Das „große Experiment“: Ethnokulturelle Diversität als Risiko

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk beschreibt in seinem jetzt erschienenen Werk „Das große Experiment“ die existenziellen Risiken, die den Gemeinwesen Europas durch die migrationsbedingte Zunahme von ethnokultureller Diversität entstehen können. Es gebe kein einziges Beispiel dafür, dass ein demokratisch verfasster Staat die damit verbundenen Herausforderungen jemals erfolgreich bewältigt hätte. Ein Abbruch dieses Experiments kommt für Mounk dennoch nicht in Frage. Stattdessen fordert er eine weitreichende Umgestaltung westlicher Gesellschaften, die sich durch die Aufgabe ihrer gewachsenen Kultur an Fremde anpassen sollten. Eine realistische Risikoanalyse bleibt somit die einzige Stärke in einem ansonsten von utopischem Denken geprägten Buch.

Mounk wurde einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt, als er in einem Fernsehinterview davon sprach, dass der Versuch, durch Migration „eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln“, ein „Experiment“ darstelle, das „in der Geschichte einzigartig“ sei, und dass mit „vielen Verwerfungen“ verbunden sein werde.1 Es sei ungewiss, ob der Versuch, „sehr diverse – und hoffentlich stabile – Demokratien zu erreichten“, überhaupt gelingen könne.2 Es sei zudem „alles andere als selbstverständlich, dass die diversen Demokratien, die in den letzten Jahrzehnten überall auf der Welt entstanden sind, ohne schreckliche Gewalt oder Ungerechtigkeit überleben werden“. Die möglichen Folgen des Scheiterns dieses Experiments seien „entsetzlich“.3

Das „große Experiment“ beruhe nicht auf rationalen Entscheidungen, sondern sei „eher das Ergebnis falscher Annahmen“ über Migrationsbewegungen und deren Folgen. Diese falsche Annahmen seien die Hauptursache für „viele der Probleme“, unter denen „diverse Demokratien rund um den Globus heute leiden“:4

  • Ethnokulturelle Diversität gehöre zu den „Haupttreibern von Konflikten“. Die Geschichte zeige, dass „Diversität die Gefahr gewaltsamer Konflikte deutlich erhöht“. Sie gehöre „zu den Hauptgründen für gewaltsame Konflikte, Staatsversagen und sogar Bürgerkriege“.5 Diverse Gesellschaften blickten meist „auf eine düstere Geschichte zurück“.6
  • Was die Fähigkeit von Demokratien angehe, die entsprechenden Herausforderungen zu bewältigen, sei die „historische Bilanz alles andere als rosig“. In Demokratien beruhe die Macht von Interessengruppen auf der Zahl ihrer mobilisierbaren Anhänger. Wo sich politische Interessengruppen auf ethnokultureller Grundlage formten, erzeuge die Veränderung ethnischer Kräfteverhältnisse zwangsläufig Konflikte. Eine solche Gruppenbildung entspreche der Natur des Menschen und sei kaum vermeidbar. Demokratische Institutionen machten „es eher schwerer als leichter, den Frieden zwischen rivalisierenden Identitätsgruppen zu wahren“.7
  • Alle vorliegenden Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass „selbst diverse Demokratien, die relativ friedlich sind, jederzeit in gegenseitiges Misstrauen, Unterdrückung und sogar Bürgerkrieg abrutschen können“. Es gebe kein einziges Beispiel dafür, dass eine diverse Demokratie jemals die entsprechenden Probleme erfolgreich gelöst hätte.8  Der Libanon, der lange als ein solches Erfolgsbeispiel gegolten habe, sei letztlich an seiner ethnokulturellen Heterogenität gescheitert.9 Viele Demokratien könnten sich heute nur deshalb vorläufig egalitär geben, „weil ihre blutige Geschichte sie bereits homogenisiert hat“.10

Das „große Experiment“ fortzusetzen sei jedoch „die wichtigste Aufgabe unserer Zeit“, denn im Fall eines Scheiterns würden die betroffenen Gesellschaften einen „hohen Preis“ zu zahlen haben.11 In diesem Fall werde es „irgendwann womöglich zu einer Aufspaltung“ dieser Gesellschaften „in sich feindlich gegenüberstehende Blöcke kommen“.12

Bewertung

Die oben zusammengefasste realistische Beschreibung der Risiken ethnokultureller Diversität und unkontrollierter Migration ist die einzige Stärke an Mounks ansonsten durchgängig mangelhaften Ausführungen.

