Über den Bellizismus der Ungedienten

Pieter Bruegel - Der Triumph des Todes

Der Historiker Jörg Baberowski kritisiert in einem in der “Neuen Zürcher Zeitung” veröffentlichten Gespräch, dass Teile der öffentlichen Debatte in Deutschland im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg von einem unreflektierten Pazifismus zu einem ebenso unreflektierten Bellizismus übergegangen seien. Die umsichtigsten Urteile über den Krieg höre man gegenwärtig von von ehemaligen Offizieren, weil diese wüssten, was Krieg bedeutet.

  • Er wundere sich, wie “leichtfertig ausgerechnet in Deutschland über den Krieg gesprochen” werde. Gestern noch sei “der Krieg verdammt und der Pazifismus beschworen” worden, und “heute schon ist von tapferen Helden, ruhmreichen Abwehrschlachten und vom nationalen Stolz der Verteidiger die Rede”.
  • Er frage sich “jedoch, ob die Feldherren, die im Lehnstuhl sitzen und kluge Ratschläge erteilen, eigentlich wissen, was eine Flugverbotszone ist und wie man sie sichert, was man sich unter einem Häuserkampf in einer zerstörten Stadt vorstellen muss und was die Entfachung der Leidenschaften bewirkt”.

Es sei “gewiss kein Zufall, dass umsichtige Urteile über den Krieg vor allem von pensionierten Bundeswehrgenerälen zu hören sind, die wissen, was der Krieg ist”.1

Hintergrund und Bewertung

Bellizismus und Militarismus sind so wie auch Pazifismus auf unkontrollierten Leidenschaften beruhende extreme Tendenzen, für die vor allem jene Menschen anfällig sind, die über den Einsatz von Streitkräften nicht in den Kategorien des Gemeinwohls nachdenken, und die selbst meist nicht die Risiken tragen müssen oder mussten, die mit der Verwirklichung ihrer Ideen verbunden wären. Frank Karl Endres, ein ehemaliger deutscher Generalstabsoffizier, definierte Militarismus dementsprechend als eine „Geistesverfassung der Nichtmilitärs“, die aus ihrer Unkenntnis heraus unsachgemäße Vorstellungen über den Einsatz von Streitkräften entwickelten.2

Das Gemeinwohldenken der christlichen Soziallehre, das auch das deutsche Grundgesetz geprägt hat, sieht in Streitkräften ein Instrument zur Landes- und Bündnisverteidigung, das durch politische Führungen so einzusetzen ist, dass Schaden vom eigenen Staat und Volk abgewendet wird. Dies erfordert von Staat und Gesellschaft Wehrhaftigkeit und von politischen Entscheidungsträgern Tugenden wie Klugheit und Mäßigung sowie die Kontrolle der oben beschriebenen Leidenschaften.

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen bemerkte kürzlich, dass es in Krisenzeiten “immer kühler Interventionen strategischer Überlegungen bedarf”. Es sei eine “merkwürdige Sache”, dass “in Talkshows jetzt Generäle auftreten”, die “in vielen Fällen analytisch entschieden präziser” argumentierten als andere Teilnehmer”.3

Der Historiker Luuk van Middelaar hatte unmittelbar nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs betont, dass es in der gegenwärtigen Lage fundamental wichtig sei, einen „kühlen Kopf zu bewahren“. In der gegenwärtigen Lage müsse aus europäischer Sicht die „Abwendung der Gefahr eines Atomkriegs“ höchste Priorität haben. Dies hätten jene Akteure nicht verstanden, die ein direktes militärisches Eingreifen in der Ukraine forderten oder, anstatt nüchterne Lagebeurteilungen zu formulieren, zu emotional aufgeladenen Darstellungen neigten.4

Quellen

  1. Benedict Neff: “‘Die Greuel des Krieges wachsen aus der Schwäche'”, Neue Zürcher Zeitung, 04.04.2022, S. 30-31.
  2. Zit. nach Otto-Heinrich von der Gablentz: „Das preussisch-deutsche Offizierkorps“, in: Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Schicksalsfragen der Gegenwart. Handbuch politisch-historischer Bildung, Dritter Band. Über das Verhältnis der zivilen und militärischen Gewalt, Tübingen 1958, S. 47–71, hier: S. 49.
  3. Jan Küveler: „Grenzgänger haben Luft zum Atmen“, Welt am Sonntag, 03.04.2022, S. 4.
  4. Luuk van Middelaar: „Ein Engel mit einem Schwert ist immer noch ein Engel“, spiegel.de, 10.03.2022, URL: https://www.spiegel.de/kultur/ukraine-krieg-die-eu-muss-verstehen-dass-sie-nicht-mehr-der-engel-ist-a-8d476259-aa9b-411b-b96b-4f461b3d9b2d, Zugriff: 10.03.2022.