Transgender-Aktivismus als Angriff auf den Menschen

Herrad von Landsberg: Die kämpfende Kirche - Detail aus dem Hortus Deliciarum, um 1180 (gemeinfrei)

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der zuletzt Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre der katholischen Kirche war, kritisiert in einer heute veröffentlichten Stellungnahme die Transgender-Ideologie. Diese negiere das naturrechtliche Menschenbild, propagiere “Selbstverstümmelung an Geist, Seele und Körper” und schade vor allem Kindern und Jugendlichen. Die entsprechenden Aktivisten stellten eine “verfolgende Minderheit” dar, die sich “in Politik, Justiz, Universitäten und Medien eine totalitäre Machtposition verschafft” habe und “die Religionsfreiheit zerstört, den Rechtsstaat untergräbt und die Wissenschaftsfreiheit mit Füßen tritt”.

Die geschlechtliche Identität des Menschen sei unverfügbar und müsse von ihm bejaht werde. Menschen “existieren personal als leibhaftige Wesen”, und da “die männliche oder weibliche Geschlechtlichkeit zur Ausprägung unseres individuellen Körpers gehört, können wir sie auch nicht wesenhaft verändern, sondern in ihr uns entweder positiv entwickeln oder zu unserem Schaden dagegen rebellieren”:

“Der Mensch kann nur frei entscheiden, ob er selbstzerstörerisch sich ganz entleiben oder zum Teil verstümmeln will. Die entscheidende Aufgabe in der Zeit unseres Heranwachsens als Kind und junger Erwachsener ist es, ohne Minderwertigkeitskomplexe ‚Ja‘ zu sagen zu sich selbst in der Ganzheit von Leib und Seele.”

Der Unterschied zwischen Mann und Frau sei auch deshalb zu bejahen, weil die Annahme der jeweiligen Identität die Voraussetzung für gelingendes individuelles und gesellschaftliches Leben sei. Der Transgender-Ideologie gehe es “nicht um die Würde von andersgeschlechtlich empfindenden Einzelnen, sondern um die Negation der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen überhaupt”. Es sei ihr “gelungen, aus einer verfolgten eine verfolgende Minderheit zu machen”. Ihre Anhänger hätten “sich in Politik, Justiz, Universitäten und Medien eine totalitäre Machtposition verschafft, die die Religionsfreiheit zerstört, den Rechtsstaat untergräbt und die Wissenschaftsfreiheit mit Füßen tritt”.

Wenn “die Selbstverstümmelung an Geist, Seele und Körper ideologisch-politisch als angebliche ‚Selbstbestimmung‘ feilgeboten” werde, dann sei dies “nichts weniger als eine schwere Versündigung am Wohl und Heil von Kindern und Jugendlichen, die sich in einem Prozess der Reife und Identitätsfindung befinden”.1

Bewertung und Hintergrund

Transgender-Aktivisten greifen derzeit verstärkt das naturrechtliche Menschenbild an, das bislang die normative Grundlage der freiheitlichen Ordnungen der westlichen Welt darstellt. Dieses Menschenbild betont, dass der Mensch Teil einer objektiven Realität sei, die er in weiten Teilen nicht verändern könne. Diese Tatsache verleihe ihm unveräußerliche Rechte, sei aber auch mit Pflichten verbunden. Transgender-Ideologen vertreten im Gegensatz dazu ein postmodernes Menschenbild, das davon ausgeht, dass Aussagen über objektive Wirklichkeit nur ein Instrument zur Ausübung von Macht darstellten. Die Institutionen, die von der Existenz einer solchen Wirklichkeit ausgingen, müssten zerstört werden, damit der Mensch frei werden könne. Störungen der Geschlechtsidentität seien keine Krankheit, sondern Ausdruck einer vorbehaltlos zu bejahenden individuellen Entscheidung.