Ein Grund dafür ist, dass Mounks Antworten auf die von ihm beschriebenen Herausforderungen von Wunschdenken geprägt sind:

  • Mounks Vermutung, dass das von ihm beschriebene Experiment entgegen der von ihm beschriebenen historischen Präzedenzfälle gut ausgehen könnte, bleibt unbegründet. Er erklärt statt dessen, dass es „extrem fantasielos“ wäre anzunehmen, dass die Welt sich nicht „dramatisch wandeln“ könne und diverse Gesellschaften sich künftig ganz anders entwickeln könnten als im bisherigen Verlauf der Geschichte.13 Negative Annahmen bzgl. des weiteren Verlaufs schadeten außerdem „den Erfolgsaussichten des großen Experiments“.14
  • Mounks Tendenz zum Wunschdenken entspricht auch die Widersprüchlichkeit einiger seiner Behauptungen, die zum Teil offenbar nicht auf vorausgegangener Analyse beruhen, sondern nur seine jeweilige Meinung bestätigen sollen. So sieht er etwa „große Schritte in Richtung einer besseren Zukunft“, wenn er zu Optimismus aufruft15, beobachtet aber gleichzeitig „Rückschritte der letzten zehn Jahre“, wenn er vor Pessimismus warnt.16 Warnungen vor den möglichen problematischen Folgen der Veränderung ethnischer Mehrheitsverhältnisse tut er als „Horrorszenarien“ und Ausdruck von Verschwörungsdenken ab, wenn er für Optimismus wirbt17, warnt aber vor möglichen Bürgerkriegen, wenn er die Dringlichkeit seiner Forderungen untermauern will18
  • Mounk erklärt zudem, dass ein Misserfolg bei der Durchführung des Experiments „viel zu teuer“ wäre, „als dass wir uns mit weniger zufriedengeben oder auf halbem Wege haltmachen dürften“.19 Mounk begeht hier einen kognitiven Fehler, der in den Wirtschaftswissenschaften als „eskalierendes Commitment“ bekannt ist. Dieser Fehler ist damit verbunden, an schlechten Entscheidungen trotz besseren Wissens in der Hoffnung festzuhalten, dass glückliche Schicksalswendungen in der Zukunft einen günstigen Ausgang herbeiführen könnten, wenn der Einsatz weiter erhöht wird.
  • Stellenweise gerät Mounk durch seine Tendenz zum Wunschdenken in den Bereich des Utopischen. So kritisiert er etwa die dem Menschen angeborene „Neigung, das Eigene zu bevorzugen“.20 Obwohl es sich dabei wahrscheinlich um eine anthropologische Konstante handelt, sei diese „soweit zu bändigen, dass unsere Welt nicht komplett auseinanderbricht“.21 Die „Welt wäre besser dran, wenn wir alle die eigene Gruppe oder Nation weniger stark bevorzugten und mehr Mitgefühl für Menschen zeigten, die weit entfernt leben“.22

Mounk geht in seinen Ausführungen nicht vom realen Menschen aus, sondern von einer ideologischen Wunschvorstellung, die er mit den Mitteln des Staates gegen die Natur des Menschen durchsetzen will. Dabei würde er nicht wie von ihm behauptet eine solidarischere Welt schaffen, sondern nur die vorhandenen, auf konkrete Gemeinwesen bezogenen Solidarstrukturen zerstören. Wie weit Mounk bei dieser Zerstörung gewachsener Ordnungen gehen will, beschreibt er, wenn er die Menschen verurteilt, die „ihre Wurzeln in einer homogeneren Vergangenheit“ hätten:

