Wächter an den Grenzen

Carlo Crivelli - Der heilige Georg tötet den Drachen (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Josef Fleckenstein beschrieb das Rittertum in seinem 2002 erschienenen Werk „Rittertum und ritterliche Welt“ als eine Idee von Reformkräften innerhalb der Kirche, die eine geheiligte, dem Schutz anderer dienende Form von christlicher Maskulinität schaffen wollten. Ihre höchste Verwirklichung habe diese Idee in den Ritterorden des Mittelalters gefunden, die nicht zufällig an den Grenzen des christlichen Kulturraums entstanden seien. Die Bedingungen der umkämpften Grenzen seien besonders fruchtbar für das christliche Leben.

Alle Ritterorden seien aus den Erfordernissen des „Glaubenskampfes“ am „Rande des Abendlandes entstanden, in der Berührungszone mit einer andersartigen, vor allem andersgläubigen und deshalb als gegensätzlich empfundenen Welt“. Die „Bedingungen der umkämpften Grenze“ seien kulturell und geistig äußerst fruchtbar gewesen und hätten die für die Ritterorden typische Verbindung von Soldatentum und Mönchtum begünstigt:

„Die Grenze steht unter einem eigenen Gesetz. Ihr Sinn ist Schutz des Umgrenzten, ihr Gebot, alle Kräfte für diesen Schutz zu mobilisieren. Im Glaubenskampf wird dies zur religiösen Forderung. So konnte der Funke vom Mönchtum zum Rittertum und ebenso vom Rittertum zum Mönchtum überspringen. Und da die Mönche an der Grenze des dauerhaften Schutzes bedurften, die Ritter sich aber zumeist nur für eine begrenzte Zeit dem Kreuzzug verschrieben, wurde die Verbindung von Mönchtum und Rittertum in engeren Kreis, der stets auf seinem Posten ausharre, zur Notwendigkeit.“1

Die Gründung der Ritterorden sei „nicht nur durch den Glaubenskampf an der Grenze verursacht“ worden, sondern „auch auf den fortdauernden Glaubenskampf an der Grenze abgestellt“ gewesen. Die Grenze habe „die eigentliche Lebenslinie der Ritterorden“ dargestellt.2 Der Schutz der Grenzen des christlichen Kulturraums habe den Lebenszweck dieser Orden dargestellt, und ihre ganze personelle und materielle Kraft sei in die schutzbedürftigen Grenzgebiete geflossen.3

Hintergrund und Bewertung

Die Akteure in der Kirche der Gegenwart, die sich selbst als Reformbewegungen bezeichnen, Maskulinität dabei für “toxisch” halten und nur Homosexualität unter Männern von diesem Vorwurf ausnehmen, haben nichts mit den authentischen, von Fleckenstein erwähnten christlichen Reformbewegungen zu tun, die unter anderem das Rittertum schufen, und deren Wirken nun bereits ein Jahrtausend lang inspirierend auf den europäischen Kulturraum nachwirkt.

Während die erwähnten Bewegungen der Gegenwart die Freisetzung von Leidenschaften aller Art propagieren, betonten die Reformbewegungen des Mittelalters die Bedeutung der Kontrolle dieser Leidenschaften. Fleckenstein beschreibt das Rittertum in diesem Zusammenhang als Prozess männlicher Identitätsbildung, der vor allem “Zucht” beinhaltet habe. Christliches Leben sei hier als ein Prozess der Einübung von Selbstkontrolle und der dosierten Konfrontation mit immer größeren Herausforderungen verstanden gewesen, an dessen Ende der Mann, der seine Tauglichkeit bewiesen habe, im Rahmen einer religiösen Zeremonie zum Ritter geworden sei.4

