Homosexuelle Netzwerke und institutionelle Korruption in der katholischen Kirche

Darstellung des Erzengels Michael in einem florentinischen Manuskript, 14. Jhd.

Ein gestern veröffentlichtes Gutachten der Kanzlei Westphal Spilker Wastl über sexuellen Missbrauch in der Diözese München und Freising legt nicht nur mangelnde Härte von kirchlichen Entscheidungsträgern bei der Missbrauchstäterbekämpfung offen, sondern weist mit „Nachdruck“ darauf hin, dass die Untersuchungen „Belege für eine ausgeprägte Homosexualität“ bei den Tätern ergeben hätten. Es entstehe der Eindruck „eng geknüpfter Netzwerke“, die „bis hin zu herausgehobenen Positionen in der Hierarchie des Ordinariats unterhalten wurden“.

Für das Verständnis des Untersuchungsgegenstandes sei es „unverzichtbar“, die „Problematik der reinen (Erwachsenen-)Homosexualität unter Klerikern“ anzusprechen:

  • Es müsse mit „dem gebotenen Nachdruck“ festgehalten, werden, „dass sich in einer namhaften Zahl der uns zur Überprüfung vorgelegten Unterlagen Anhaltspunkte und Belege für eine ausgeprägte Homosexualität“ bei Mitgliedern des Klerus ergeben hätten. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass „dergestalt sexuell orientierte Personen besonders enge Kontakte pflegten, sodass der Eindruck eng geknüpfter Netzwerke entsteht, die bis hin zu herausgehobenen Positionen in der Hierarchie des Ordinariats unterhalten wurden“.
  • Diese Tendenz zur Netzwerkbildung trete auch „anderwärts bei Minderheiten auf, die tatsächlich diskriminiert werden oder sich vermeintlich diskriminiert fühlen, wie den Gutachtern auch in anderem Zusammenhang bekannt wurde“. Diese Tendenz werde durch die Erpressbarkeit von Personen innerhalb des Klerus verstärkt, die von „homosexuellen Tendenzen“ geprägt seien. Das Gutachten spricht in diesem Zusammenhang von Netzwerken, die innerhalb des Klerus „Informationsaustausch betreiben und nachhaltig eigene Ziele um des beruflichen Fortkommens willen verfolgen“.
  • Innerhalb der Kirche werde entgegen der Regeln des Kirchenrechts „in Fällen erkannter manifestierter und auch praktizierter Homosexualität“ diese „hingenommen und somit entgegen eindeutigem Postulat toleriert“.

Die Lehre der katholischen Kirche bzgl. des Umgangs mit homosexuellen Neigungen sei unmissverständlich deutlich formuliert. Es werde klar, „dass die Kirche jene nicht zu den heiligen Weihen zulassen kann, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte ‚homosexuelle Kultur‘ unterstützen“.1

Bewertung und Hintergrund

Die Gutachter machen sich die kirchliche Lehre bzgl. des Umgangs mit homosexuellen Leidenschaften und der Notwendigkeit, diese zu kontrollieren, ausdrücklich nicht zu eigen, sondern legen nahe, dass diese „Vertuschungstendenzen“ begünstigt habe.2 Die Forderung nach sexueller Selbstkontrolle habe bei homosexuellen Tätern nicht dazu geführt, dass entsprechende Handlungen „unterblieben wären, sondern lediglich dazu, dass sie tabuisiert, also mit dem Mantel des Schweigens bedeckt wurden“.3 Diese Interpretation ist jedoch fragwürdig. Missbrauchshandlungen stellen schwere Straftaten dar, an deren Verbergung die Täter unabhängig von moralischen Erwägungen ein Interesse haben. Vorliegende Erkenntnisse und Erfahrungen deuten zudem darauf hin, dass von ungeordneten sexuellen Leidenschaften als solchen ein besonderes korruptives Potenzial innewohnt.

