Über das Wesen des Krieges

Gustave Doré - Enigma (gemeinfrei)

Der Schriftsteller und Offizier Ernst Jünger (1895-1998) setzte sich in seinen frühen Schriften vor allem mit seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg auseinander. Im Krieg sah er ein Werk dunkler Kräfte, die tief in der Seele des Menschen verwurzelt seien und Schreckliches vollbrächten. Da der Mensch sich nicht ändern werde, werde es Kriege geben, solange es Menschen gibt. Man dürfe die Realität des Krieges daher nicht leugnen und sich in einen utopischen Pazifismus flüchten, sondern müsse sich auf sie vorbereiten, um nicht unterzugehen.

Der Krieg als Ausdruck dunkler Kräfte in der Seele des Menschen

Der Krieg sei kein Werk der menschlichen Vernunft, sondern wie der Geschlechtstrieb ein „Naturgesetz“:

„In den Schluchten unserer Seele lauert immer noch das sprungbereite Tier; das schleudert uns nieder, wenn seine Zeit gekommen ist, und wird uns niederschleudern, solange wir Menschen sind“.1

Der Krieg sei in der “Einrichtung der Welt begründet”:

“Die Sucht zu zerstören, ist tief im menschlichen Leben verwurzelt; alles Schwache fällt ihr zum Opfer. Was hatten die Peruaner […] den Spaniern getan? Wer Ohren dafür hat, dem singen die Urwaldkronen, die heute über den Ruinen ihrer Sonnentempel federn, die Antwort. Es ist das Lied vom Leben, das sich selbst verschlingt. Leben heißt töten.

Auf der Insel Mauritius lebte einst das Volk der Dronten, das friedlichste Volk, das man sich denken kann; waren sie doch nahe Verwandte der Tauben. Sie hatten tatsächlich keinen Feind, konnten vor Unbeholfenheit kaum gehen und nährten sich von Pflanzen. Ihr Fleisch war ungenießbar […]. Trotz alledem: Sie waren ausgerottet, nachdem man kaum ihr verlassenes Eiland entdeckt. Ein Bild, das ich mir so recht vorstellen kann: Das holländische Schiffsvolk, ohne Ermatten – in solchen Dingen ist der Mensch wirklich unermüdlich; keiner rastloser als der Jäger – […] und die vielen Tausend großen, schwerfälligen Vögel, die mit erstaunten Augen das Gemetzel betrachten, bis auch ihnen der Schädel zerbricht.”2

Dunkle Kräfte in der Seele des Menschen würden ihn immer wieder in Kriege treiben:

„Diese Menschen werden den Krieg niemals überwinden, denn er ist größer als sie. Wohl wird die erschöpfte Faust zuweilen sinken, wohl werden sie für Zeiten keuchend abseits stehen, wohl werden sie diesen oder jenen Krieg durch einen Frieden beenden, wohl werden sie manchmal sagen: dies sei der letzte Krieg gewesen. Aber der Krieg ist nicht tot, wenn keine Dörfer und Städte mehr brennen, wenn nicht mehr Millionen mit verkrampfter Faust im Feuer verbluten, wenn man nicht mehr Menschen, wimmernde Bündel, auf die blanken Tische der Lazarette schnallt. Es wird auch nicht geboren von einigen Staatsmännern und Diplomaten, wie viele glauben. Das alles ist nur äußerlich. Die wahren Quellen des Kriege springen tief in unserer Brust, und alles Gräßliche, was zuzeiten die Welt überflutet, ist nur ein Spiegelbild der menschlichen Seele, im Geschehen sich offenbarend.

Oft habe ich sie in ihren Unterständen seufzen hören: ‚Es ist nicht gut, daß sich die Menschen töten.‘ Sie meinten damit aber nur: ‚Es ist nicht gut, getötet zu werden.‘ Und waren doch so oft dieselben, die kaltblütig stachen und höhnisch dabei riefen: ‚Nix, Camerade!‘, wenn flehende Arme sich ihnen entgegenstreckten.“3

Im Krieg sei die „Auslese Mitteleuropas“ wie “ein Rudel von Edeltieren zusammengeknallt“ worden: “Das ist der Krieg. Das Beste und Wertvollste, die höchste Verkörperung des Lebens ist gerade gut genug, um in seinen unersättlichen Rachen geschleudert zu werden.” Ein Feuerstoß eines Maschinengewehrs habe ausgereicht, und Männer, mit denen man große Werke hätte vollbringen können, “hängen im Draht, zerfetzte Bündel, um langsam zu verwesen.“4

Der Schrecken des Krieges

Jüngers Jugendträume vom ritterlichen Kampf hätten die Erfahrung des Krieges zerstört. Der reale Krieg sei ein „schönes Rittertum, dieses Umherkriechen zwischen Dreck und Verwesung“.5 Über die seelischen Eindrücke, die der Krieg bei ihm hinterlassen habe, schreibt er:

„Was war es, das im ungewissen Lichte aus allen Winkeln mit schleimigen Fangarmen nach dem Herzen tastete? Das Grauen des Todes und der Verwesung.

