Über die Berufung des Mannes zum Soldatentum

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Philosoph Joseph Maria Bocheński (1902-1995) verfasste 1939 in Vorahnung des Zweiten Weltkriegs das Werk „Militärethik im Überblick“, das kürzlich in deutscher Übersetzung erschien. Der Autor setzte sich hier vor dem Hintergrund der militärischen Bedrohung seiner polnischen Heimat mit der Berufung des Mannes zum Soldatentum auseinander. Es ging ihm dabei um die Beschreibung des „christlich soldatischen Ideals“ und die Formulierung einer Ethik für den Ernstfall.1

Die christliche Metaphysik des Krieges

Heilig seien nur die Pflichten, die Gott oder dessen Ehre zum Gegenstand hätten. Im engeren Sinne könne es daher aus christlicher Sicht keinen heiligen Krieg geben. Für den zum „Schutz des Gesetzes Gottes und zum Schutz der freien Ausübung der Religionspflichten“ geführten Krieg gebe es jedoch “im Jenseits eine religiöse Sanktion für jene Normen, die ihn regeln“.2

Die Annahme materialistischer Ideologien, das Leben des Menschen den höchsten Wert darstelle, sei falsch. Es gebe „höhere, absolute und göttliche Werte“, die dem Leben des Menschen übergeordnet seien. Zu diesen Werten gehöre „das geistige Leben“ der Nation sowie „ihr Glaube und ihre Kultur“ und das „Leben der Gesellschaft“, welcher der Mann angehöre und für die er deshalb Opfer bringen müsse. Der Krieg sei nicht grundsätzlich abzulehnen, weil die Folgen des Sieges des Feindes meist schlimmer seien als die Folgen des Kampfes gegen ihn.3

Wenn die Religion, die Kultur oder die Menschen einer Nation durch äußere Feinde bedroht würden, dann sei das Führen des Verteidigungskrieges nicht nur legitim, sondern für Christen sogar verpflichtend, „und zwar ohne Rücksicht auf moralische, geschweige denn materielle Folgen, welche nach dem Krieg im eigenen Land entstehen könnten“, denn „alles wäre schlimmer als die Zustimmung zur Unterwerfung“. Wer nicht einsehen wolle, das Krieg unter diesen Umständen „nicht nur zulässig, sondern sogar eine strikte Pflicht ist“, leide „unter moralischer Blindheit“.4

Soldatentum als praktizierte Nächstenliebe

Die katholische Ethik sei als „eine Ethik der Tat“ zu verstehen. Das zum Teil auch innerhalb der Kirche zu beobachtende “rührselig-süßliche, gutmütige Ideal” des “frommen Tölpels” sei falsch, weil es christliche Männer dabei behindere, ihrer Berufung nachzukommen und dem Gemeinwohl zu dienen.5 Gefühle könnten kein Maßstab für ethische Werte zu sein, weil sie eine Funktion der niedrigeren Teile der Seele des Menschen darstellten, die er mit Tieren gemeinsam habe. Christliche Nächstenliebe sei nicht mit dem Gefühl der Liebe zu verwechseln, sondern beinhalte vor allem „die Haltung des Willens zum Wohle des Nächsten“. Nächstenliebe könne es daher vom Mann fordern, dass er „entgegen der Gefühle hart und rücksichtslos handeln“ und Angreifer bekämpfen müssen.6

Die Nächstenliebe fordere vom Mann zudem „eine dauerhafte Geisteshaltung und Willensstärke, den Willen Gottes zu verwirklichen“, was „Nachgiebigkeit oder Schwäche“ ausschließe.7 Der Soldat müsse diese Art von Liebe möglichst vollkommen ausbilden, weil „Kriegseinsätze wesentlich mehr Charakterstärke erfordern als das normale Leben“. Wem es an dieser Liebe mangele, werde im Gerecht „zu keiner Tat fähig sein, die einer guten Tradition der Wehrhaftigkeit entspricht“:8

„Die Größe des Soldaten gründet nicht darauf, dass er töten kann, sondern auf der Bereitschaft, für höhere Ziele, geistige wie auch übernatürliche, sein Leben zu opfern. Die Aufopferung ist der wichtigste und zentrale Akt jeder Religion. Aus der Perspektive der Glaubenslehre beinhaltet also der soldatische Charakter etwas vom religiösen Charakter: Ein in den Kampf ziehender Soldat, der die Bereitschaft hat, das höchste irdische Gut – das eigene Leben – zu opfern, und zwar mit dem Ziel seine Pflicht Gott und der Gesellschaft gegenüber zu erfüllen, ist in gewisser Hinsicht stärker mit Christus verbunden als andere und er vollzieht eine Handlung von hohem übernatürlichem Wert.“

Bocheński spricht in diesem Zusammenhang von der „Erhabenheit“ des christlichen Ideals des Soldatentums.9

Die Berufung des Mannes zum Soldatentum

Bocheński ging von einer allgemeinen Berufung des Mannes zum Soldatentum aus, wobei der einzig ethisch verantwortbare Grund für den Dienst als Soldat der Wille dazu sei, „das Land zu beschützen“.10 Der moderne Krieg erfordere die Mobilisierung aller wehrfähigen Männer. Alle Männer seien daher zum Soldatentum berufen, zumindest im „Nebenberuf“. Dies gelte vor allem für Staaten wie Polen, „die aufgrund ihrer geopolitischen Lage der Kriegsgefahr häufiger ausgesetzt sind“.11

