Umbenennung von Straßen als Angriff auf das kulturelle Gedächtnis einer Nation

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Hubertus Knabe war bis 2018 Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. In der heutigen Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ kritisiert er auf der Grundlage identitätspolitischer Ideologie vollzogene Bestrebungen zur Umbenennung von Straßen in Deutschland als einen „Angriff auf das kulturelle Gedächtnis einer Nation“. Ein solches Vorgehen sei bislang vor allem von totalitären Regimen bekannt.

Anlass der Kritik Knabes ist ein Dokument, das die Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung kürzlich im Auftrag des Antisemitismus-Beauftragten Samuel Salzborn hatte erstellen lassen. Der Politikwissenschaftler Felix Sassmannshausen hatte in diesem Dokument die Umbenennung von mehr als hundert Straßen der Stadt gefordert, weil deren Namen angeblich antisemitische Bezüge aufwiesen. Nicht mehr erinnerungswürdig seien demnach unter anderem der Komponist Richard Wagner, der Reformator Martin Luther oder die Theologen Otto Dibelius, Christian Carl Bodelschwingh und Martin Niemöller. Der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Schriftsteller Thomas Mann und der Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg werden in dem Dokument als verdächtig eingestuft.

Laut Knabe kennzeichneten solche Versuche zur ideologisch getriebenen Bereinigung des kulturellen Gedächtnisses „bisher vor allem totalitäre Regime“. George Orwell habe den Ungeist, der hinter diesem Verhalten stehe, in seinem dystopischen Roman „1984“ beschrieben, der eine totalitäre Zukunft beschreibe, in der laut einem der Charaktere des Buches jedes Buch umgeschrieben, „jedes Gemälde neu gemalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt” wurde und es „nur eine endlose Gegenwart“ gebe, „in der die Partei immer recht hat“.

Dieser „Angriff auf das kulturelle Gedächtnis einer Nation“ sei potenziell der erste Schritt in eine Entwicklung, die in der Geschichte zu Verbrechen wie Bücherverbrennungen oder der Zerstörung von Kulturgütern geführt habe. Dahinter stehe neben radikalen Ideologien auch die „anmaßende Vorstellung, besser zu sein als die eigenen Vorfahren“, die  „fast immer ins Verderben“ geführt habe.1

Hintergrund und Bewertung

Mit der ideologisch motivierten Abwertung der eigenen Geschichte haben wir uns hier vertieft auseinandersetzt.

Die von Knabe kritisierte Art von Liste auszusondernder Namen wurden mittlerweile für viele deutsche Städte erstellt. Häufig lässt die Zusammenstellung der Namen zumindest latent christenfeindliche Motive der Autoren erkennen, weil immer wieder Christen zum Ziel von Vorwürfen werden, die sich in besonderem Maße gegen den Nationalsozialismus engagiert haben. Die Berliner Liste führt neben den erwähnten Theologen etwa auch den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen auf, der sich öffentlich gegen das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten wehrte, sowie den später heiliggesprochenen Pater Maximilian Kolbe, der im KZ Auschwitz ermordet wurde.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hatte bereits im September 2020 die Umbenennung der nach Papst Pius XII. benannte Berliner Pacelliallee gefordert. Der Historiker Michael Feldkamp bewertete diese Forderung als Teil eines „Kampfes gegen die eigene Kultur“. Es sei „erschreckend, mit welcher Ignoranz” hier “die Ergebnisse jahrzehntelanger Geschichtsforschung übergangen“ worden seien. Pacelli habe nachweislich mehrere hunderttausend Juden vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet. Die Forderung Kleins greife unwahre Behauptungen auf, die bereits die sowjetische Propaganda verwendet habe, um Pacelli zu diskreditieren. Feldkamp vermutete, dass Klein durch diese Maßnahme vor allem von seinem Versagen im Amt ablenken wolle und dieses missbrauche, um „antikatholische Ressentiments zu schüren und billige Klischees zu bedienen“.2

Knabe weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass ausgerechnet der Kommunist Karl Marx auf der Liste der historischen Persönlichkeiten fehle, denen im erwähnten Dokument Antisemitismus oder Rassismus unterstellt wird. Marx hatte in seinen Schriften u. a. ausgeführt, wie “widerlich” ihm “der israelitische Glaube” erscheine und das Judentum als “ein allgemeines gegenwärtiges antisociales Element” bezeichnet. Den Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle nannte Marx den “jüdischen Nigger Lasalle”, der biologisch von einer “negerhaften Grundsubstanz” geprägt sei. Seinen Schwiegersohn, dessen Mutter eine kubanische Kreolin war, bezeichnete Marx u. a. als “Abkömmling eines Gorillas”. Diese Auslassung bei gleichzeitiger Anprangerung von Personen, von denen keine auch nur annähernd ähnlich extremen Aussagen bekannt sind, unterstreicht die wahrscheinlichen ideologischen Motive von Autor und Auftraggeber des von Knabe kritisierten Dokuments, die diese nicht offen aussprechen, sondern mutmaßlich hinter dem Vorwand der Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus zu verbergen versuchen.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann verband die aus kulturrevolutionären Gründen praktizierte Abwertung der eigenen Vergangenheit vor allem mit dem Wirken der neomarxistischen 68er-Bewegung, die alle Tradition „bestenfalls als muffig, meist jedoch als vergiftet“ dargestellt und sich damit durchgesetzt habe. Die Gegenwart präge “ein Bekenntnis zur Diskontinuität“. Der “kulturrevolutionäre Zug zum unbedingten Neubeginn“ strebe nach einer “Stunde Null für das kulturelle Gedächtnis“. Solche Bestrebungen stünden im Kontext einer bereits seit der frühen Neuzeit vorhandenen Tendenz zur „Diskreditierung von sankrosankten Beständen” und “Abschaffung der Vergangenheit als normativer Ressource“.3

Quellen

  1. Hubertus Knabe: „Angriffe auf das kulturelle Gedächtnis“, Die Welt, 18.01.2022, S. 7.
  2. Michael F. Feldkamp: „Populistischer Schnellschuss“, Die Tagespost, 17.09.2020.
  3. Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer, Köln 1999, S. 67-69.