Die Rückkehr der Geopolitik

Adolphe Yvon - Julius Caesar erobert Gallien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die russische Invasion der Ukraine hat viele der in Deutschland vorherrschenden politischen Illusionen zerschlagen. Über einen realistischeren Blick auf die Lage verfügte der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski (1928-2017), der das aktuelle Geschehen in seinem 1997 erschienenen Werk Die einzige Weltmacht vorausgesagt hatte. Das Werk stellt zugleich eine Einführung in die Themen Geopolitik und Geostrategie dar. Die Ukraine betrachtete der Autor hier wegen ihrer herausgehobenen geostrategischen Bedeutung als künftigen Schauplatz eines möglichen Konflikts zwischen den Großmächten um die Kontrolle des eurasischen Kontinents.1

Das Wesen von Geopolitik und Geostrategie

Weltpolitik sei der Kampf von Großmächten um globale Vorherrschaft.2 Der zugrundeliegende Wille zur Macht sei allen geostrategischen Akteuren gemeinsam.3 In diesem Kampf gebe die “geographische Lage eines Staates dessen unmittelbare Prioritäten vor”. Je größer “seine militärische, wirtschaftliche und politische Macht” sei “desto weiter reichen auch (über die direkten Nachbarn hinaus) seine vitalen geopolitischen Interessen, sein Einfluss und sein Engagement”.4

Geopolitisches Denken bewege sich in globalen Dimensionen, wobei keine Großmacht eine globale Vormachtstellung erreichen könne, ohne den eurasischen Kontinent zu dominieren. Eine solche Vormachtstellung hätten die USA als erster Staat in der Geschichte der Menschheit erlangt. Nur in Eurasien könne den USA “irgendwann ein potentieller Nebenbuhler um die Weltmacht erwachsen”.5 Der “Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas” hänge daher “unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich in Eurasien behaupten kann”.6 Geostrategie bzw. der strategische Umgang mit geopolitischen Interessen ähnele dem Schachspiel. Eurasien sei “mithin das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird”.7

Geostrategische Akteure bzw. Staaten, “die die Kapazität und den nationalen Willen besitzen, über ihre Grenzen hinaus Macht oder Einfluss auszuüben, würden vor allem um die Kontrolle geostrategischer Angelpunkte auf dem eurasischen Kontinent kämpfen. Dabei handele es sich um Räume, die den “Zugang zu geopolitisch wichtigen Gebieten festlegen oder einem geostrategisch bedeutsamen Akteur bestimmte Ressourcen verweigern können”.8

Die geostrategische Bedeutung der Ukraine aus Sicht der USA und Russlands

Die Ukraine sei neben Aserbaidschan, Südkorea, der Türkei und dem Iran einer der erwähnten geopolitischen Angelpunkte.9 Sie sei im Vergleich zu den anderen von herausgehobener Bedeutung, weil ihre Kontrolle die Voraussetzung für die Kontrolle der ost- und mitteleuropäischen Mitte Eurasiens sei. Der geopolitische Theoretiker Harold Mackinder sprach diesbezüglich vom “Herzland”, dessen Kontrolle die Herrschaft über den gesamten Kontinent ermögliche:

“Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland:
Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.”10

Für die USA gehe es in Mittel- und Osteuropa primär darum, “keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte”11:

“Wenn Moskau […] die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden.”12

Aus russischer Sicht hingegen habe sich die Lage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wie folgt dargestellt:

“Am beunruhigendsten war der Verlust der Ukraine. Das Auftreten eines unabhängigen ukrainischen Staates zwang nicht nur alle Russen, das Wesen ihrer eigenen politischen und ethnischen Identität neu zu überdenken, sondern stellte auch für den russischen Staat ein schwerwiegendes geopolitisches Hindernis dar. Da mehr als dreihundert Jahre russischer Reichsgeschichte plötzlich gegenstandslos wurden, bedeutete das den Verlust einer potentiell reichen industriellen und agrarischen Wirtschaft sowie von 52 Millionen Menschen, die den Russen ethnisch und religiös nahe genug standen, um Rußland zu einem wirklich großen und selbstsicheren imperialen Staat zu machen. Die Unabhängigkeit der Ukraine beraubte Rußland zudem seiner beherrschenden Position am Schwarzen Meer, wo Odessa das unersetzliche Tor für den Handel mit dem Mittelmeerraum und der Welt jenseits davon war.

Unter geopolitischem Aspekt stellte der Abfall der Ukraine einen zentralen Verlust dar, denn er beschnitt Rußlands geostrategische Optionen drastisch. Selbst ohne die baltischen Staaten und Polen könnte ein Rußland, das die Kontrolle über die Ukraine behielte, noch immer die Führung eines selbstbewußten eurasischen Reiches anstreben, in welchem Moskau die nichtslawischen Völker im Süden und Südosten der ehemaligen Sowjetunion dominieren könnte. Aber ohne die Ukraine mit ihren 52 Millionen slawischen Brüdern und Schwestern droht jeder Versuch Moskaus, das eurasische Reich wiederaufzubauen, Rußland in langwierige Konflikte mit den national und religiös motivierten Nichtslawen zu verwickeln […].

