Der Krieg als Quelle solidarischer Bindungen

Die Mauern Konstantinopels - Aus dem Luttrell-Psalter, 14. Jhd. (gemeinfrei)

Der Historiker Yuval Noah Harari schreibt in einem Aufsatz in der Tageszeitung „The Guardian“, das man gegenwärtig in der Ukraine Prozesse der Nationenbildung beobachten könne. Durch die gemeinschaftliche Bewältigung von Herausforderungen im Krieg entstünden dort Bindungen, aber auch kollektive Erinnerungen, welche die geistig-kulturellen Grundlage der ukrainischen Nation voraussichtlich für viele Generationen stärken würden:

„Nationen sind letztlich auf Erzählungen aufgebaut. Mit jedem Tag, der vergeht, kommen mehr Erzählungen hinzu, die die Ukrainer nicht nur in den bevorstehenden dunklen Tagen, sondern auch in den kommenden Jahrzehnten und Generationen erzählen werden. Der Präsident, der sich weigerte, aus der Hauptstadt zu fliehen, weil er den USA sagte, er brauche Munition und keine Mitfahrgelegenheit; […] die Zivilisten, die versuchten, russische Panzer aufzuhalten, indem sie sich in deren Weg stellten. Das ist der Stoff, aus dem Nationen gemacht sind. Auf lange Sicht zählen diese Geschichten mehr als Panzer.“

Bindungen würden nicht nur durch die erfolgreich bewältigte Herausforderungen gestärkt etwa die Abwehr von Angreifern, sondern auch durch Verluste. Der durch sie genährte Hass sei die hässlichste menschliche Emotion, stelle aber für unterlegene Mächte eine Ressource dar, die sie über lange Zeiträume hinweg zum Widerstand befähigen könne.1

Hintergrund und Bewertung

Harari will mit seinem Aufsatz nicht den Krieg idealisieren, der für die Ukrainer eine Katastrophe darstellt und aufgrund des vorhandenen Eskalationspotenzials auch für Westeuropa mit existenzbedrohenden Risiken verbunden ist, sondern die historische Realität von Prozessen der Nationenbildung beschreiben. Die in Deutschland verbreitete Annahme, das ein Gemeinwesen im Ernstfall durch „Verfassungspatriotismus“ zusammengehalten werden könne, entspricht nicht dieser Realität. Die Ukrainer beziehen ihre geistige Kraft zur Verteidigung ihres Gemeinwesens offensichtlich vor allem aus Nationalbewusstsein, wie der Militärhistoriker Lawrence Freedman beobachtete. Daraus folgt, dass dieses Bewusstsein für ein Gemeinwesen eine überlebenswichtige kulturelle Ressource darstellt, die bereits im Frieden gepflegt werden muss.

Auch in anderem Kontext ist beobachtet worden, dass der erfolgreich bewältigte Ernstfall identitätsstiftend wirken kann. Personen, die im Krisenmanagement im Rahmen der Tschernobyl-Katastrophe eingesetzt waren, berichteten etwa, dass sie diese Zeit rückblickend als positive Erfahrung betrachteten, welche das Gemeinschaftsbewusstsein unter den Beteiligten gestärkt habe. Die Krise habe eine sinnstiftende Erfahrung dargestellt, weil man in ihr unverzichtbar gewesen sei und gebraucht wurde. Außerdem habe man in der Krise die Erfahrung gemacht, einer starken Gemeinschaft heroischer Persönlichkeiten anzugehören. Dieser Gemeinschaft anzugehören, habe das eigene Selbstwertgefühl enorm gestärkt.2

In Krisensituationen können Einzelpersonen besondere Wirkung entfalten, indem sie durch ihr Vorbild führen. Wer in einer solcher Situation dazu in der Lage ist, Ordnung zu stiften und Auswege aus der Krise aufzuzeigen, kann das entsprechende Gemeinwesen anschließend für lange Zeit in seinem Sinne prägen.

Der von Harari angesprochene Hass entfaltet allerdings nicht die von ihm vermutete positive Wirkung. Im Krieg führt er zu Exzessen, und nach dem Krieg kann er für lange Zeit einen dauerhaften und stabilen Frieden verhindern. Wie jede Leidenschaft muss Hass bzw. Zorn daher unbedingt werden, was im Krieg vor allem auch eine Führungsaufgabe darstellt. Ein Beispiel dafür stellt General Theodor Groppe dar, der im Zweiten Weltkrieg die von den Nationalsozialisten gewollten und durch hassschürende Propaganda geförderten Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung in seinem Verantwortungsbereich wirksam unterband. In diesem Stadium der Freisetzung von Leidenschaften war Hass nur noch durch Furcht bzw. die Androhung von Gewalt kontrollierbar.

Wer versucht, Hass zu stärken um die Motivation eines Gemeinwesens zu stärken, handelt unverantwortlich, weil er Exzesse begünstigt, die grundsätzlich falsch sind und zudem langfristig auch dem eigenen Gemeinwesen schaden. Aristoteles unterschied daher den schädlichen Hass vom gerechten Zorn, der den Willen zum vorbehaltlosem Einsatz gegen das stärkt, was das Gute bedroht. Der anzustrebende Sanftmut erfordert dabei nicht die Abwesenheit von Zorn, sondern dessen richtiges Maß. Der sanftmütige Mensch ist in dem Maße zornig, wie es die Beseitigung eines Übels erfordere, während der jähzornige Mensch die Kontrolle verliere und unangemessen handele. Dieser Sanftmut sei kein Gefühl, sondern ein durch die Unterwerfung der Leidenschaften durch Wille und Verstand erzeugter innerer Zustand der Selbstkontrolle.3

Quellen

  1. Yuval Noah Harari: „Why Vladimir Putin has already lost this war“, The Guardian, 01.03.2022, S .3, Übersetzung: Renovatio.
  2. Svetlana Alexievich: Chernobyl Prayer, London 2016, S. 85.
  3. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 148-149 (IV, 11).