Die Verwesung. Manch einer zerging ohne Kreuz und Hügel in Regen, Sonne und Wind. Fliegen umschwirrten seine Einsamkeit in dichter Wolke, schwüler Dunsthauch umschwebte ihn. Unverkennbar ist der Geruch des verwesenden Menschen, schwer, süßlich und widerlich haftend wie zäher Brei. Nach großen Schlachten brütete er so lastend über den Feldern, daß auch der Hungrigste das Essen vergaß. […]

Es waren zu viele; überall stieß der Spaten auf irgendetwas Verschüttetes. Alle Geheimnisse des Grabes lagen offen in einer Scheußlichkeit vor der die tollsten Träume verblichen. Haare fielen in Büschen von Schädeln wie fahles Laub von herbstlichen Bäumen. Mache zergingen in grünliches Frischfleisch, das nachts durch zerrissene Uniformen glänzte. Trat man auf sie, hinterließ der Fuß phosphorische Spuren. Andere wurden zu kalkigen, langsam zerblätternden Mumien gedörrt. Anderen floß das Fleisch als rotbraune Gelatine von den Knochen. In schwülen Nächten erwachten geschwollene Kadaver zu gespenstischem Leben, wenn gespannte Gase zischend und sprudelnd den Wunden entwichen. Am furchtbarsten jedoch war das brodelnde Gewühl, das denen entströmte, die nur noch aus unzähligen Würmern bestanden.

Was soll ich eure Nerven schonen? […] Gibt es noch eine Steigerung? […] Wer darf vom Kriege reden, der nicht in unserm Ringe stand?“6

Der Krieg als rauschhafte Erfahrung

Die aus Sicht eines postheroischen Zeitgeistes unverständlichsten Teile des Werkes Jüngers sind die, in der er die seelischen Kräfte, die den Krieg für viele Männer anziehend machen, auf Grundlage seiner eigenen Erfahrung ohne jegliche Beschönigung schildert.

Der Krieg habe nicht nur den oben beschriebenen Schrecken umfasst, sondern beinhalte zugleich auch „Ekstase“. Das Gefecht sei ein „Rausch über allen Räuschen, Entfesselung, die alle Bande sprengt“; „Raserei ohne Rücksicht und Grenzen, nur den Gewalten der Natur vergleichbar“. Hier sei „der Mensch wie der brausende Sturm, das tosende Meer und der brüllende Donner“, „verschmolzen ins All, er rast den dunklen Toren des Todes zu wie ein Geschoß  dem Ziel“.7

Im Gefecht trete man an „die Grenzen der Ewigkeit“. Die damit verbundenen Empfindungen seien wie „ein Schrei, im Flusse der Kultur längst vergessen, ein Schrei aus Erkennen, Grauen und Blutdurst“. Jünger betont, dass der “Rausch, der Durst nach Blut“ im Gefecht die Kontrolle über den Menschen übernehmen könne.8 In der Erfahrung verbinde sich das „Grauen, die Angst, die Ahnung der Vernichtung” mit dem “Lechzen, sich im Kampfe völlig zu entfesseln“. Die davon ergriffenen seien wie „wilde Tiere von unerhörter Kraft, umwunden von der Kraft der Geschlechter“ die „in unseren Tiefen ruhen, um bei gewaltigen Erschütterungen mit reißender Urkraft hervorzubrechen“.9

Antworten auf den Krieg

Weil der Krieg so tief in der Seele des Menschen verwurzelt sei, dürfe man ihn nicht leugnen, “sonst wird er uns verschlingen“.10 Jünger achtete Pazifisten solange diese für ihre Einstellung Opfer erbrachten, hielt den Pazifismus aber für eine unrealistische Antwort auf den Krieg:

„Treibt der Geist eines ganzen Volkes solcher Richtung zu, so ist das ein Sturmzeichen nahen Untergangs. Eine Kultur mag noch so ragend sein – erlischt der männliche Nerv, ist sie Koloß auf tönernen Füßen.“11

Weil der Krieg unvermeidlich sei, müsse man sich auf ihn vorbereiten, indem man überlegene Fähigkeiten zur Kriegführung aufbaue:

“Es können Zeiten kommen, wo flüchtige Hufe von Barbarenrossen über die Trümmerhalden unserer Städte klappern. Nur der Starke hält seine Welt in der Faust, dem Schwachen muß sie in Chaos zerrinnen.

