Über den christlich-europäischen Zivilisationstypus

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Heinz Schilling beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Werk „Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa“ den einzigartigen Zivilisationstypus, den das Christentum in Europa geschaffen habe. Nur diese Zivilisation habe aus ihrem religiösen Identitätskern heraus eine Ordnung der individuellen Freiheit hervorgebracht, die den westlich-europäischen Kulturraum bis heute vor anderen Weltzivilisationen auszeichne.

Das Christentum sei „von Anfang an auf Weltlichkeit, also auf Wirken in und auf die Welt ausgelegt“ gewesen:

  • Zu Beginn des 4. Jahrhunderts sei das Christentum eine „eine Symbiose mit dem römischen Staat und der römischen Gesellschaft“ eingegangen. Seitdem präge das Christentum in rund anderthalb Jahrtausenden ununterbrochener Kontinuität die Gesellschaften Europas und ihre politischen Ordnungen.
  • Die „Welthaftigkeit und Weltoffenheit des Christentums“ habe ein Erbe geschaffen, das auf kulturelle Bestände zurückgreife, die weit in die vorchristliche Zeit zurückreichten. Hier seien vor allem jüdische, römische und germanische Traditionen zu erwähnen, die in die christliche Kultur Europas assimiliert wurden.

Der Kern dieses Zivilisationsmodell sei die Verbindung religiöser und gesellschaftlicher Ordnung:

  • Die europäische Identität wurde „auch und vor allem von geistigen und kulturellen Prozessen geformt, die über nahezu zwei Jahrtausende hin ein Zentrum in der Religion besaßen“.
  • In der europäischen Zivilisation seien religiöse und gesellschaftliche Ordnung nicht getrennt, sondern über mehr als ein Jahrtausend lang „institutionell wie geistig-kulturell miteinander verschränkt“ gewesen. In „Alteuropa“ wirkten „religiöse und weltlich-profane Institutionen und Kräfte über die Jahrhunderte hin zusammen“ und waren „aufeinander bezogen“.
  • Jede dieser Ordnungen blieb dabei selbstständig, was Europa „grundlegend von den monistischen oder gar fundamentalistischen Gesellschaften anderer Weltreligionen, die eine solche Selbstständigkeit und Unterscheidbarkeit nicht kennen“ unterscheide. Dies habe bis heute Konsequenzen und sei eine der Ursachen für die tiefgreifenden Unterschiede zwischen den Kulturkreisen. Auch modernen Europäern erscheine etwa der islamische Fundamentalismus wegen seiner grundsätzlichen Andersartigkeit als „fremd und gefährlich“.
  • Erst Ende des 18. Jhd. hätten die damaligen Revolutionen beide Ordnungen durch Zwang voneinander getrennt.

Die christliche Tradition Europas habe die Ordnung kultureller Freiheit geschaffen, die den europäischen Kulturraum bis heute auszeichne:

  • Erst die „Spannung zwischen Geistlichem und Weltlichem und die daraus resultierende gesellschaftliche und kulturelle Dynamik ermöglichten überhaupt jenen fundamentalen Wandel in nahezu allen Lebensbereichen, der sich im späten Mittelalter anbahnte“.
  • Nur die „dualistische Grundstruktur von Religiösem und Weltlichen garantiert beiden Seiten selbstständiges Handeln sowie Balance und gegenseitige Kontrolle“. Nur auf diese Weise ließen sich beide Gewalten, „die jede für sich gar zu gern Absolutheit beanspruchten, austarieren“.
  • Diese kulturelle Grundlage ermöglichte den „Durchbruch der Freiheitsrechte des Individuums, die bis heute den lateinisch-christlich geprägten ‚Westen‘ charakterisiert und vor anderen Weltzivilisationen auszeichnet“.

Die oben beschriebene Tradition bis heute alle Epochen der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte geprägt. Man dürfe etwa die Renaissance nicht als „Eindämmung der Religion“ verstehen. Religiöse Institutionen hätten hier und darüber hinaus „überragende Bedeutung für die Bewahrung und Mehrung von Wissen“ gehabt. Mit der Aufklärung hätten zwar säkularistische Tendenzen die Oberhand gewonnen, aber auch die Aufklärung sei letztlich „eine rebellierende Tochter des Christentums“ gewesen und hätte ohne dieses nicht entstehen können.

Auch die Moderne habe sich „nicht im grundsätzlichen Widerspruch zum Christentum“ ausgebildet. Wo sich Christentum und Moderne feindlich begegnet seien, sei dies „Ausdruck politischer Taktik und Parteilichkeit“ gewesen, „nicht aber des intellektuellen und theologischen Kerns des Christentums“. Die Leistungen der Moderne seien in der christlich-europäischen Tradition angelegt und „nicht so weit von den geistigen und religiösen Ursprüngen Europas entfernt, wie es bisweilen den Anschein haben mag“.

In jedem Fall müsse man die historische und kulturelle Bedeutung des Christentums für Europa würdigen, denn es habe „entscheidend dazu beigetragen, dass die europäische Zivilisation jene Dynamik und jenen sozialen Wandel freisetzen konnte, die heute längst den gesamten Globus erfasst haben“.1

Quellen

  1. Heinz Schilling: Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa, Freiburg i. Br. 2022, S. 23-28.