Transgender-Aktivisten agieren deutlich aggressiver als andere LGTB-Aktivsten und stellen jeglichen Zweifel oder Widerspruch gegenüber dem von ihnen propagierten Menschenbild als Ausdruck von “Haß” oder als einen mit physischer Gewalt vergleichbaren Angriff dar. Wer sich entsprechend äußert, wird in der Regel zum Ziel von rufschädigenden Kampagnen, die seine berufliche oder soziale Existenz zerstören sollen. Die Philosophin Kathleen Stock war Ziel einer solchen Kampagne, weil sie die Position vertreten hatte, dass die geschlechtliche Identität des Menschen nicht von Gefühlen abhänge, sondern biologisch bestimmt sei:

  • Die Annahmen der Aktivisten bezüglich der Natur des Menschen seien ihr zufolge unwahr. Die Binarität der Geschlechter sei “ist in der Natur angelegt und ziemlich stabil”. Die Existenz sexueller Entwicklungsstörungen, die eindeutige Zuordnungen in Einzelfällen erschwerten, änderten an dieser biologischen Tatsache und den auf ihr beruhenden kulturellen Normen zunächst nichts.
  • Die Vorstellung, dass das biologische Geschlecht durch Gefühle beeinflusst werde, sei “verrückt”. Auch durch chirurgische oder hormonelle Behandlung könne der Mensch sein biologisches Geschlecht nicht verändern. Wer “glaubt, dass unser Geschlecht eine rein sozial konstruierte Vorstellung ist, dem nichts Biologisches zugrunde liegt”, sei “letztlich wissenschaftsfeindlich”.
  • Man müsse “Menschen, die das Gefühl haben, im falschen Körper zu stecken” mit angemessenen Therapien helfen, anstatt sie für politische Zwecke zu missbrauchen und ihnen gleichzeitig zu suggerieren, dass irreversible medizinische Eingriffe ihre psychischen Probleme lösen könnten. Diese Probleme könnten auch nicht durch die Umstrukturierung der Gesellschaft gelöst werden. Es sei zudem nicht angemessen, ganze Gesellschaften umzustrukturieren, nur um auf die Gefühle von Menschen Rücksicht zu nehmen, die Irrtümern über die Natur des Menschen anhingen.
  • Die Aktivisten hätten auf der Grundlage eines unwahren Menschenbildes zudem einen Kulturkampf begonnen, in dem es um „unsere Sprache, unsere Gesetze“ gehe. Viele Menschen hätten das „Gefühl, dass ihnen die Luft abgeschnürt wird“, weil „die Dinge, mit denen sie aufgewachsen sind – wie der Unterschied zwischen Männern und Frauen –, verschwinden“. Es „wäre hilfreich, all das ausdiskutieren“ anstatt „zu sagen: ‚Hier endet die Debatte, du transphobe Schlampe.‘”2

Vermutlich hat es auch aufgrund der hohen Aggressivität der Aktivisten bislang kaum ein höherrangiger Vertreter der Kirchen in Deutschland gewagt, im beschriebenen weltanschaulichen Konflikt für das naturrechtliche Menschenbild einzutreten. In der katholischen Kirche laufen zudem Bestrebungen dazu, das postmoderne Menschenbild zu übernehmen, weshalb Kardinal Müller seit längerem Ziel einer innerkirchlichen Kampagne ist, deren Vertreter ihn mit teils diffamierenden Vorwürfen zum Schweigen bringen wollen, ohne seine Positionen jedoch inhaltlich zu entkräften.

