Das Ende des Westens?

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio zweifelte in seinem 2015 erschienenen Werk Schwankender Westen an der kulturellen Nachhaltigkeit westlicher Gesellschaften. Die kulturellen Lebensgrundlagen dieser Gesellschaften erodierten zunehmend, und die „Menetekel des Abstiegs“ ließen sich nicht länger ignorieren. Im ungünstigsten Fall könnten als langfristige Folge „heute noch unvorstellbar scheinende Ordnungsverluste“ eintreten und Gesellschaften in „Bürgerkriegen“ zerfallen.

Di Fabio verwendet den Begriff des „Westens“, um den europäischen Kulturraum und die von ihn geschaffene Sphäre der Zivilisation zu beschreiben. Der Westen stelle potenziell eine „universelle Perspektive der Zivilisation“ dar, leide jedoch an kulturellen Schwächen, die seinen dauerhaften Bestand zunehmend bedrohten.1 Diese Schwächen hätten ihn in den Zustand einer “multiplen Dauerkrise” geführt, weshalb man die Idee des Westens auf ihre Schwächen prüfen müsse.2 Es mangele westlichen Gesellschaften vor allem am Bewusstsein für die kulturellen Grundlagen ihrer Stärken und Leistungen, weshalb er Zweifel an der „soziokulturellen Nachhaltigkeit“ des Westens habe.3

  • Die Institutionen einer Gesellschaft müssten „gepflegt und intakt gehalten werden, sonst droht die Dauerkrise“. Der Westen befinde sich mittlerweile in einer solchen Krise, und „Menetekel des Abstiegs“ ließen sich „nicht länger ignorieren“. Die „soziokulturelle Nachhaltigkeit“ sei „bedroht, wenn die Lebensgrundlagen einer Gesellschaft erodieren“.
  • Manchem, der den Hinweis auf krisenhafte Entwicklungen früher als „Kulturpessimismus“ abtat, dämmere mittlerweile die Erkenntnis, dass nicht nur die ökologischen sondern auch „die soziokulturellen Lebensgrundlagen der Gesellschaft“ gepflegt werden müssten. Eine „stabile und erfolgreiche Gesellschaft“ benötige einen „normativen Kern“, der im Westen jedoch verlorengegangen sei.
  • Zu den kulturellen Ressourcen, die gegenwärtig stärker verbraucht als regeneriert würden, gehörten vor allem klassische Bildung, die Familie und die transzendenten Dimensionen des Lebens, das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns und das Ethos des Beamtentums. aber auch Institutionen wie der Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft.4
  • Im Zuge der Erosion kultureller Bestände stünden zudem immer weniger zur Selbstverantwortung fähige Bürger bereit, um als Träger der Republiken des Westens zu wirken.5
  • Besonders gefährlich für das Gemeinwesen sei der Verlust an transzendenter Bindung. Wer “sein Herkunftswissen verliert”, der “überschätzt die Möglichkeiten des Wissens, des Wollens und des Bewirkens”, und sein “Wille wird reiner Wille zur Macht”. Der Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes könne in diesem Sinne als “Warnung vor Selbstüberschätzung und die Mahnung zur Demut” gelesen werden.6

Es “rumort im kulturellen Fundament Europas und Nordamerikas”.7 Der Westen sei nach wie vor stark, aber „inzwischen beinah überall herausgefordert und bedroht, durch seine Gegner und durch seine eigenen Fehler“. Seine verbliebene „ökonomische, wissenschaftlich-kognitive und technisch-militärische Kraft“ könne „sich auf Dauer nur entfalten, wenn sie auf einer starken ideellen und sittlichen Grundlage beruht“. Diese Grundlage wiederum hänge von der kulturellen Identität eines Gemeinwesens und dessen Willen ab, diese zu bewahren und zu verteidigen. Auch an diesem Willen mangele es dem Westen. Die Ursache dieses Mangels sei, dass „Europa und Nordamerika intellektuell fehlprogrammiert“ seien:8

