Reformen als Wiederherstellung von Ordnung durch Disziplin

Magnum Chaos - Intarsienarbeit von Giovan Francesco Capoferri nach einem Entwurf von Lorenzo Lotto , ca. 1524

Der Schriftsteller Martin Mosebach setzt sich in einem aktuellen Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“ am Beispiel der katholischen Kirche mit den Erfordernissen der Reform dekadenter Institutionen auseinander. Echte Reformen beinhalteten stets eine Rückkehr zur Ordnung durch Anhebung von Standards und eine Stärkung der Disziplin.

Die Ursache der Krise der Kirche sei eine „Revolution“, die „in der ganzen Kirchengeschichte ihresgleichen sucht“. Das Zweite Vatikanische Konzil habe einen Prozess des Disziplinverlustes ausgelöst, der „längst unbeherrschbar geworden“ sei. Ein Indikator dafür seien die Missbrauchsfälle in der Kirche, die sich in den Jahrzehnten nach dem Konzil gehäuft hätten.

Die „Aushebelung jeder Autorität und die sexuelle Revolution“ seien auf eine Priesterschaft gestoßen, der „alle Elemente zur Wahrung ihrer Disziplin“ bzw. das genommen worden sei, was ihr „disziplinierenden Halt“ gegeben habe. Verbindlichkeiten seien als überholt abgetan und zahlreiche Pflichten, die der Disziplinierung gedient hätten, aufgehoben worden. Theologen seien verstärkt dazu übergegangen, „die kirchliche Lehre beständig neu der jeweils herrschenden Stimmung zu unterwerfen“ und hätten die Vorstellung der Sakralität des Priestertums „geächtet“. Aus einem falschen Verständnis von Barmherzigkeit habe man sich außerdem dem „ganz allgemeinen Unbehagen bei dem Wort Strafe“ angeschlossen. Damit sei die „traditionelle Disziplin“ weggefallen, die ungeordneten Leidenschaften entgegenwirke. Diese hätten sich nun frei entfalten können.

Angesichts der gegenwärtigen Lage der Kirche sei nun eine Rückkehr zur Disziplin notwendig und nicht deren weitere Auflösung. In der Geschichte der Kirche habe jede echte Reform „eine Wiederherstellung der Disziplin, ein Anziehen der Zügel, eine Beendigung der Verschluderung und eine Rückkehr zur überlieferten Ordnung“ beinhaltet. Eine „doktrinär aufgeweichte, liturgisch formlos gewordene Kirche“ werde keine Zukunft haben.1

Hintergrund und Bewertung

Mosebach hatte bereits vor einiger Zeit geschrieben, dass korrupte Tendenzen in der Kirche stets nur durch Reformen erfolgreich bekämpft worden seien, die eine „Rückkehr zu einer strengeren Ordnung“ sowie „Rückkehr zu religiöser Radikalität“ und „Wiederherstellung verlorengegangener geistlicher Disziplin“ zum Inhalt gehabt hätten.2

Ähnlich wie Mosebach argumentierte kürzlich auch der katholische Militärethiker James H. Toner, der Parallelen zwischen der Krise der Kirche und der Krise des amerikanischen Heeres während des Vietnamkriegs zog. Die Ursache dieser Krise seien die kriegsbedingte Absenkung der Standards bei der Auswahl von Offizieren und die Duldung von Disziplinverstößen gewesen. Dies habe eine Abwärtsentwicklung in Gang gesetzt, die innerhalb weniger Jahre zum weitgehenden Zusammenbruch von Ethos, Disziplin und Moral geführt habe. Durch die Anhebung von Standards sei es jedoch innerhalb ebenso kurzer Zeit gelungen, ein erneuertes Offizierkorps zu schaffen, das durch sein Wirken und sein Vorbild schließlich auch das Heer als Ganzes erneuert habe. Auch das auf dem besonderen Dienst des Soldaten beruhende militärische Standesethos sei erfolgreich wieder hergestellt worden, was verstärkt Rekruten angezogen habe, die sich mit diesem Ethos identifizierten. Die katholische Kirche könne von dieser Heeresreform lernen. So wie das amerikanische Heer durch integre Offiziere erneuert worden sei, könne die Kirche durch unter verschärfter Aufsicht ausgewählte und ausgebildete heilige und glaubenstreue Priester erneuert werden, die sich nicht an den Weltanschauungen und kulturellen Tendenzen der Postmoderne orientierten, sondern an der Lehre der Kirche.

Ähnlich äußerte sich auch Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Echte Reformen ziele immer auf die Festigung des Glaubens, nie auf dessen Aufweichung.3 Eine Erneuerung der Kirche werde nur von Heiligen ausgehen, aber „bestimmt nicht von Foren und Synoden“.4

Robert Spaemann schrieb, dass die Zukunft Europas davon abhänge, ob die Kirche “ganz sie selbst ist, ob sie in Lehre, Kult und Ethos ihre Identität bewahrt oder zurückgewinnt”. Den “religiösen Liberalismus” könne sie dabei “nach wie vor nur als Gegner sehen”. Nur unter dieser Voraussetzung könne das Christentum wieder “Ferment der europäischen Kultur bleiben oder wieder werden”.5

Romano Guardini schrieb, dass der christliche Glaube „eine neue Entschiedenheit gewinnen“ und „aus den Säkularisationen, den Ähnlichkeiten, Halbheiten und Vermengungen heraus“ finden müsse, um „in der Gefahr zu bestehen“. Eine „ganz unliberale Haltung also, mit Unbedingtheit auf das Unbedingte gerichtet“ werde das Christentum prägen, das in den bevorstehenden Verwerfungen Bestand haben könne.6

Dietrich von Hildebrand zufolge sei Erneuerung in der Kirche immer „das Abschütteln säkularer Einflüsse“ gewesen, die in Kirche eingedrungen seien. Dies setze „Kampf gegen säkularisierende Einflüsse und gegen eine allgemeine Lauheit“ voraus. Dieser Kampf müsse mit Härte gegen den Irrtum, aber Liebe gegenüber den Irrenden geführt werden.7

Quellen

  1. Martin Mosebach: „Über das Reformdesaster der Kirche“, Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2022, S. 32.
  2. Martin Mosebach: Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom, Augsburg 2012, S. 39 f.
  3. Zit. nach Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben, München 2020, S. 834.
  4. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 288.
  5. Robert Spaemann: „Die europäische Kultur und der banale Nihilismus oder: Die Einheit von Mythos, Kult und Ethos“, Umkehr, Nr. 1 (1993), S. 3-9.
  6. Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1950, S. 112-116.
  7. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 31 f.