Über die Notwendigkeit von Haltungseliten

Zwei Damen reichen einem Ritter Helm und Schild - Darstellung aus dem Lutrell-Psalter, 14. Jhd

Der damalige deutsche Außenminister Walther Rathenau wurde 1922 ermordet. Im Gedenken an dieses Ereignis wird meist versucht, ihn für progressive Ideologien zu vereinnahmen. In seinen Schriften zeigt sich Rathenau jedoch als konservativer Kulturkritiker, der den Deutschen eine Neigung zur Dekadenz vorwarf und die Notwendigkeit einer Haltungselite betonte, die sich durch „Würde, Adel und Herrentum“ auszeichnen müsse.

In seinem kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs erschienenen Text An Deutschlands Jugend kritisierte er die deutsche „Herrenkaste“, welche die sich abzeichnende Niederlage zu verantworten habe. Ein allgemeiner Mangel an „männlichem Selbstgefühl“ sowie die „Untertänigkeit“ der Deutschen hätten das Handeln dieser dysfunktionalen Elite zum Schaden des Gemeinwohls begünstigt. Damit Deutschland sich aus seiner prekären Lage befreien könne, benötige es eine andere, bessere Elite. Dies wiederum erfordere, dass die Deutschen zunächst an Haltung gewinnen:

„Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den Adel
rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen Verantwortung voraus. […]

[H]eute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und Herrentum. […]

Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig seid, erwecken. […]

Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und gegen den Versucher. […]

Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und sich euch hingibt.

Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden Seele erringt.

Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.“

Nur eine entsprechend ausgestattete geistig-kulturelle Haltungselite könne den „Kampf um die Seele unseres Volkes“ wagen.1

Hintergrund und Bewertung

Der Begriff der „Haltung“ beschreibt in der abendländischen Tradition einen Zustand der inneren und äußeren Ordnung, den ein Mensch als Antwort auf schwierige Lagen, Krisen und Herausforderungen einnimmt, damit er diesen standhalten kann. Eine Haltung als spezifische „Dauerantwort auf eine Dauerlage“ verwirklicht sich jeweils in einem besonderen Lebensstil bzw. in einer auf klare Ziele ausgerichteten, von Härte gegen sich selbst geprägten Lebensform.2

Dass Rathenaus Warnung vor der Neigung zur Dekadenz zeitlos gültig ist, belegt unter anderem der Verfall des Haltungsbegriffs in der Gegenwart. Dieser wird etwa in den Ausführungen Anja Reschkes sichtbar, die unter Haltung das Vertreten von Meinungen zu verstehen scheint, an denen unabhängig von der Qualität ihrer argumentativen Grundlage festgehalten werden soll. Sie stellte etwa ihr emotional vorgetragenes Eintreten für offene Grenzen, für das sie zur „Journalistin des Jahres“ erklärt wurde, als ein Beispiel für Haltung dar.3 Traditionelle Haltungsideale, welche die Bedeutung von Affektkontrolle betonen, empfindet sie hingegen als „absurd“, weil Emotionen ihrer Ansicht nach nicht unterdrückt werden dürften.4

Paul Berman schrieb, dass der Verlust an Haltung nicht nur das progressive Spektrum betreffe, sondern in westlichen Gesellschaften ein allgemeines Problem darstelle, wie die pauschale Ablehnung von Eliten durch einige Anhänger populistischer Ideologien zeige. Im Zuge kultureller Auflösungserscheinungen würden sich immer größere Teile der Bevölkerungen westlicher Gesellschaften vom traditionellen Staatsethos abwenden, welches von Inhabern politischer Führungsämter Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Gravitas, Anstand, Professionalität und Vernunftorientierung fordere. Das Gegenbild zu diesem Ethos sei der unkultivierte, emotionale, vulgäre Demagoge. Angesichts dieser Entwicklung erfordere die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften die Wiederherstellung eines traditionellen Staats- und Führungsethos und die Erneuerung politischer Eliten in dessen Geist.5

Quellen

  1. Walther Rathenau: „An Deutschlands Jugend“, in: ders.: Schriften aus Kriegs- und Nachkriegszeit, Berlin 1929, S. 95–214.
  2. Gerhard Funke: „Haltung“, in: Joachim Ritter et al. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 990-991.
  3. Anja Reschke: Haltung zeigen!, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 83 ff.
  4. Ebd., S. 15-16.
  5. Paul Berman: „Three Theories of the Rise of Trump“, tabletmag.com, 05.02.2018.