Laut dem Soziologen Wolfgang Lipp zufolge zerstört praktizierte Homosexualität männerbündische Institutionen (zu denen auch die katholische Kirche gehört) von innen, weil sie die für deren Konstitution zentrale Askese untergrabe. Solche Institutionen seien konstituiert als „Bund von Männern, die Gegengeschlechtlichkeit […] selbstopfernd bändigten, zurücknahmen und sich als ‚Brüder‘ erkannten“.4

In der katholischen Kirche, aber auch in anderen Institutionen, haben Männer, die ihre homosexuellen Neigungen nicht unter Kontrolle hatten, wiederholt korrupte Strukturen gebildet, deren Mitglieder andere in Führungspositionen nachzogen, sobald sie höhere Positionen in der Hierarchie erlangt hatten. Die Mitglieder solcher Netzwerke sind häufig einander gegenüber auf besondere Weise loyal, weil sie sich durch Übergriffe schuldig gemacht haben und daher erpressbar sind. Dieser Mechanismus wurde am Beispiel des Netzwerks des ehemaligen Kardinals Theodore McCarrick deutlich sichtbar. Dieser hatte Personalentscheidungen davon abhängig gemacht, ob z. B. Priesteranwärter homosexuelle Kontakte mit ihm eingingen. Einige der in McCarricks Netzwerk aktiven und von ihm geförderten Personen gelangten in höhere Positionen in der Hierarchie der Kirche.5

Papst Franziskus habe in diesem Zusammenhang im Rahmen einer Privataudienz erklärt, dass innerhalb der Kirche ein „Strom der Korruption“ existiere, der von solchen Netzwerken ausgehe. Er sprach von einer „Schwulen-Lobby“, und es sei „wahr, es gibt sie“.6 Er sagte zudem, dass die Aktivitäten von Homosexuellen im Klerus und in Priesterseminaren ihm Sorgen bereiten würden. Es handele sich um eine „sehr ernste Angelegenheit“. Es sei ein „Fehler“ anzunehmen, dass Homosexualität harmlos sei. Im geweihten Leben dürfe sie keinen Platz haben.7

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. erwähnte solche Netzwerke ebenfalls. Eines davon  habe versucht Einfluss auf Entscheidungen des Vatikans zu nehmen.8 Außerdem sagte er unmittelbar vor dem Antritt seines Amtes als Papst:

„Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? […] Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. […] Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen.“9

Später sagte er:

„[D]ie Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.“10

2019 schrieb er, dass sich bereits in den 1960er Jahren in Deutschland in Priesterseminaren „homosexuelle Clubs“ gebildet hätten, „die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten“.11

Der Theologe Bernhard Meuser kritisierte, dass in der Kirche in Deutschland die „Lüge“ gepflegt werde, dass sexueller Missbrauch eine „Systemfolge kirchlicher Machtordnung“ sei und „nichts mit pathologischen Persönlichkeitsstrukturen von Tätern und dem Schutz durch Komplizen zu tun“ habe. Es gebe „starke innerkirchliche Kräfte“, die nicht anerkennen wollten, dass homosexuelle Täter für rund 80 Prozent der Missbrauchsfälle verantwortlich seien. Aus der Missbrauchsproblematik und der Verschleierung ihrer Ursachen entstehe eine existenzielle Bedrohung für die Kirche, die derzeit eine „totale Verfinsterung“ durchlaufe und vor dem vollständigen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit stehe.12

Im privatwirtschaftlichen Bereich sind umfangreiche Erfahrungen mit der Bekämpfung korrupter Strukturen vorhanden:

  • Deren Existenz kann wirksam unterbunden werden, wenn die Führung einer Institution über den nötigen Willen verfügt. Sie muss dann ein entsprechendes Regelwerk schaffen und dieses konsequent durchsetzen, wobei sie von leistungsfähigen internen Ermittlern und einem Hinweisgebersystem unterstützt werden sollte. Vor allem aber muss diese Führung eine interne Kultur schaffen, die gegenüber Regelverstößen bereits im Ansatz intolerant ist und die von Führungskräften glaubwürdig vorgelebt wird. Jene, die dies nicht tun oder gegen die Regeln verstoßen, müssen in funktionierenden Institutionen mit wirksamen Sanktionen rechnen, die eine Wiederholung ausschließen und Nachahmer abschrecken. Solche Sanktionen können dort auch jene treffen, die zwar selbst keine Verstöße begangen haben, aber ihrer Aufsichtspflicht nicht hinreichend nachkamen.
  • Staatliche Regulierung bzw. empfindliche Strafen für Institutionen, die nicht mit der gebotenen Entschlossenheit gegen entsprechendes Verhalten vorgehen, stellen einen positiven Anreiz dafür dar, Arrangements mit korrupten Akteuren zu vermeiden. Wo es diese Strafen nicht gibt, arrangiert man sich ansonsten häufig mit Tätern, weil diese dazu in der Lage sind, durch die Weitergabe von internen Informationen Schaden zu erzeugen. Offenbar existiert dieses Problem auch in der Kirche.
  • Im ungünstigsten Fall können korrupte Strukturen Institutionen vollständig übernehmen, wodurch sie nach menschlichen Maßstäben unreformierbar werden und zu kriminellen Vereinigungen werden. Je stärker solche Strukturen in einer Institution Wurzeln schlagen konnten, desto größer ist daher der Grad der Härte, der zu deren wirksamer Bekämpfung erforderlich ist, zumal solche Strukturen häufig Widerstand leisten und dabei mit erheblicher krimineller Energie vorgehen können.