Betrachten wir eine Kultur […] als ständig wachsende Kugel, so ist der Wille, der unbedingte und rücksichtslose Wille zu wahren und zu mehren, das heißt: der Wille zum Kampf, magnetisches Zentrum, durch das ihre Struktur gefestigt und immer neue Teile herangerissen werden. Verliert dieses Zentrum seine Kraft, muß sie in Atome zerrieseln.12

Später erkannte Jünger, dass das Streben nach einer nur militärischen Antwort auf das Problem des Krieges ebenfalls ein Impuls der dämonischen Kräfte sein kann, die in der Seele des Menschen wirken. Bereits in seinem unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschienenen Roman Auf den Marmorklippen hatte der gereifte Jünger diese dämonische Kraft des Militarismus als gleichermaßen erhaben und bösartig beschrieben und sich dabei selbstkritisch mit einigen seiner früheren Vorstellungen auseinandergesetzt:

  • Das Versprechen von „Macht und Übermacht“ übe auf Männer eine verführende Wirkung aus. Die davon inspirierten Institutionen seien jedoch “von Grund auf böse”.13
  • Wenn eine Gesellschaft geistig-kulturell zerstört sei, dann sei die Zeit „für die Fürchterlichen reif“. Dann würden sich die „fremden Götter“ erheben und „die Schreckensbilder, die mit Klauen, Hörnern und Zähnen Furcht erregen und Opfer fordern, wie sie der Menschen nicht würdig sind“.14
  • Um dem entgegenzuwirken, brauche es „neue Theologen, denen das Übel von den Erscheinungen bis in die feinsten Wurzeln deutlich war; dann erst der Hieb des konsekrierten Schwertes, der wie ein Blitz die Finsternis durchdringt“.
  • Um dem genannten Übel zu begegnen, müsse man „auch klarer und stärker in der Bindung leben als je zuvor — als Sammler an einem neuen Schatz von Legitimität“.15

In einer Denkschrift, die er im Zweiten Weltkrieg als Mitarbeiter des Widerstandskämpfers General Carl-Heinrich von Stülpnagel verfasste, skizzierte Jünger eine mögliche Ordnung für ein Europa nach dem Sturz der nationalsozialistischen Herrschaft. Die wichtigste Antwort auf die Realität des Krieges sei die Schaffung einer Kultur und einer Ordnung, die Krieg weniger wahrscheinlich mache. Nur das Christentum verfüge über die geistigen Ressourcen dazu, “den Feuerwelten und in den Malstromwirbeln des Nihilismus” zu begegnen:

“Auch mußte der Mensch erfahren, daß ihm inmitten der Katastrophe keines der ausgeklügelten Systeme und keine seiner Lehren und Schriften Rat gewährte, es sei denn zum Schlimmeren. Sie führten alle auf Tötung zu und auf Verehrung der Gewalt. Dagegen trat in den Wirbeln des Unterganges deutlicher als jemals die Wirklichkeit der großen Bilder der Heiligen Schrift und ihrer Gebote, Verheißungen und Offenbarungen hervor. In den Symbolen des göttlichen Ursprungs, […] in den Psalmen, Propheten und in der den niederen Gesetzen der Schreckenswelt höchst überlegenen Wahrheit des Neuen Testaments ist uns das Muster, das ewige Gradnetz vorgezeichnet, das menschlicher Historie und menschlicher Geographie zugrunde liegt. Daher läßt sich auf diesem Buche auch jeder Bund beschwören, so wie es die Männer von Pitcain taten, die Überlebenden von Schiffbrüchigen auf einer Insel des Stillen Ozeans. Sie hatten dort wie Wölfe einander nachgestellt, bis endlich die höhere Natur in ihnen zum Frieden Kraft gewann.”16

In seinem 1951 erschienenen Werk Der Waldgang wandte sich Jünger noch stärker dem Gedanken des geistigen Kampfes zu. Angesichts der Bedrohung durch nihilistische und materialistische Ideologien, welche die großen Kriege des 20. Jahrhunderts zu verantworten hatten und aus Jüngers Sicht auch künftig Krieg und totalitäre Unterdrückung hervorbringen würden, müsse man sich mit der „Möglichkeit eines neuen Ordens“ auseinandersetzen, der diesen Ideologien primär (aber nicht ausschließlich) auf geistiger Ebene kämpferisch entgegentreten solle.17

Quellen

  1. Ernst Jünger: „Der Kampf als inneres Erlebnis“, in: Helmuth Kniesel (Hrsg.): Ernst Jünger. Krieg als inneres Erlebnis. Schriften zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 2016, S. 35–131, hier: S. 64-65.
  2. Ebd., S. 66.
  3. Ebd., S. 67.
  4. Ebd., S. 95-96.
  5. Ebd., S. 87.
  6. Ebd., S. 45-46.
  7. Ebd. S. 78.
  8. Ebd. S. 41.
  9. Ebd., S. 42.
  10. Ebd., S. 64-65.
  11. Ebd., S. 65.
  12. Ebd., S. 65-66.
  13. Ernst Jünger: Auf dem Marmorklippen, Hamburg 1939/1940, S. 31.
  14. Ebd., S. 136.
  15. Ebd., S. 109.
  16. Ernst Jünger: “Der Friede”, in: ders: Sämtliche Werke, Band 7, Stuttgart 1980, S. 195-236, hier: S. 232-233.
  17. Ernst Jünger: Der Waldgang, Frankfurt am Main 1951, S. 67.