidigen wollen”, sowie eine allgemeine Schwäche des Nationalgefühls. Eine ähnliche Schwäche hatte er auch auf europäischer Ebene beobachtet und bemängelt, dass Europa „bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht“ habe, „in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte“. (sw)

Dieser Beitrag erschien auch auf dem Blog der St. Michael-Gesellschaft.

Quellen

  1. „Joachim Gauck und Wolfram Weimer im Gipfel-Gespräch“, Weimer Media Group, 22.04.2022, URL: https://www.youtube.com/watch?v=UiQz8eLWvXo, Zugriff: 12.05.2022.