Die katholische Kirche in Deutschland scheint sich hingegen für einen anderen Weg entschieden zu haben, der laut Meuser vor allem auf der Leugnung des Problems bzw. seiner Ursachen beruht. Nach der Vorstellung maßgeblicher Kräfte in der Kirche besteht das eigentliche Problem scheinbar weniger in den schwerwiegenden Verstößen der Täter gegen die katholische Sexualmoral, sondern in dieser Moral selbst, weshalb diese aufzuweichen sei. Es gibt jedoch kein bekanntes Beispiel dafür, dass eine solche Aufweichung von Standards und Regeln jemals ein wirksames Mittel zur Bekämpfung korrupter Elemente in einer Institution dargestellt hätte. Solche absehbar unwirksamen oder kontraproduktiven Maßnahmen in einer existenziellen Krise vorzuschlagen, ist zumindest ein Zeichen für gravierende Führungsschwäche und allgemeine institutionelle Dysfunktionalität, ggf. aber auch ein Hinweis darauf, dass die erwähnten Netzwerke weiterhin aktiv sind und Einfluss nehmen.

Martin Mosebach wies darauf hin, dass Krisen dieser Art in der Geschichte der Kirche stets nur durch Reformen unter Kontrolle gebracht worden seien, die eine „Rückkehr zu einer strengeren Ordnung“ sowie „Rückkehr zu religiöser Radikalität“ und „Wiederherstellung verlorengegangener geistlicher Disziplin“ zum Inhalt hatten.13

Quellen

  1. Westphal Spilker Wastl Rechtsanwälte (Hrsg.): „Sexueller Missbrauch Minderjähriger, und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019. Verantwortlichkeiten, systemische Ursachen, Konsequenzen und Empfehlungen“, 20.01.2022, S. 423-425.
  2. Ebd., S. 425.
  3. Ebd., S. 45.
  4. Wolfgang Lipp: „Männerbünde, Frauen und Charisma. Geschlechterdrama im Kulturprozeß“, in: Gisela Völger et al. (Hrsg.): Männerbande – Männerbünde: Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich, Band 1, Köln 1990, S. 31–40, hier: S. 40.
  5. Ross Douthat: „The Truth about Cardinal McCarrick“, New York Times, 25.07.2018.
  6. „Papst beklagt Korruption und ‚Schwulen-Lobby‘ im Vatikan“, Rheinische Post, 13.06.2013.
  7. „Papst nennt Homosexualität Modeerscheinung“, faz.net, 01.12.2018, URL: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/papst-nennt-homosexualitaet-modeerscheinung-15919830.html, Zugriff: 21.01.2022.
  8. Benedikt XVI.: Letzte Gespräche, München 2016, S. 259.
  9. Joseph Ratzinger: Kreuzwegmediation, 25.03.2005, URL: https://www.vatican.va/news_services/liturgy/2005/via_crucis/ge/station_09.html, Zugriff: 21.01.2022.
  10. „Interview von Benedikt XVI. mit den Journalisten auf dem Flug nach Portugal“, vatican.va, 11.05.2010, URL: https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2010/may/documents/hf_ben-xvi_spe_20100511_portogallo-interview.html, Zugriff: 21.01.2022.
  11. Papst em. Benedikt XIV.: „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Mißbrauchs“, de.catholicnewsagency.com, 11.04.2019.
  12. Bernhard Meuser: „Deal mit dem Missbrauch“, Welt & Kirche, Nr. 13 (2021), S. 16-19.
  13. Martin Mosebach: Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom, Augsburg 2012, S. 39.