Angesichts der fallenden Geburtenrate in Rußland und des enormen Geburtenzuwachses bei den Völkern Zentralasiens würde der Anteil an Europäern in einem neuen, ausschließlich auf russischer Macht gegründeten eurasischen Einheitsstaat ohne die Ukraine unweigerlich von Jahr zu Jahr schwinden und der asiatische Bevölkerungsteil zusehends überwiegen.[…].”13

Der Verlust der Kontrolle über die Ukraine und andere Teile der ehemaligen Sowjetunion habe für Russland einen Verlust an Sicherheit, Zugang zu Ressourcen und an Prestige bedeutet. Außerdem habe das Ereignis dazu geführt, dass rund 20 Millionen russisch-sprachige Menschen nun Bürger anderer, dieser Minderheit nicht immer freundlich gesonnener Staaten waren.14

Warum ein Krieg in der Ukraine wahrscheinlich war

In der Ukraine kollidierten amerikanische und russische Interessen auf eine Weise, die Konfliktpotenzial erzeuge, solange nicht einer der Akteure seinen Weltmachtanspruch aufgebe. Die USA würden jedoch in jedem Fall “keinerlei Neigung” verspüren, ihre “Weltmacht mit Rußland zu teilen”.15 Der verbliebene russische Weltmachtanspruch hingegen beruhe auf auf einer Überschätzung der realen Macht des Landes. In der Auseinandersetzung um die Kontrolle Mitteleuropas seien die USA Russland überlegen: Die USA hätten etwa den Vorteil, dass man dort ihr Gesellschaftsmodell verbreitet als “Garanten für die Zukunft” betrachte, während Russland “kulturell verachtet” verachtet werde. Unter russischer Vorherrschaft hätten sich die Völker Mitteleuropas “von ihrer philosophischen und kulturellen Heimat, von Westeuropa und seiner christlich-abendländischen Tradition” isoliert empfunden, weshalb sie zum Westen hin tendierten.16

Russland bliebe daher nur die Option, sich als Partner Europas in eine von den USA dominierte globale Ordnung zu integrieren, wenn es Konflikte vermeiden wolle, in denen es absehbar unterlegen sein werde. Dazu gehöre es, dass Russland “die Unabhängigkeit der Ukraine, deren Grenzen und eigenständige nationale Identität ohne Wenn und Aber anerkennt und respektiert”.17 Russland werde auch akzeptieren müssen, dass ein “expandierendes und demokratisches Europa” sowie die NATO in seinen früheren Einflussbreich hineinwachsen und dabei auch die Ukraine eingliedern würden.18

Russland bleibe im Vergleich zu anderen Staaten Eurasiens neben China zugleich “ein geostrategischer Hauptakteur” und verfolge “ehrgeizige geopolitische Ziele”. Wenn es “erst einmal seine alte Stärke wiedergewonnen hat”, werde es “auch auf seine westlichen und östlichen Nachbarn erheblichen Druck ausüben” und potenziell wieder nach einer Rolle als “eurasisches Imperium” streben.19 Im russischen Staat gebe es (Stand 1997) starke Kräfte, die einen “Anspruch auf Weltmachtstatus” verfolgten und eine “Unterordnung der nun unabhängigen ehemaligen Sowjetrepubliken gegenüber Moskau” anstrebten.20

Bewertung und Hintergrund

Als die Ukraine 2014 aus der russischen Einflusssphäre herausgelöst wurde, war ein Konflikt aufgrund der oben geschilderten Interessenlagen kaum noch vermeidbar. Dass dieser Konflikt im Februar 2022 mit der Invasion Russlands weiter eskalierte, war das Ergebnis einer Reihe von unklugen Entscheidungen sowohl auf westlicher als auch auf russischer Seite. Der daraus resultierende Krieg ist für West- und Mitteleuropa mit Risiken verbunden, denen eine bloße Erhöhung der Rüstungsetats alleine nicht wirksam begegnen kann:

Darüber hinaus mangelt es sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene an strategischen Ansätzen, um den erwähnten Herausforderungen zu begegnen. Der Politikwissenschaftler Heinz Theisen hatte einen solchen Ansatz kürzlich vorgestellt. Solche Ansätze werden auch deshalb erforderlich sein, weil die USA aufgrund ihrer inneren Verwerfungen künftig wahrscheinlich immer weniger dazu in der Lage sein werden, die Verteidigung Europas zu unterstützen. (sw)

Quellen

  1. Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 2001, S. 15.
  2. Ebd., S. 17.
  3. Ebd., S. 67.
  4. Ebd., S. 63.
  5. Ebd., S. 64.
  6. Ebd., S. 53.
  7. Ebd., S. 57.
  8. Ebd., S. 66-67.
  9. Ebd., S. 68.
  10. Zit. nach Ebd., S. 63.
  11. Ebd., S. 16.
  12. Ebd., S. 75.
  13. Ebd., S. 136-138.
  14. Ebd., S. 133.
  15. Ebd., S. 148.
  16. Ebd., S. 24.
  17. Ebd., S. 175.
  18. Ebd., S. 175-178.
  19. Ebd., S. 71-72.
  20. Ebd., S. 81-82.