  • Ein solches Selbstverständnis sei „in einer zunehmend heterogenen Gegenwart schwer zu rechtfertigen“ und mit einem „Dominanzmuster“ verbunden, das Fremde ausschließe. Die gewachsene Kultur sei daher aufzulösen: Man müsse an ihr „die notwendigen Anpassungen vornehmen, die es Einwanderern und anderen Minderheiten erlauben würden, sich als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft zu fühlen“.
  • Die Kultur müsse „neutral“ werden und etwa christlicher Bezüge entledigt werden, damit sich Fremde leichter in sie integrieren könnten. Auch das gewachsene Geschichtsverständnis westlicher Gesellschaften sei überholt und müsse abgeschafft werden. Die Vorstellung, dass die USA das „Werk der Pilgerväter“ seien und Frankreich ein Land „der hübschen Kirchen“ sei, sei zum Beispiel nicht länger zu akzeptieren. Ohne „echte Veränderungen alter Gewohnheiten, Narrative und Selbstwahrnehmungen“ werde „das Projekt ‚diverse Demokratie‘ nicht gelingen können“.23
  • Allgemein stelle die Gestaltung von Gemeinwesen gemäß den Präferenzen der „historischen Mehrheit“ eine Ungerechtigkeit dar, die korrigiert werden müsse.24 Die Position, dass der historische Erfolg der freiheitlichen Republiken des Westens ein Resultat ihres kulturellen Erbes und ihrer ethnischen Zusammensetzung sein könnte und dieser Erfolg durch Infragestellung dieser ethnokulturellen Grundlage gefährdet sein könnte, weist Mounk zurück, wobei er ins Polemisieren verfällt und behauptet, dass nur „Rassisten und Demagogen“ eine solche Position verträten.25 Die Kultur dieser Gesellschaften identifiziert er mit „Promis und Fernsehsendungen“ sowie mit „Currywurst“26, was auf ein stark unterentwickeltes Kulturverständnis seinerseits hindeutet.

Die Vorschläge Mounks, was Maßnahmen zur Bewältigung der von ihm beschriebenen Risiken angeht, bleiben ansonsten fast durchgängig vage. So schreibt er etwa, dass Gesellschaften „effektive und inklusive Institutionen aufbauen“ und „die universelle Solidarität deutlich erhöhen, indem sie einen großzügigen Wohlfahrtsstaat“ und eine „Kultur gegenseitigen Respekts“ schaffen sollten.27 Da die Probleme heterogener Gesellschaften unter anderem daraus resultieren, dass in ihnen die kulturellen Grundlagen für Solidarität fehlen, hätte Mounk an dieser Stelle beschreiben müssen, wie seine Wünsche trotz der dafür immer ungünstigeren Bedingungen praktisch verwirklicht werden könnten, was er aber nicht tut. Dies gilt auch für seinen Wunsch nach einem „inklusiven Patriotismus“, der Bindungskräfte erzeugen solle, ohne sich positiv auf eine bestimmte Kultur oder Geschichte zu beziehen.28

Unglaubwürdig wirkt zudem Mounks Berufung auf freiheitliche Ideen. Im von ihm beschriebenen vielfältigen Staat der Zukunft sollten vorgeblich alle Menschen frei nach ihren eigenen Vorstellungen leben können.29 Dieser werde wie ein „öffentlicher Park“ sein, in dem jeder seine Nische finden könne.30 An den wenigen Stellen, an denen Mounk konkret beschreibt, wie dieser Staat die Folgen ethnokultureller Heterogenität bewältigen soll, gibt er seine Rhetorik der Freiheit jedoch auf und schwenkt ins Autoritäre um:

