Gendersprache als Ausdruck kultureller Regression

Hubert Robert - Der Louvre als Ruine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Schriftsteller Navid Kermani bezeichnet genderideologische Sprache in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ als „eine geistige wie politische Regression“. Diese Sprache zerstöre wesentliche Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen. Hinter ihrer Durchsetzung stünden Aktivisten, die auf diesem Weg ihre identitätspolitische Agenda zum Schaden der Kultur verfolgten, ohne das Wesen der Sprache verstanden zu haben.

Der feministischen Linguistik sei es gelungen, den „Kampfbegriff“ des generischen Maskulinums zu etablieren, um „die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive und Pronomen“ als diskriminierend anzuprangern und aus der Sprache zu entfernen. Sollte dieses Vorhaben erfolgreich sein, würde ein immenser kultureller Verlust entstehen, da in diesem Fall die Möglichkeit aus der Sprache verschwinde, Unbestimmtheit auszudrücken. Die Leistung der männlichen grammatische Form bestehe gerade darin, dass sie die geschlechtliche Identität überginge, anstatt sie zu betonen. Die sogenannte „geschlechterneutrale Sprache“ sei eben nicht neutral, sondern nehme in jeglichem Kontext eine zwangsweise Zuordnung von Personen zu einem Geschlecht vor, auch dort, wo dies für den Inhalt irrelevant sei:

„Identitätspolitik, die Menschen auf bestimmte geschlechtliche oder ethnische Merkmale festlegt und sie einer vermeintlich homogenen Gruppe zuordnet, war immer schon Terror und ist es auch in ihren heutigen Ausformungen geblieben, ob links oder rechts, ob religiös oder nationalistisch, ob rückwärtsgewandt oder emanzipatorisch gemeint, und häufig genug mündet sie in physische Gewalt.“

Sprache müsse kategorisieren bzw. eine komplexe Realität mittels einer begrenzen Zahl von Begriffen beschreiben. Sprache müsse zudem pragmatisch sein. Es sei nicht sinnvoll, in jeder denkbaren Situation die Geschlechter aller angesprochenen Personen aufzuführen, weshalb allgemeine, unbestimmte Begriffe notwendig seien. Das generische Maskulinum erlaub es, „sich knapper und dabei doch präziser auszudrücken“. Weil die deutsche Sprache das biologische vom grammatikalischen Geschlecht unterscheide, ermögliche sie ihm als Schriftsteller zudem Variationen des Ausdrucks, die er in anderen Sprachen nicht hätte. Genderideologische Sprache zerstöre diese Ausdrucksmöglichkeiten und stelle daher „eine geistige wie politische Regression“ dar.

Die „Vielfalt, die Ambivalenz, die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur und ihrer Wahrnehmung auszudrücken“ sei „nicht Aufgabe unserer Alltagssprache, und schon gar nicht ist es die Aufgabe irgendeiner behördlichen oder akademischen Instanz“, sondern „Aufgabe und sogar Daseinszweck der Literatur, der Musik, der Kunst“. Für die literarische Sprache sei das Gendern untauglich, zumal es auch „zu umständlich, kompliziert und unmelodisch“ sei. Es werde sich daher „außerhalb eines begrenzten, entgegen seiner Selbstwahrnehmung außerordentlich homogenen Milieus“ nicht durchsetzen.

Dieses Milieu folge außerdem einem „Trugschluss“, wenn es annehme, dass sich aus der sprachlichen Gleichheit der Geschlechter die gewünschte soziale Gleichheit ergebe. Im Persischen und im Türkischen gebe es kein generisches Maskulinum, ohne dass dies zu dieser Gleichheit in den entsprechenden Kulturen geführt habe. Sprache sei „ein Ausdruck von Wirklichkeit, auch von sozialer Wirklichkeit und gegebenenfalls Ungleichheit, aber sie ist kein Instrument, um die Wirklichkeit zu verändern“, denn außer „in totalitären Systemen verändert sich die Sprache von selbst mit der Wirklichkeit mit“.1

Hintergrund und Bewertung

Mit dem Problemkomplex der ideologisch getriebenen Beeinträchtigung der deutschen Sprache haben wir uns hier näher auseinandersetzt. (FG2)

Quellen

  1. Navid Kermani: „Mann, Frau, völlig egal“, Die Zeit, 05.01.2022, S. 46.