Das maskuline Wesen des Christentums und der europäischen Zivilisation

Jesus Christus - Aus den Heures de Louis de Laval, 15. Jhd.

Die Feministin und Kulturhistorikerin Camille Paglia beschrieb die westlich-europäische Zivilisation in ihrem 1992 erschienenen Werk Die Masken der Sexualität als eine Schöpfung des Mannes. So wie das Christentum sei diese Zivilisation ihrem Wesen nach maskulin und müsse dies zum Wohl des Menschen auch bleiben. Dazu müsse man die fundamentalen Unterschiede zwischen Mann und Frau erkennen und bejahen.

Paglia stützt ihre Ausführungen vor allem auf ihre Auseinandersetzung mit der europäischen Ur- und Frühgeschichte und der Antike. Männlichkeit und Weiblichkeit versteht sie dabei nicht nur als biologische Eigenschaften des Menschen, sondern auch als Symbole für metaphysische Sachverhalte. Kultur ist für Paglia etwa auf symbolischer Ebene männlich, während die Natur aus ihrer Sicht weiblich ist.

Jegliche Kultur sei ihrem Wesen nach männlich, weshalb es nur patriarchale Kulturen geben könne. Der Mensch brauche die Illusion einer guten Natur, um nicht zu verzweifeln. Tatsächlich aber begegne die Natur dem Menschen mit erbarmungsloser, vernichtender Härte, der er ohnmächtig ausgeliefert gewesen sei, bevor er Kultur hervorgebracht und sich zu Gesellschaften zusammengeschlossen habe.1 Auch der Mensch sei von Natur aus nicht gut, sondern brauche Kultur und Konditionierung, damit seine „angeborene Grausamkeit“ eingedämmt und er gemeinschaftsfähig werden könne.2 Die Sexualität des Menschen sei der Berührungspunkt zwischen seinem Wesen und der Natur. Sie stelle eine „dunkle Macht“ und eine „vernichtende Kraft“ dar; „verflucht und verzaubert zugleich“. Wo die Sexualität des Menschen „befreit“ werde, trete seine dunkle Seite hervor, weshalb Sexualität aus gutem Grund „stets und in allen Kulturen von Tabus umgeben“ gewesen sei. Die moderne Vorstellung der „Möglichkeit einer schuldlosen, makellosen Sexualität“ sei nur eine Illusion.3

Kultur entstehe durch den Kampf des Mannes gegen die weiblich symbolisierte Natur: „Die Männer schufen ihre Bünde und erfanden die Kultur als Mittel der Verteidigung gegen die weibliche Natur.“4 Alles Große in den Kulturen des Menschen sei diesem Kampf entsprungen.5 „Männerbund und Patriarchat“ seien die „Rückzugsbastionen, in welche die Männer hineingezwungen wurden von der gefürchteten Macht der Frau, ihrer Unergründlichkeit, ihres archetypischen Paktes mit der chthonischen Natur“.6 Der Mann werde erst durch die Loslösung von der Frau zum Mann und müsse  „Tag für Tag gegen seine Effeminierung ankämpfen“, um seine Identität zu wahren. Gelinge ihm dies nicht, sinke er herab in einen Zustand infantiler Abhängigkeit von der Frau.7

Paglia unterscheidet allgemein zwischen „apollinischen“ und „dionysischen“ Impulsen im Menschen. Der apollinische, männliche, westlich-europäische Geist strebe nach Transzendenz und Naturüberwindung und betone die Bedeutung des Willens und des Verstandes, während der dionysische Geist die Natur verehre und „das blinde Mahlen der unterirdischen Gewalten“, endlose Kreisläufe und ewige Wiederkehr betone.8 Das Apollinische sei „eine vom Mann gezogene Linie, um sich gegen die alles Menschenmaß sprengende Gewaltigkeit der weiblichen Natur abzugrenzen“.9 Der Knabe, der seine Mutter verlasse um zum Mann zu werden, entscheide sich für das Apollinische und lege das Dionysische ab.10 Der apollinische Geist stelle eine Kampfansage an die Urreligionen des Menschen bzw. an Erd- und Mutterkulte dar, die in der Frühphase des Menschen vorherrschend gewesen seien. Das Buch Genesis stelle eine „männliche Unabhängigkeitserklärung von den alten Mutterkulten“ und das Gründungsdokument der patriarchalen westlich-europäischen Kultur dar.11 Alle höheren Religionen des Menschen seien männliche Himmelskulte, die weibliche Erd- und Mutterkultr verdrängt hätten.12

Die minoische Kultur, die das Weibliche kultisch verehrt habe, sei in den Verwerfungen der Bronzezeit untergegangen, während die mykenische Kriegerkultur überlebt, sich als „Herr der Lage erwiesen und Europa den Stempel ihrer Geistesverfassung aufgedrückt“ habe. Der „männliche Wille zur Macht“ habe das „apollinische Athen“ geschaffen von wo aus „der griechisch-römische Entwicklungsstrang der westlichen Geschichte seinen Ausgang nahm“:13