  • So fordert er etwa, dass eine „freie Gesellschaft“ die „schweren Türen aufstoßen“ müsse, die „die einen Großteil der Menschheit von alters her in einem klaustrophobischen Käfig der Normen gefangen hielten“.31 Als Beispiel nennt er Homosexuelle, die christlichen Familien angehören. Diese müssten durch staatliche Eingriffe aus dem „Käfig“ der Familie befreit werden.32 Der von Mounk beschriebene Staat würde aufhören, eine freiheitliche Demokratie zu sein, weil er (wie oben beschrieben) nicht nur einen totalen Zugriff auf die Kultur beanspruchte, sondern auch tiefgreifende Eingriffe in die Familie und in die individuelle Freiheit von Menschen betriebe, die nicht seinem Ideal der Bindungslosigkeit entsprechen.
  • Dass Mounk ausgerechnet Christen als Beispiel für Herausforderungen im Bereich Integration erwähnt, trägt nicht nur einen unguten Ton in die Debatte, sondern lenkt auch von der Tatsache ab, dass andere, von ihm nicht namentlich erwähnte Minderheiten absehbar mit Widerstand auf ein solche Eingriffe reagieren würden. Mounks Vorschlag würde in der Praxis somit gerade die Verwerfungen nach sich ziehen, die er seinen Worten nach eigentlich verhindern möchte.

Einen im Vergleich zu seinen weitreichenden Umgestaltungsforderungen viel leichter vollziehbaren Abbruch des Experiments, den auch die von ihm selbst beschriebenen Risiken nahelegen würden, zieht Mounk allgemein nicht in Erwägung. Eine wirksamere Steuerung von Migration etwa erklärt er ohne weitere Begründung für „untragbar“.33

Vor allem aber lässt Mounk offen, warum europäische Gesellschaften die von ihm zutreffend beschriebenen Risiken überhaupt akzeptieren sollten, und warum der von Staaten wie Polen, Ungarn und Israel auf diesem Gebiet beschrittene Weg aus der Perspektive des Gemeinwohls nicht der bessere wäre, zumal dort freiheitliche Gemeinwesen praktisch demonstrieren, dass es realistische Alternativen zum „großen Experiment“ gibt und die damit verbundenen Entscheidungen keinesfalls so untragbar sind wie von ihm behauptet.

Ein nachhaltiges, gemeinwohlfähiges Gemeinwesen muss nicht ethnisch homogen sein, aber es muss die kulturellen Voraussetzungen seines Bestandes schützen und dazu Fremde integrieren und Migration kultursensibel steuern. Ein Gemeinwesen auf der Grundlage utopischen Denkens durch kaum reversible Experimente unnötig existenziellen Risiken auszusetzen, ist vom Standpunkt des Gemeinwohls aus betrachtet unverantwortlich. Noch weniger verantwortlich ist es allerdings, diese Risiken grundsätzlich zu verschweigen oder auszublenden, und zumindest in dieser Hinsicht unterscheiden sich Mounks Ausführungen positiv von denen vieler anderer Stimmen der Gegenwart. (sw)

Quellen

  1. Yascha Mounk: Das große Experiment. Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert, München 2022, S. 7.
  2. Ebd., S. 10-11.
  3. Ebd., S. 101.
  4. Ebd., S. 16-17.
  5. Ebd., S. 12-13.
  6. Ebd. S. 18.
  7. Ebd., S. 12-13.
  8. Ebd., S. 53-54.
  9. Ebd., S. 76-81.
  10. Ebd., S. 69.
  11. Ebd., S. 10-11.
  12. Ebd., S. 72.
  13. Ebd., S. 102.
  14. Ebd. S. 23-25.
  15. Ebd., S. 200.
  16. Ebd., S. 281.
  17. Ebd., S. 285, S. 228 ff.
  18. Ebd., S. 281.
  19. Ebd., S. 29.
  20. Ebd., S. 97.
  21. Ebd., S. 99.
  22. Ebd., S. 33.
  23. Ebd., S. 173-178.
  24. Ebd., S. 70.
  25. Ebd., S. 20.
  26. Ebd., S. 132, 140 f.
  27. Ebd., S. 254.
  28. Ebd., S. 132, 148-149.
  29. Ebd., S. 122.
  30. Ebd., S. 163 ff.
  31. Ebd., S. 117.
  32. Ebd., S. 124.
  33. Ebd., S. 174.