Über die Rückkehr traditioneller maskuliner Ideale

Paolo Uccello - Sankt Georg und der Drache

Der Publizist Tobias Haberl plädiert in einem kürzlich im Magazin “Der Spiegel” erschienenen Aufsatz für eine stärkere Hinwendung zu traditionellen maskulinen Idealen. Postmoderne Vorstellungen von Maskulinität hätten sich als untauglich herausgestellt und müssten im Interesse des Gemeinwohls abgelegt werden. Man stehe schwierigen Zeiten gegenüber, in denen jene, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen wollten, “gesunde Härte” benötigten. Ohne den „guten Helden“, der „an etwas glaubt und bereit ist, sein Leben dafür zu opfern”, seien die bevorstehenden Herausforderungen nicht zu meistern.

Das Männerbild, welches das “linksliberale, akademische” Milieu “aus den Wohlstandsvierteln von Hamburg, Berlin und München” präge, habe sich als nicht realitätstauglich erwiesen. Es beruhe auf einer “Mischung aus Naivität, Gleichgültigkeit und Arroganz”.

  • Der Krieg in der Ukraine habe die Untauglichkeit dieses Männerbildes offengelegt. Unter dem Druck der Ereignisse diskutiere man nun wieder “über autoritäre und zeitgemäße Männlichkeit, ja sogar über so was Altmodisches wie Helden”. Es sei an der Zeit, “unsere Vorstellung von dem, wie Männer und vielleicht auch andere Menschen sein sollten” zu überdenken, “wenn wir für die gigantischen Heraus­forderungen der kommenden Jahre einigermaßen gewappnet sein wollen”.
  • Postmoderne Männer, die “wie wandelnde Insta­gram-Filter durch die In-Viertel flanieren” und “Schwächen zulassen, über Gefühle sprechen” könnten, seien außerhalb ihrer Komfortzone nicht lebensfähig, weil sie schwach seien. Sie hätten „das Interesse am Jagen und Kämpfen“ auch im über­tragenen Sinn verloren, würden Span­nungen und Konflikte ausweichen, „nur noch auf Yogamatten rumliegen“ und „alle anderen Eigenschaften über Bord werfen, weil ­ihnen zu lange eingeredet wurde, dass die ausnahmslos toxisch seien“. Dies sei „problematisch, ja unverantwortlich“.
  • Die Welt sei kein “Safe Space” und sei auch “nicht so, wie sie sich Menschen vorstellen, die in einem soziologischen Pro­seminar sitzen”, sondern “gemeiner, unberechenbarer, widersprüchlicher”. “Körperliche Kraft oder emotionale Härte” seien außerhalb der postmodernen Komfortzonen notwendige Voraussetzungen des Daseins. Dies habe man als Deutscher spätestens in der Kölner Silvesternacht 2015/16 erkennen müssen, “als Hunderte Frauen von Männern aus anderen Kulturkreisen belästigt wurden”. Man müsse sich vor diesem Hintergrund die Frage stellen, wo “damals eigentlich die Männer und Freunde dieser Frauen” gewesen seien. Der einzige Mann, der den angegriffenen Frauen Schutz gewährt habe, sei ein kroatischer Türsteher gewesen.

Anstatt „traditionelle Männlichkeit wie in einem Exorzismus auszutreiben“, solle man akzeptieren, „dass es eine männliche Energie gibt, die nicht verloren gehen sollte: eine Lust am Konflikt, Wettbewerb und Widerspruch“. „Angesichts aktueller Verwerfungen“ würden traditionelle maskuline Eigenschaften, „von denen wir dachten, dass wir sie nie mehr benötigen würden, wieder wichtig werden“, etwa „Widerstandskraft, Risikobereitschaft, Entschlossenheit“ sowie „Mut oder Wehrhaftigkeit“.

Wer „in krisenhaften Zeiten Verantwortung übernehmen“ wolle, könne „leuchtende Ideale und eine gesunde Härte gut brauchen“. In den „kommenden Jahren, die eher ungemütlich zu werden drohen“ werde „ein Amalgam aus traditioneller und moderner Männ­lichkeit vorteilhaft, ja reizvoll sein“. Man werde den „guten Helden“ brauchen, der „an etwas glaubt und bereit ist, sein Leben dafür zu opfern“.1

Hintergrund und Bewertung

Die von Haberl beschriebe Retraditionalisierung erfordert praktische Vorbilder und intakte Traditionsbestände bzw. funktionierende traditionelle Institutionen, um geordnet verlaufen zu können. Wo diese Voraussetzungen fehlen, kann die Abkehr von dysfunktionalen Konzepten mit einer Hinwendung zu primitiven Konzepten verbunden sein, die sich von traditionellen Konzepten radikal unterscheiden. Die entsprechenden Traditionsbestände haben wir u. a. hier oder hier beschrieben. Noch mehr als an solchen Beständen mangelt es allerdings an Institutionen, die diese verkörpern und vermitteln können. Dies gilt vor allem auch für die Kirchen, die (zumindest in Deutschland) in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend durch die von Haberl kritisierten Vorstellungen überformt wurden und in Teilen dazu übergegangen sind, anti-maskuline Ideologien und Lebensstile zu propagieren, die im direkten Gegensatz zum traditionellen christlichen Männerbild stehen, wie es etwa Romano Guardini beschrieben hatte. Diese Teile der Kirche haben insbesondere jungen Männern nichts mehr zu sagen, was ihnen bei der Suche nach ihrer Berufung und Wegen zu ihrer Verwirklichung helfen würde. Die große Tradition des Christentums, die einst Konzepte wie das Rittertum hervorbrachte, droht angesichts dieses Versagens ausgerechnet in dem Moment, an dem sie am meisten gebraucht wird, in Vergessenheit zu geraten.

Quellen

  1. Tobias Haberl: „Pesto schützt nicht vor Pistolen“, Der Spiegel, 26.03.2022, S. 116.