„Der Held der mittelalterliche ecclesia militans, der Ritter in schimmernder Rüstung, ist das apollinische Ding schlechthin. […] Es führt ein direkter Weg von der Skulptur der Griechen und Römer über die mittelalterliche Ritterrüstung zur Wiedergeburt der Klassik in der Renaissance. Waffen und Harnisch sind keine handwerklichen Produkte, sondern Erzeugnisse der Kunst: symbolträchtige Verkörperungen des westlichen Individuums. Die Rüstung ist das im mittelalterlichen Christentum fortlebende heidnische Erbe.“14

Das gesamte Kulturerbe der Menschheit sei durch „instinktive sexuelle Verhaltensunterschiede“ zwischen Mann und Frau geprägt worden. Die Identifizierung der Frau mit der Natur sei in der Vorgeschichte noch universell gewesen. Paglia spricht von einer „gottlosen Unermesslichkeit der weiblichen Natur“.15 Die Zyklen der Frau seien eng an die Zyklen der Natur gebunden. Das Leben der Frau sei eine Abfolge von Kreisläufen; und zur Frau werde man nicht wie der Mann durch die Lösung von der Mutter und die Initiation in eine kulturelle oder religiöse Tradition, sondern durch biologische Prozesse. Die Frau sei durch ihre Verbindung mit den Urkräften der Natur und die Tatsache, dass sie im Zusammenhang mit einem unergründlichen Geheimnis Leben hervorbringen könne, zwar mächtiger, aber zugleich deutlich weniger frei als der Mann. Sie sei eine „chtonische Maschine, gleichgültig gegen den Geist, der ihn bewohnt“, die darauf ausgelegt sei, Nachkommen hervorzubringen. Der Beitrag des Mannes in diesem natürlichen Prozess sei nur flüchtig.16 Als die „Herrin der Geburt“ sei die Frau „übermächtig“.17 Der Körper der Frau sei „ein geheimer, sakraler Raum“ und „Prototyp aller sakralen Räume“, in dem die Natur ihr geheimnisvolles Werk verrichte, und über den die Frau wie eine Priesterin wachen müsse.18 Promiske Frauen, die dies nicht täten, zerstörten dadurch die „rituelle Integrität ihres Körpers“.19

Die Frau sei zwar wegen ihrer natürlichen Rolle mächtiger als der Mann, benötige aber zugleich dessen Schutz. Die Frau fordere das Böse wie alles Heilige „zu Profanisierung und Verletzung heraus“. Patriarchale Gesellschaften westlich-europäischer Art wirkten dem entgegen, indem sie den Mann sozialisierten und Institutionen schufen, die dem Schutz der Frau dienten.20 Es sei „eben diese patriarchale Gesellschaft“, welche die Frau „freigemacht hat“, indem sie ihnen wie keine andere Wohlstand und Sicherheit gewährte: „Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen geblieben, wir lebten noch immer in Schilfhütten.“21 Die Masse der Feministinnen wolle dies nicht erkennen, hänge Illusionen an was die Veränderbarkeit von Geschlechterrollen angehe und habe sich „verrannt in die Leugnung der Kontingenz des Lebens, der Abhängigkeit des Menschen von der schicksalhaften Macht der Natur“.22

Hintergrund und Bewertung

Paglia gehört zu der kleinen Minderheit der Feministinnen, deren Denken nicht neomarxistisch oder postmodern überformt ist. Sie wurde geistig durch die Gegenkultur der 1960er Jahre geprägt und wies darauf hin, dass diese aus auch fruchtbare Impulse beinhaltet habe, die später weitgehend in Vergessenheit geraten seien.

Paglia, die sich in ihrer Jugend vom Katholizismus abwandte und heute den heidnischen Religionen des antiken Griechenlands und Roms nahesteht, gelangte durch ihr Studium der Kulturen der europäischen Antike und der europäischen Mythologie zu Einsichten in traditionelles Denken, die sie zu einer der unkonventionellsten Verteidigerinnen traditioneller Weltanschauung in der Gegenwart machen. Dazu gehört auch, dass sie trotz ihrer Wahrnehmung, transsexuell zu sein und ihrer Entscheidung, mit einer Frau zusammenzuleben, Forderungen nach einer kulturellen Aufwertung von Homosexualität sehr kritisch sieht. Im oben zitierten Werk äußert sie sich zudem positiv über die christliche Einsicht in die potenziell destruktiven Folgen ungeordneter sexueller Leidenschaften und bewertet das christliche Streben nach Ordnung dieser Leidenschaften als eine der notwendigen Voraussetzungen höherer Kultur.23

Quellen

  1. Camille Paglia: Die Masken der Sexualität, Berlin 1992, S. 11–12.
  2. Ebd., S. 13.
  3. Ebd., S. 14–16.
  4. Ebd., S. 21.
  5. Ebd., S. 44.
  6. Ebd., S. 25.
  7. Ebd., S. 44.
  8. Ebd., S. 16 ff.
  9. Ebd., S. 44.
  10. Ebd., S. 47.
  11. Ebd. S. 60.
  12. Ebd., S. 20–21.
  13. Ebd., S. 20.
  14. Ebd., S. 48.
  15. Ebd., S. 43.
  16. Ebd., S. 20–25.
  17. Ebd., S. 40.
  18. Ebd., S. 38.
  19. Ebd., S. 43.
  20. Ebd., S. 39.
  21. Ebd., S. 57.
  22. Ebd., S. 13.
  23. Ebd., S. 33.