Kulturelle Resilienz: Das Beispiel Ukraine

Zwei Damen reichen einem Ritter Helm und Schild - Darstellung aus dem Lutrell-Psalter, 14. Jhd

Lawrence Freedman, einer der führenden Strategieexperten der Gegenwart, setzt sich in einem aktuellen Aufsatz mit den Ursachen des bisherigen ukrainischen Erfolgs im Kampf gegen die russischen Invasionskräfte auseinander. Dieser Erfolg liege wesentlich in der Resilienz der Kultur der Verteidiger begründet, die sich auf ein Narrativ von “Zusammenhalt, Heldentum und Opferbereitschaft” stütze und die mit dem Kampf gegen die Invasoren verbundenen Härten zu tragen bereit sei.

Der endgültige Ausgang des Krieges hänge wesentlich davon ab, wie die ukrainische Bevölkerung auf die jüngste Ausweitung der Kriegführung auf zivile Ziele durch Russland reagiere. Man könne nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass Luft- und Artillerieangriffe gegen Städte die Entschlossenheit und Resilienz von Zivilisten steigerten. Ob die Ukrainer die bislang gezeigte Resilienz unter diesen Bedingungen aufrechterhalten könnte, werde von der Intensität des russischen Vorgehens, aber auch von der Moral der Bevölkerung und er Qualität ihrer Führung abhängen:

  • Die Reaktionen der Bevölkerung der Stadt Charkiw, die aktuell einen der Schwerpunkte des russischen Angriffs darstellt, deuteten auf eine ausgeprägte Resilienz der Ukrainer hin. Obwohl die Bevölkerung der Stadt bislang als relativ russlandfreundlich galt, gebe es bislang keine Anzeichen auf größere Fluchtbewegungen oder Kapitulationsbereitschaft.
  • Die russische Regierung benötige einen raschen Erfolg gegen die Ukraine, um die Lasten für die eigene Bevölkerung zu minimieren. Dazu müsse man die ukrainischen Bevölkerungszentren einnehmen. Im Orts- und Häuserkampf müssten die russischen Streitkräfte aber aus den oben genannten Gründen damit rechnen, auf entschlossene Verteidiger zu stoßen und noch höhere Verluste zu erleiden als in der ersten Phase der Invasion. Eine dauerhafte Besetzung des Landes sei unter den gegebenen Umständen zudem unrealistisch.

Aufgrund der kulturellen Resilienz der ukrainischen Bevölkerung sei ein militärischer Sieg Russlands unwahrscheinlich. Die Ukraine werde wahrscheinlich als souveräner Nationalstaat überleben und Wladimir Putin das Aura der Macht verlieren, auf dem seine Herrschaft beruht.1

Hintergrund und Bewertung

Die Resilienz eines Gemeinwesens hängt wesentlich von seiner Kultur bzw. von nichtstaatlichen Akteuren als Trägern dieser Kultur ab. Der israelische Historiker Shalom Salomon Wald zählte ein ausgeprägtes Identitätsbewusstsein, starke gesellschaftliche Bindungen, Wehrhaftigkeit und hochwertiges Führungspersonal zu den wichtigsten kulturellen Resilienzfaktoren.2

Obwohl in Deutschland im Zusammenhang mit der neuen Lage verbreitet von einer “Zeitenwende” gesprochen wird, beschränken sich die Antworten von Staat und Gesellschaft hier bislang auf Sanktionen gegen Russland und eine bessere Ausstattung der Streitkräfte.  Die deutsche Gesellschaft wäre im Fall einer ähnlichen Krise jedoch wahrscheinlich nicht annähernd so widerstandsfähig die die ukrainische, was auch daran liegt, dass die von Freedman, aber auch von Wald aufgeführten Resilienzfaktoren hier nur sehr schwach ausgeprägt sind. Eine angemessene Antwort auf die die Lage muss daher auch die Stärkung der kulturellen Resilienz der deutschen Gesellschaft beinhalten. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre es, die erwähnten Resilienzfaktoren zumindest nicht weiter zu schwächen.

Dass es dazu noch an Bereitschaft mangelt, zeigt exemplarisch ein aktueller Aufsatz der Historikerin Hedwig Richter, die sich sorgt, dass das kulturelle “Klima der Gendersterne und Schneeflöckchen” und die “diverse” Welt nun gefährdet seien. Die “Distanz zum Kriegerischen” dürfe nicht verloren gehen. Wenn man die entsprechenden Diskurse als “dekadent” bezeichne, dann habe “Putin, der Freiheitsfeind, in vielerlei Hinsicht gewonnen”.3

Zu den kulturellen Resilienzfaktoren gehört jedoch auch die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich an neue Lagen anzupassen und dabei eigene Schwächen zu identifizieren und zu korrigieren. Wie Bilder aus Kiew und Charkiw zeigen, sind die Träger der Verteidigung der Städte fast ausschließlich Männer, die nicht dem Ideal der von Richter angesprochenen Vielfalts-Diskurse entsprechen. Cora Stephan wies darauf hin, dass hier eben jene “toxischen weißen Männer” in Erscheinung träten, die es nach dem Willen progressiver Aktivisten nicht mehr geben soll. Da eine Gesellschaft offensichtlich nicht traditionelle Geschlechterrollen auflösen bzw. traditionelle Maskulinität delegitimieren kann ohne an Wehrhaftigkeit einzubüßen, werden die von Richter angesprochenen Diskurse daher künftig wieder traditionellen, in Krisen und Konflikten bewährten Identitätsbildern weichen müssen, wenn europäische Gesellschaften tatsächlich resilienter werden wollen. (sw)

Quellen

  1. Lawrence Freedman: “Russia’s Plan C”, 02.03.2022, samf.substack.com, URL: https://samf.substack.com/p/russias-plan-c, Zugriff: 02.03.2022.
  2. Shalom Salomon Wald: Rise and Decline of Civilizations: Lessons for the Jewish People, Jerusalem 2014, S. 374 ff.
  3. Hedwig Richter: “Gendersterne, Schweiß und Tränen”, Zeit Online, 28.02.2022, URL: https://www.zeit.de/kultur/2022-02/krieg-europa-ukraine-russland-demokratie, Zugriff: 02.03.2022.