Anhänger der Genderideologie berufen sich meist auf aktuelle Erkenntnisse der Humanwissenschaften, führen aber nicht aus, worin diese genau bestehen sollen. Tatsächlich warnen Mediziner und Psychologen zunehmend vor den destruktiven Folgen des oben beschriebenen Aktivismus. Der Kinderpsychiater Alexander Korte, der als leitender Oberarzt am Klinikum der Universität München tätig ist, erklärte etwa, dass die Zahl der Jungen und Mädchen, die sich als „Transgender“ wahrnehmen würden bzw. unter Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie litten und sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren könnten, in den vergangenen Jahren stark angestiegen sei:

  • Vor wenigen Jahren noch hätten solche Fälle eine „absolute Rarität“ dargestellt. Vor rund zehn Jahren hätte die Zahl der Fälle dann begonnen zuzunehmen. In den vergangenen fünf Jahren sei ein besonders starker Anstieg zu beobachten gewesen.
  • Man habe es „hier offensichtlich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun“. Das „ganze Transgender-Thema wird gegenwärtig sehr gehypt“. Es gebe „eine Reihe von Transjungen“, die in sozialen Medien als „Influencer“ auftreten und so andere Jugendliche beeinflussen würden. Hier seien gruppendynamische „Nachahmereffekte“ zu beobachten, die vor allem hinter der bislang nicht beobachteten „Rapid-Onset Gender Dysphoria“ (ROGD) stehen würden, die nach der Pubertät auftrete und überwiegend bei bei Mädchen zu beobachten sei. Durch die Identifizierung als „Transgender“ könnten Jugendliche Aufmerksamkeit erhalten und „ihrem individuellen Leiden in einer Form Ausdruck zu verleihen, die in unserer Kultur zunehmend akzeptiert ist“.
  • Hinter dieser Identifizierung würden verschiedene unterschiedliche Probleme stehen, etwa die Schwierigkeit von Mädchen, körperliche Veränderungen während der Pubertät zu verarbeiten, traumatische Erfahrungen, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung oder auch der Druck durch Schönheitsideale. In vielen Fällen läge eine schwierige familiäre Situation vor. Bei Jungen könne das Fehlen einer positiven männlichen Identifikationsfigur zur Transgender-Problematik beitragen.3

Einige Mediziner kritisieren die entsprechenden medizinischen Eingriffe als unverantwortlich. Der an der Universität Oxford lehrende Mediziner Carl Heneghan kritisierte etwa die Anwendung pubertätsverzögernder Medikamente sowie Hormonbehandlungen bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen. Die langfristigen Auswirkungen solcher Behandlungen an Kindern seien noch nicht hinreichend erforscht. Häufig seien diese Medikamente zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt worden. Ihre Anwendung bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen stelle ein „Experiment an Kindern“ dar.4

In Großbritannien kündigten zudem zahlreiche Ärzte aus ethischen Gründen ihre Tätigkeit, nachdem von ihnen die Beteiligung an entsprechenden medizinischen Eingriffen gefordert worden war. Sie kritisierten zudem, dass viele entsprechende Diagnosen bei Kindern falsch seien, vor allem bei Jugendlichen mit homosexuellen Neigungen, die Schwierigkeiten hätten, sich mit ihrem Geschlecht zu identifizieren oder unter Mobbing, aber nicht unter einer Geschlechtsidentitätsstörung im eigentlichen Sinne litten. In diesen Fällen würden derzeit irreversible Eingriffe vorgenommen, die nicht dem Krankheitsbild der Betroffenen entsprächen und deren Lage weiter verschlechtern könnten. Auf Ärzte werde Druck ausgeübt, den Behandlungen zuzustimmen, auch wenn diese nicht davon ausgingen, dass diese im gesundheitlichen Interesse der Betroffenen wären. Einer der Ärzte sprach davon, dass die Behandlungen Menschenversuche an besonders verwundbaren Kindern und Jugendlichen darstellten.5

Der Wissenschaftsjournalist Thomas Thiel warf der Transgender-Bewegung daher vor, nicht nur von einem unwahren Menschenbild auszugehen, sondern auch rücksichtslos gegenüber Kindern und Jugendlichen zu handeln, die Öffentlichkeit über ihre Absichten zu täuschen und aggressiv gegen jeglichen Widerspruch vorzugehen. Hinter der Bewegung stünden nicht nur die Interessen von Pharmaunternehmen, sondern auch eine radikale utopische Ideologie, welche die Abschaffung des Menschen anstrebe.

