Der Westen braucht männliche Tugenden

Gralsritter - Darstellung in einem französischen Gralsroman des 14. Jhd. (gemeinfrei)

Der Psychologe Michael Klein unterscheidet in der aktuellen Ausgabe der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs zwischen „toxischer“ und „tonischer“ bzw. aufbauender Männlichkeit. Zugleich beobachtet er eine „Angst vor den männlichen Tugenden“ in westlichen Gesellschaften, die diese schwach und verwundbar gemacht habe. Eine Erneuerung westlicher Gesellschaften werde nur gelingen, wenn positive Männlichkeitskonzepte hier wieder Anerkennung fänden.

Der russische Präsident Wladimir Putin “eine abartige, dunkle Form von Männlichkeit mit egomaner Stärke, aber ohne Moral“:

  • Putin verkörpere „den Typus Mann, der die Welt mit Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus gefährlich macht“ bzw. „die dunkle Triade der Persönlichkeit, die gefährlichste Mischung in Hinsicht auf Aggression, Gewalt und Krieg, die es gibt“.
  • Diese dunklen Aspekte gebe es in der „Persönlichkeit aller Menschen, aber besonders von Männern“.
  • Ihre Träger neigten zur „Benutzung anderer Menschen, extremer Skrupellosigkeit“ und zur „Bereitschaft, Menschenleben zu opfern“.
  • Diese deformierte Art von Maskulinität sei tatsächlich „toxisch“. Ihre „im Kern unmännlichen“ Träger umgäben sich in der Regel mit „feigen Männern“ bzw. mit Mitläufern und Opportunisten und hätten in der Geschichte viel Unheil angerichtet.

Zugleich sei die Entscheidung Putins zum Überfall auf die Ukraine ein Beleg für die „Schwäche des Westens“. Es gebe eine mit der Abwertung von Maskulinität verbundene „Verachtung vieler westlicher Eliten für das System, in dem sie selber leben“:

  • Der Begriff der „toxischen Männlichkeit“ werde hier „missbraucht“, um „Männer zu verunglimpfen“. Damit verbunden sei eine „Idealisierung und Romantisierung von Themen wie Feminismus und Diversität“. Männer, die „in früheren Zeiten als Bewahrer und Förderer der Zivilisation galten“ würden mittlerweile „einseitig negativ gesehen“.
  • Tugenden wie „Stärke, Mut, Standhaftigkeit“ seien hier „aus der Mode gekommen“. Statt dessen zähle „nur noch das Opfersein“. Eine „Infantilisierung des Denkens und Handelns“ sowie emotionale „Dysregulation, Beleidigtsein und Empörungshysterie“ dominierten das öffentliche Leben.
  • Dies habe eine „Zerrüttung der politischen Kultur“ erzeugt, die von „Angst vor Widerrede und Mangel an Zivilcourage im Denken und Sprechen“ beherrscht sei.

Diese dysfunktionalen Formen von Maskulinität seien abzugrenzen von einer „tonischen“ bzw. stärkenden und aufbauenden Maskulinität, die nach Frieden und Harmonie strebe, ohne in eines der oben genannten Extreme zu verfallen. Der Ukraine-Krieg zeige, dass „Friedfertigkeit mit Abschreckung und Wehrfähigkeit kombiniert auftreten“ müsse. Eine „Renaissance der westlichen Kultur“ werde „nur gelingen, wenn positive Männlichkeit als Kulturträger neben den Werten positiver Weiblichkeit ebenfalls Anerkennung findet“.

Der laufende Krieg zeige im Übrigen, dass die Vorstellung, dass Männer vor allem „Privilegien“ hätten, verfehlt sei. Schon immer sei es die Aufgabe von Männern gewesen,  „im Krieg zu kämpfen, ihr Leben oder ihre Unversehrtheit zu opfern“. Es seien „weit und breit keine Privilegien für Männer zu finden, wenn es um Krieg und Gewalt geht“.1

Hintergrund und Bewertung

Die von Klein angesprochene Kultivierung der Natur des Mannes, die dessen Eigenschaften in den Dienst des Nächsten stellt und ihn dadurch zu einem Träger des Gemeinwesens macht, ist ein zentraler Aspekt abendländischer Weltanschauung und Lebenshaltung, deren Inhalte zuletzt von einigen Psychologen wiederentdeckt wurden. Die Erschließung und Verbreitung der in diesem Zusammenhang bereits in der Antike entstandenen positiven Männlichkeitskonzepte ist nicht nur eine Voraussetzung für die kulturelle Erneuerung von Gesellschaften, sondern auch für ihre Resilienz in Krisenzeiten.

Quellen

  1. Michael Klein: „Putins pervertierte Männlichkeit und die Angst vor männlichen Tugenden“, Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2022, S. 19.