Handlungen und Fähigkeiten, die sich auf die Verwirklichung eines Wertes beziehen, stellten selbst Werte dar. Im Krieg sei der Sieg über den Feind der höchste Wert, und Werte seien daher auch alle Fähigkeiten, die den Sieg ermöglichen.12

  • Der Krieg verlange vom Mann besondere charakterliche Fähigkeiten. Diese müssten “in der Psyche des Kämpfenden mit einer unvergleichlich größeren Stärke vorhanden sein, als bei Zivilisten“. Dies erfordere bereits im Frieden “die Bildung eines Charaktertypus, welcher sich von den anderen deutlich unterscheidet, der einen Menschen tiefgründig transformiert und ihm immerwährende Eigenschaften verleiht“. Der Stand des Soldaten sei in dieser Hinsicht mit dem Stand des Geistlichen zu vergleichen.13
  • Die „grundlegende Norm der Ethik des Krieges“ stelle die Forderung an den Mann dar, sich „zwecks Erlangung der entsprechenden Kampffähigkeiten […] um den eigenen physischen und moralischen Zustand“ zu kümmern. Männer, die nicht an ihrer Tauglichkeit arbeiteten, handelten unethisch.14
  • Noch wichtiger als die Arbeit an der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit sei es für den Mann allerdings, dass er „gezielt und bewusst seinen kämpferischen soldatischen Charakter“ präge.15 Alle Angehörigen der gebildeten Schichten eines Volkes könnten zudem im Krieg in die Lage kommen, Führung übernehmen zu müssen. Auf ihnen laste eine besondere Pflicht dazu, “harte Arbeit am eigenen kämpferischen Charakter” zu leisten.16
  • Die „Pflicht zu militärischer Handlungsweise“ ziehe „die Pflicht zur Selbsterziehung und Ausprägung eines militärischen Charakters nach sich.“ Das Ideal des ritterlichen Charakters, das „als Idee unübertroffen ist und bei allen Völkern die größte Hochachtung genießt“ sei maßgeblich für den christlichen Mann. Es in sich zu verwirklichen sei „die wichtigste Pflicht jedes Soldaten“, resultierend aus der Tatsache „dass er ein Kriegsmensch ist und den Sieg anzustreben hat“.17

Da „jeder legitime Krieg in einer bestimmten Bedeutung dieses Wortes ein heiliger Krieg ist“, vor allem wenn er zur Verteidigung der christlichen Religion geführt werde, sei „auch die Pflicht zur Ausbildung eines kämpferischen Charakters, als geltendem Siegesmittel, in analoger Weise eine heilige Pflicht“.18 Ehre besitze, wer den damit verbundenen höchsten Idealen gerecht werde.19

Das christliche Ethos für den Ernstfall

Im gerechten Krieg bestehe die oberste ethische Norm in dem „dem Gebot, feindliche Kampfverbände auszuschalten, um die von ihnen ausgehende Gefahr zu beseitigen“. Die „oberste Pflicht“ des Soldaten sei folglich „die Ausschaltung des Feindes“. Diese Pflicht werde eingeschränkt durch die Forderung, dass die dabei eingesetzte Gewalt streng auf die Bekämpfung des Feindes begrenzt bleibe. Wer den Kampf verweigere, „das Feuer einstellt oder eine andere Aktion nicht ausführt“, der „verrät das Ziel des Kriegs und handelt den ethischen Grundsätzen schwer zuwider“, weil er seine Pflicht nicht erfülle, „die Gefahr zu beseitigen, die von feindlichen Kräften ausgeht“.20 Ethisch sei im gerechten Krieg prinzipiell somit alles geboten, was „zum vollständigen Sieg notwendig ist“, mit Ausnahme von Handlungen, „die in ihrem Wesen böse sind“.21

Die Tugend der Ritterlichkeit wirke dem Bösem im Krieg entgegen, weil sie den Verzicht auf Hass und Verachtung gegenüber dem Feind fordere.22 Die Tugend des Patriotismus sei erforderlich, damit die Ausrichtung des Willens auf das Kriegsziel “ausreichend stark und dauerhaft” bleibe.23

Quellen

  1. Joseph Maria Bocheński: Militärethik im Überblick, Bad Sassendorf 2018, S. 29.
  2. Ebd., S. 24-25.
  3. Ebd., S. 18-20.
  4. Ebd., S. 20-21.
  5. Ebd., S. 132.
  6. Ebd., S. 18.
  7. Ebd., S. 45.
  8. Ebd., S. 34-35.
  9. Ebd., S. 29.
  10. Ebd., S. 41.
  11. Ebd., S. 15.
  12. Ebd., S. 30.
  13. Ebd., S. 15.
  14. Ebd., S. 49.
  15. Ebd., S. 50.
  16. Ebd., S. 147.
  17. Ebd., S. 26-28.
  18. Ebd., S. 26-28.
  19. Ebd., S. 30.
  20. Ebd., S. 41-43.
  21. Ebd., S. 26-27.
  22. Ebd., S. 43.
  23. Ebd., S. 132.