Das Ende des modernen Fortschrittsoptimismus

Wiktor Wasnezow - Die vier Reiter der Apokalypse (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Laut dem Soziologen Andreas Reckwitz hat die russische Invasion in der Ukraine „die Grundannahmen der westlich-­liberalen Geschichtsphilosophie“ und den mit ihr verbundenen „Fortschrittsoptimismus“ erschüttert. Die „geschichtsphilosophischen Hoffnungen“ des Westens hätten sich als „Wunschdenken“ herausgestellt. Die „weltgesellschaftliche Entwicklung“ strebe offensichtlich nicht hin zu immer größerer Modernisierung, sondern verlaufe „nach einer Logik des Konflikts“.

Fortschrittsoptimismus sei ein Produkt der Aufklärung, die Geschichte als „Entfaltung der Vernunft“ verstanden habe. Im 20. Jahrhundert habe sich daraus in den Sozialwissenschaften die Vorstellung entwickelt, dass sich die ganze Welt zwangläufig nach westlichem Vorbild entwickeln werde. Russland wurde von den Anhängern der Modernisierungstheorie als „zentraler Kandidat der nachholenden Modernisierung“ betratet und vorausgesagt, dass das Land sich immer stärker dem Westen annähere.

Mit dem Krieg in der Ukraine sei „diese Illusion endgültig zerstoben“:

  • Das „westliche Modell“ lasse sich „offenbar nicht ohne Weiteres in andere soziokulturelle Kontexte exportieren“, wie etwa die USA im Nahen und Mittleren Osten erfahren mussten. Auch China habe eine „scharfe antiliberale Wendung“ vollzogen und sich „so als eine Systemalternative zum Westen in Stellung“ gebracht; „als Kombination aus Kapitalismus, starkem Staat und konfuzianischer Tradition“.
  • Die kommenden Jahre würden wahrscheinlich von „Entglobalisierung“, verstärkter „Orien­tie­rung an Sicherheit – innerer wie äußerer“ und ideologischer Polarisierung unter anderem „zwischen Modernisierungsgewinnern und -verlierern“ geprägt sein, bei der „die nationale Verwurzelung der vorgeblichen Entwurzelung und Dekadenz des Liberalismus entgegengestellt“ werden wird.

Der Westen sei „ein historisch spezielles Phänomen ohne Ewigkeitsgeltung“, das die Konfrontation mit der Sowjetunion für sich entschieden habe, weil es damals noch über eine „recht starke innere Homogenität“ sowie überlegenen Wohlstand verfügt habe. Dies sei „so eindeutig heute nicht mehr ge­geben“. Der Ausgang des sich gegenwärtig andeutenden Konflikts zwischen den Großmächten und ihren unterschiedlichen politischen Ordnungen sei daher offen.1

Hintergrund und Bewertung

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hatte kürzlich eine inhaltlich ähnliche Analyse vorgelegt. Der Historiker David Engels hatte bereits deutlich früher optimistische Annahmen über die Zukunft des Westens kritisiert; ebenso der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio.

Der Fortschrittsoptimismus der Aufklärung unterscheidet sich deutlich vom Geschichtsbild traditioneller europäischer Weltanschauungen, die Geschichte überwiegend als zyklische Abfolge des Aufstiegs und Niedergang von Zivilisationen wahrnehmen. Das Christentum erweiterte diese Vorstellung durch die Annahme, das dieser Zyklus mit einer abschließenden Katastrophe enden werde, die zugleich das Ende des gegenwärtigen Weltzeitalters darstelle.

Den Fortschrittsoptimismus, den Reckwitz jetzt widerlegt sieht, haben traditionellen Weltanschauungen folgende Denker nie geteilt. Der katholische Philosoph Josef Pieper etwa sah die Quelle des Realismus der abendländischen Tradition darin, dass sie auf ein „innerzeitlich katastrophistisches Ende der Geschichte gefasst“ sei. In diesem Punkt sei vor allem das christliche Denken wesentlich realistischer als der naive Fortschrittsglaube der Moderne, „den das Auftreten eines ganze Völker terrorisierenden Gewaltverbrechers (‚mitten im zwanzigsten Jahrhundert!‘) unvermeidlich in einen Abgrund von Fassungslosigkeit stürzen musste”.2 Im 20. Jahrhundert seien „auf Grund einer Bestandsaufnahme der sich empirisch ankündigenden geschichtlichen Tendenzen, Phänomene mindestens ahnbar geworden, die gar nicht so weit abliegen von jener apokalyptischen Vision“, die zunehmend plausibler erscheine als die Utopien der Moderne.3

Quellen

  1. Andreas Reckwitz: „Der Optimismus verbrennt“, Die Zeit, 17.03.2022, S. 47.
  2. Josef Pieper: „Die Verborgenheit von Hoffnung und Verzweiflung“, in: ders.: Erkenntnis und Freiheit, München 1964, S. 52-62, hier: S. 56-57.
  3. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, Ebd., S. 243 f.