Transgender-Aktivismus agiere darüber hinaus unaufrichtig und beruhe auf gezielter Täuschung der Öffentlichkeit. Aktivisten hätten etwa erklärt, dass Kindern und Jugendlichen die Risiken medizinischer Eingriffe verschwiegen werden und diese stattdessen als „körperlich und psychisch folgenlose Wunscherfüllung“ dargestellt werden sollten. Aktivisten würden zudem in Schulen und Kindergärten Broschüren verteilen, „die Kindern den Geschlechtswechsel beispielsweise mit der gauklerischen Behauptung nahelegen, auch Männer könnten Kinder gebären“. Auch die Öffentlichkeit werde von ihnen getäuscht, wie ein Strategiepapier der Transgender-Organisation IGLYO zeige:

“Die Iglyo-Kampagne gibt sogar offen zu, die Öffentlichkeit über ihre Ziele täuschen zu wollen. Hängen Sie sich an eine populäre Reform, rät das Strategiepapier, um ‘unter deren Deckmantel’ (!) Ihr eigentliches Ziel durchzusetzen. Unter der Überschrift ‘Vermeiden Sie exzessive Berichterstattung’ wird empfohlen, sich mit weit ausgearbeiteten Plänen an einzelne Politiker zu wenden, um die Meinungsbildung vorwegzunehmen. Danach soll mit gesetzlichen Sanktionen verhindert werden, dass Kritik an dem streitbaren Konzept der Gender-Identität geäußert wird. Die Gesetzesentwürfe von Grünen und FDP kommen dem nah: Sie sehen Sanktionen bis 2500 Euro vor, wenn das frühere Geschlecht einer Person genannt wird […]. Nun spricht jemand, der das im Hinblick auf die Vergangenheit tut, nichts anderes als die Wahrheit aus. Ein Staat, der das unter Strafe stellt, fordert seine Bürger zum Schweigen oder zur Lüge auf. Praktiken, die diktatorischen Regimen vorbehalten waren, werden plötzlich von Freien Demokraten vertreten.”

Transgender sei darüber hinaus “keine Graswurzelbewegung, sondern eine wirtschaftliche Macht” und werde von Pharmaunternehmen unterstützt. Das Streben nach Profit verbinde sich hier mit radikalen utopischen Ideologien. Die transsexuelle Aktivistin Martine Rothblatt, die zugleich Vorstandsvorsitzende des Pharmaunternehmens United Therapeutics ist, habe etwa erklärt, dass der entsprechende Aktivismus ” die Auffahrtsrampe zur Überwindung des Fleisches” sei. Menschen, “die sich weigern, als männlich oder weiblich bezeichnet zu werden” seien “die Pioniere einer Menschheit, die nicht durch irgendein Substrat begrenzt ist”. Es gebe “eine Entwicklungslinie von transgender zu transhuman.”6

Quellen

  1. Marco Gallina: “‘Der LGBT-Ideologie ist es gelungen, aus einer verfolgten eine verfolgende Minderheit zu machen'”, Tichys Einblick, 30.03.2022, URL: https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/kardinal-mueller-der-lgbt-ideologie-ist-es-gelungen-aus-einer-verfolgten-eine-verfolgende-minderheit-zu-machen/, Zugriff: 30.03.2022.
  2. Anna-Lena Scholz: „‚Das ist verrückt‘“, Die Zeit, 16.12.2021, S. 42.
  3. „‚Macht doch endlich, sonst bringe ich mich um‘“, Der Spiegel, 19.01.2019.
  4. Carl Heneghan: „Doubts over evidence for using drugs on the young“, The Times, 08.04.2019.
  5. „Calls to end transgender ‚experiment on children‘“, The Times, 08.04.2019.
  6. Thomas Thiel: “Die Überwindung des Fleisches”, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2021.