Nicht alle Ritter hätten christlichen Idealen entsprochen, aber es habe stets Männer gegeben, die dies ernsthaft versucht hätten. In seinen besten Vertretern habe das historisch existierende Rittertum diesen Idealen tatsächlich entsprochen. Diese hätten daher eine “mächtige Zugkraft” entwickelt und über Jahrhunderte hinweg die kulturelle Führerschaft in den Eliten des christlichen Kulturraums übernommen.5 Den Bewegungen der Gegenwart wird auch deshalb nichts Vergleichbares gelingen, weil von ihrer Idealisierung ungeordneter Leidenschaften keinerlei Zugkraft ausgeht, zumindest nicht auf Männer, die höhere Ziele anstreben als das Ausleben ihrer sexuellen Leidenschaften. Arnold Gehlen beschrieb die Ritterorden in diesem Zusammenhang als ein Beispiel für Eliten, die sich durch ihre Forderung nach Askese legitimiert hätten. Nur wer sich selbst im Griff habe, werde als Mitglied einer Elite ernstgenommen.6 Gerd-Klaus Kaltenbrunner betonte asketische Eliten analog dazu als „Bedingung jeder höheren Kultur“. Entscheidend für den Fortbestand eines Gemeinwesens und einer Kultur seien „jene Minderheiten, die einfach deshalb elitär sind, weil sie bereit sind, jene asketischen Tugenden vorbildhaft zu verwirklichen und darzuleben, ohne die nun einmal kein Staat zu machen ist: zu dienen, zu verzichten, sich zu bescheiden, die Pflichten des Alltags diszipliniert zu erfüllen und Selbstbeherrschung und Selbstvervollkommnung im Interesse des Gemeinwohls zu üben.“7

Über die von Fleckenstein dargestellte inspirierende Wirkung, die vom Leben an umkämpften Grenzen ausgeht, hatte auch der Schriftsteller Charles Péguy geschrieben:

“Es ist eine ewige Frage, ob unsere moderne Heiligkeit, eingetaucht in die moderne Welt, in diese vastatio, diesen Abgrund von Unglauben und Untreue in der heutigen Welt, vereinsamt wie ein Leuchtturm, der seit bald drei Jahrhunderten vergeblich von einem ganzen Meer berannt wird, nicht doch vielleicht angenehmer ist in den Augen Gottes. […]

Aber eines können wir sagen, weil wir es sehen: unsere Glaubenstreue hat eine gewisse besondere Schönheit, die wir gleichsam erfunden haben. Die wie geschaffen wurde für die heutige Welt. Wie gesteigert. Wie ins Licht gehoben. Mehr als je ein Glaube, der durchhält. Miles Christi. Jeder Christ ist heute Soldat. Kämpfer Christi. Es gibt keine ruhigen Christen mehr. Diese Kreuzzüge, die unsere Väter suchen gingen bis in die Länder der Ungläubigen, sie kommen heute von selbst auf uns zu, wir haben sie bei uns zu Hause. […] Die Ungläubigen, einzeln oder gesammelt, umrißlos oder bestimmt, unförmig oder geformt, allenthalben verbreitet, öffentlichen Rechts, und mehr noch die Ungläubigkeiten, die Treulosigkeiten haben den Kampf bis zu uns zurückgeschlagen. Der Geringste von uns ist Soldat. Der Geringste von uns ist buchstäblich ein Kreuzfahrer. […] Wir alle sind Inseln, gepeitscht von unaufhörlichem Sturm, und alle unsere Häuser sind feste Plätze im Meer. Und das heißt, das die Tugenden, die damals von einer bestimmten Fraktion der Christenheit verlangt waren, heute von der ganzen Christenheit eingefordert werden. […] Unsere Väter mußten selber das ‘Kreuz nehmen’ und sich anderswohin begeben. Uns gibt Gott das Kreuz (welcher Vertrauensbeweis) für einen unaufhörlichen Kreuzzug am Ort. Die schwächsten Frauen, die Kinder in der Wiege sind schon belagert. Wir stehen alle an der Front. Die Grenze ist überall. Der Krieg ist allgegenwärtig.”8

Quellen

  1. Josef Fleckenstein: Rittertum und ritterliche Welt, Berlin 2002, S. 148-149.
  2. Ebd., S. 149.
  3. Ebd., S. 152.
  4. Ebd., S. 190-193.
  5. Ebd., S. 17-22.
  6. Arnold Gehlen: „Das Elitenproblem“, in: ders.: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt a. M. 1978, S. 105–109, hier: S. 108.
  7. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Elite. Erziehung für den Ernstfall, Asendorf 1984, S. 15.
  8. Charles Péguy: Wir stehen alle an der Front, Einsiedeln 1952, S. 11-14.