  • Progressive Akteure würden die Ansprache dieser Herausforderungen zum Tabu erklären und jene, die sie dennoch ansprächen, „zum Feind machen“ und „zum Reaktionär“ erklären.9 Die damit verbundene Tendenz zum Verdecken der Härten der Wirklichkeit sowie den Erfordernissen ihrer Bewältigung führe dazu, dass die Gesellschaft zunehmen den Bezug zur Wirklichkeit verliere..10
  • Sinnstiftende Erzählungen würden zunehmend delegitimiert. „Große Ideen, Weltbilder und Erzählungen“ seien jedoch die „Prägekräfte gesellschaftlicher Wirklichkeit“. Die marxistische Annahme, dass Ideen nur ein Produkt materieller Umstände seien, sei fundamental falsch.11
  • Auch der Nationalstaat werde delegitimiert, obwohl nur er über „die solidarische Kraft“ verfüge, „Existenzsicherung verlässlich zu organisieren“ und die Grundrechte des Menschen durchzusetzen.12 Wer wirklich weltoffen sein wolle, brauche zudem “eine Heimat und die Leidenschaft, ihre Identität und ihr Wertefundament zu verteidigen”. Mit “Menschen in der Ferne leiden” könne “nur derjenige, der in einer Beziehung der Nähe Emotionalität und Moralität erfahren hat“.13
  • Verschärft würden die erwähnten Herausforderungen dadurch, dass der Islamismus den Westen auf weltanschaulicher Ebene “in seiner Prämisse, seiner tiefsten Grundlegung herausfordert“. Es wäre hier „fatal“, wenn „gerade zum Zeitpunkt der Herausforderung eine Dynamik der Selbstdemontage einsetzte“.14

Wer “den Westen in der Krise sieht, sollte das reflektiert und informiert begründen, vor allem tatsächliche Krisenindikatoren und tagespolitischen Alarmismus kritisch unterscheiden“. Es gebe neben der von ihm kritisierten Neigung zum Ausblenden krisenhafter Entwicklungen auch Stimmen, die „mit plakativen Untergangszenarien“ arbeiten um Aufmerksamkeit zu erlangen.15 Was den Westen angehe, sei die Lage aber tatsächlich ernst. Falls das ungünstigste Szenario eintrete, könne die Welt in Folge des Abstiegs des Westens „heute noch unvorstellbar scheinende Ordnungsverluste erleiden“. In diesem Fall wäre mit dem Zerfall von Gesellschaften und „mit Kriegen und Bürgerkriegen zu rechnen“. Das „zivilisatorische Niveau“ werde dann „bei erheblichen Ordnungs- und Orientierungsverlusten dramatisch sinken“.16

Hintergrund und Bewertung

In früheren Schriften hatte Di Fabio eine noch grundsätzlichere Kritik an den oben beschriebenen kulturellen Auflösungstendenzen geübt. So kritisierte er etwa in seinem 2005 erschienen Werk Die Kultur der Freiheit den Begriff des “Westens”,  weil dieser „für eine relative und artifizielle Seinsdeutung” stünde, “die ernsthafte kulturelle Kontexte eher ausblendet”.17 Auf allen Gebieten des Lebens sei ein „Erlahmen der vitalen Kräfte“ zu beobachten.18 Nur Gesellschaften mit „kräftigen religiösen Wurzeln“ hätten „festen kulturellen Boden unter den Füßen“. Im 21. Jahrhundert würden „diejenigen Nationen und Weltregionen in Führung gehen, die über ein solides kulturelles Fundament verfügen“.19 Es sei jedoch „mehr als zweifelhaft, ob westliche Gesellschaften, die ihre Aversionen gegen die eigenen religiösen Wurzeln und den Eigensinn der großen Religionstraditionen pflegen, ein solches Fundament der Freiheit in naher Zukunft noch besitzen werden“.20 Wenn Europa und der Westen eine Zukunft haben wollten, dann müssten sie dem  “Modernisierungsprogramm des ewigen Traditionsbruchs“ entgegentreten, indem sie sich „selbstbewusst in den Schatzkammern des Wissens vergangener Epochen und ihrer Institutionen“ bedienen.21 Heribert Prantl schrieb in einer Rezension des Werkes, dass Di Fabio auf gefährliche Weise den „Dreiklang Nation, Religion, Familie“ bejahe und dabei nicht davor zurückscheue, den „aufklärerischen Diskurs, der in den sechziger und siebziger Jahren begonnen“ habe, in Frage zu stellen.22

Quellen

  1. Udo Di Fabio: Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss, München 2015, S. 48.
  2. Ebd., S. 17.
  3. Ebd., S. 7.
  4. Ebd., S. 27–30.
  5. Ebd., S. 96.
  6. Ebd., S. 78.
  7. Ebd., S. 23.
  8. Ebd., S. 46–48.
  9. Ebd., S. 22–23.
  10. Ebd., S. 261.
  11. Ebd., S. 55–56.
  12. Ebd., S. 28.
  13. Ebd., S. 251.
  14. Ebd., S. 109.
  15. Ebd., S. 46.
  16. Ebd., S. 49.
  17. Udo di Fabio: Die Kultur der Freiheit, München 2005, S. 3.
  18. Ebd., S. 41.
  19. Ebd., S. v.
  20. Ebd., S. 77.
  21. Ebd., S. 11.
  22. Heribert Prantl: „Furor und Gesetz“, Süddeutsche Zeitung, 16.11.2005, S. 11.