Über die politischen Illusionen des Westens

Abwehr eines Angriffs auf eine Burg - Darstellung in einem französischen Manuskript, 14. Jhd.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler kritisiert in der aktuellen Ausgabe der “Neuen Zürcher Zeitung” die Naivität der westlichen Welt, deren Weltordnungskonzeption sich als “Wunschbild” herausgestellt habe. Die Vorstellung eines “politisch organisierten ‘Wir’ der Menschheit”, das auf der Grundlage geteilter Werte gemeinsam globale Herausforderungen wie den Klimawandel bewältigen und dabei Konkurrenz und Konflikte hinter sich lassen wolle, sei eine Illusion.

Das Weltgeschehen werde dauerhaft von einem “Gegeneinander der Staaten und Staatengruppen” geprägt bleiben. Man werde es in Zukunft noch stärker als heute mit einer “Welt der Blöcke zu tun haben”, die “politisch und militärisch stark integriert und auf ökonomische Selbständigkeit bedacht sind“. Militärische und wirtschaftliche Macht sowie die Qualität der eigenen Lagebeurteilung seien in dieser Welt die ausschlaggebenden Faktoren. Die “Ära der Globalisierung” sei “vorerst an ihr Ende gekommen“.

Die russische Invasion in der Ukraine habe einmal mehr bestätigt, dass im Verhältnis zwischen Staaten eine “Politik des Vertrauens” naiv und “generalisiertes Misstrauen” klug bzw. “vorausschauend und verantwortungsvoll” sei. Diejenigen, die an der Vorstellung einer regelbasierten Weltordnung festgehalten hätten, seien “jetzt am meisten desavouiert, während die notorisch Misstrauischen nun auf Jahre hinaus den politischen Ton angeben werden”.1

Hintergrund und Bewertung

Die Tugend der Klugheit bzw. die Fähigkeit zum Erkennen der Lage gilt in der abendländischen Weltanschauung als höchste Kardinaltugend. Die Klugheit wirkt der Tendenz der schwachen Natur des Menschen zum Wunschdenken und seiner Neigung entgegen, das für ihn Unangenehme auszublenden und sich in Illusionen einzurichten.

Auf Grundlage dieser Weltanschauung formulierten bereits Denker der griechischen Antike einen sicherheitspolitischen Realismus, der die jetzt von Münkler angesprochenen Faktoren, vor allem den Faktor Macht, als Treiber des politischen Geschehens anerkannte. Thukydides (454-399 v. Chr.) beschrieb dies in einem fiktiven Dialog zwischen den überlegenen Athenern und den unterlegenen Meliern, in dem die Athener auf “schöne Worte” verzichteten:

  • Es sei eine unumstößliche Tatsache, dass in Konflikten zwischen Staaten „die Überlegenen unternehmen, was möglich ist, und die Schwachen es ihnen zugestehen“ müssen.2 Dazu gehöre, dass “das Mächtige über das gebietet, dessen es Herr wird“.3 Klug handele angesichts dieser Tatsache, wer “der Ebenbürtigen nicht weicht” und “Stärkeren gebührend entgegenkommt”.4
  • Die Melier, die dies nicht anerkennen wollten, wurden von den Athenern militärisch besiegt, wobei die überlebenden Männer getötet, die Frauen und Kinder versklavt, ihre Kultur ausgelöscht und ihr Land neu besiedelt wurde.5

Der Philosoph Oswald Spengler warnte in diesem Zusammenhang vor einer „Angst vor der Wirklichkeit“, welche die „seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen“ sei. Diese Angst äußere sich in Flucht in Sentimentalität und „in erdachte und weltfremde Systeme“ sowie darin, dass man Wunschbilder an die Stelle der unerwünschten Tatsachen stelle. Diese Wirklichkeitsflucht sei häufig mit utopischem Denken verbunden und eine Folge mangelnder Welterfahrung sowie des „schwachen, sich selbst hassenden Intellekts“. Sie sei kennzeichnend für „Männer, die zu lange oder immer Kinder geblieben sind“ und die sich als „ewige Jünglinge“ der Härte der Wirklichkeit nicht stellen wollten.6

Dass dieses Problem der Wirklichkeitsflucht nicht auf Männer beschränkt ist, offenbart ein unmittelbar vor der russischen Invasion in der Ukraine veröffentlichter Aufsatz der Politikwissenschaftlerin Kristina Lunz, der die Grundlagen einer “feministischen Außenpolitik” skizziert:

  • Diese Politik strebe eine systematische “Infragestellung von patriarchalen Strukturen und Machtverteilung der internationalen Politik” an. Durch ein “umfassendes und inklusives Verständnis von Gender” könne man “nachhaltigen Frieden” schaffen.
  • Feministische Außenpolitik sei “antimilitaristisch” und auf “Kooperation statt Herrschaft über andere ausgerichtet”. Destruktive Kräfte wie “Patriarchat”, “Heteronormativität” und “Militarismus” würden durch sie “enttarnt und gerechte Alternativen aufgezeigt”.
  • Die oben angesprochene Denkschule des Realismus wird als “wichtiger theoretischer Baustein der von Männern erschaffenen Außenpolitik” abgelehnt. Für diese Schule seien “staatliche Macht und Interessen, nationale Sicherheit sowie die Drohung mit oder der Einsatz von Gewalt zentral”. Feministische Außenpolitik wolle “dieses System verändern”, etwa durch die “Beteiligung von Frauen und Mädchen in allen Entscheidungspositionen”.
  • Man müsse zudem davon loskommen, die Erhaltung von „territorialer Integrität“ und „Souveränität“ des Staates als “oberste Priorität” zu betrachten.7

In ihren Ausführungen bleibt jedoch unklar, wie die Dekonstruktion des Patriarchats konkreten sicherheitspolitischen Herausforderungen, wie sie durch die russische Invasion sichtbar geworden sind, wirksam begegnen soll. In der Realität erfordert die Bewältigung solcher Konflikte bewaffnete Männer jener Art, die Lunz ablehnt, und an denen es einem Gemeinwesen mangeln würde, das ihren Gedanken folgt. Davon abgesehen hat sich gezeigt, dass Frauen in bewaffneten Konflikten allenfalls dann relative Sicherheit genießen, wenn zwischen ihnen und dem Angreifer Männer stehen, die dazu in der Lage sind, diesen Angreifer durch die überlegene Anwendung von Gewalt abzuwehren oder abzuschrecken. Die Gedanken der Autorin beruhen somit auf Wunschdenken, das nicht von realen Gegebenheiten ausgeht und keiner Prüfung durch die Realität standhält, und das untauglich dazu wäre, um auf seiner Grundlage die Sicherheit eines Gemeinwesens zu organisieren. Dass Institutionen wie die Atlantik-Brücke, die BMW Foundation und die Gates Foundation sie dennoch in ihre Elitenförderprogramme aufnahmen, offenbart den desaströsen Zustand der strategischen Kultur westlicher Gesellschaften.

Quellen

  1. Herfried Münkler: „Die Welt steht vor einer Zeitenwende“, Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2022, S. 32.
  2. Thukydides: Der Peleponnesische Krieg, Wiesbaden 2010, S. 425 (5,89).
  3. Ebd., S. 105 (5,105).
  4. Ebd.. S. 430 (5,111).
  5. Ebd. S. 431-432 (5,116)
  6. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 3-10.
  7. Kristina Lunz: “Mehr als Frauenpower”, Der Tagesspiegel, 20.02.2022, S. 5.