Deutschland offenbart in der Corona-Krise mangelnde kulturelle Resilienz

Ritter und Beamter diskutieren - Darstellung aus einer Ausgabe von "Le Songe du Vergier", 14. Jhd.

Der Virologe Hendrik Streeck lehrt an der Universität Bonn. In einem in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienenen Aufsatz schreibt er, dass Staat und Gesellschaft in Deutschland in der Corona-Krise mangelnde kulturelle Resilienz offenbaren. Das Krisenmanagement scheitere vor allem an der Art und Weise der geistigen Auseinandersetzung mit der Lage. Man sei es offenbar nicht gewohnt, sich rational mit Risiken auseinanderzusetzen und pragmatische Antworten auf diese zu finden, weshalb man keinen Ausweg aus der Krise finde.

Die Ansicht vieler Politiker, Wissenschaftler und Bürger, dass es die Bewältigung der Corona-Krise erfordere, die Zahl der Neuinfektionen mit COVID-19 dauerhaft auf einem Minimum zu halten, sei gescheitert und in einer freiheitlichen Gesellschaft auch nicht umsetzbar. In Deutschland habe dieser Ansatz außerdem dazu geführt, dass Debatten zunehmend aggressiver geführt wurden. Anstatt auf der Grundlage einer realistischen Lagebeurteilung nach angemessenen Antworten auf die Krise zu suchen, würde man einander zunehmend „anfeinden“. Die deutsche Gesellschaft sei offensichtlich „nicht daran gewöhnt, über eine potenziell tödliche Gefahr rational zu diskutieren – und pragmatisch Lösungen zu erarbeiten“.

Man werde das Virus „nicht eradizieren, nicht auslöschen“ können und müsse als Gesellschaft „pragmatische Wege finden, mit dem Risiko stetig wiederkehrender Corona-Infektionen umzugehen“. Das Gesundheitssystem etwa müsse in der Krise dem Gemeinwesen dienen und nicht umgekehrt. Für die Mehrheit der Bevölkerung stelle das Virus mittlerweile ein „ein akzeptables Risiko“ dar. Dies müsse „auch ausgesprochen werden dürfen – ohne anschließende Wut-Debatte“. Politik und Gesellschaft müssten im Umgang mit dieser Frage mehr „Krisenresilienz“ entwickeln und auf Grundlage eines realistischeren Lagebilds Lösungen im „Sinne des Gemeinwohls“ entwickeln. Solche Lösungen könnten nicht darin bestehen, „das Land herunterzufahren“ oder Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, wahllos zu isolieren oder zu impfen.1

Bewertung und Hintergrund

Hintergrund der Äußerungen Streecks sind die unsachlichen Reaktionen, auf welche die Bewertungen von Experten, die nicht bestimmten politischen Erwartungen entsprechen, in Deutschland häufig stoßen. Laut einem Portrait sei Streeck etwa wegen seiner von „Politikern nicht gern gehörten Aussagen“ von diesen oft „heftig kritisiert“ worden.2 Laut einer anderen Darstellung habe es zeitweise eine „Ächtung Streecks durch andere Wissenschaftler“ gegen, weil er anders als diese den Ansatz der Regierung hinterfragt habe.3 Jan Böhmermann kritisierte, dass Streeck zu Diskussionsrunden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeladen wurde. Dessen Positionen seien angeblich „durchtränkt von Menschenfeindlichkeit“ und daher nicht diskussionswürdig.4

Streeck hatte gegen erheblichen Druck frühzeitig darauf hingewiesen, dass der Ansatz, mittels Impfungen Herdenimmunität herstellen zu wollen, aufgrund mangelnder Leistungsfähigkeit der vorhandenen Impfstoffe unrealistisch sei. Zuvor hatte er den Lockdown-Ansatz kritisiert, weil dieser die Entwicklung der Pandemie allenfalls verzögern, diese aber nicht beenden könne. Dies stellte sich als zutreffend heraus, was das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aber nicht davon abhielt, ihn als „Propheten auf dem Irrweg“ zu bezeichnen. Streeck antwortete darauf, dass das Verhalten vieler Journalisten in Deutschland in der Corona-Krise an das von „Aktivisten“ erinnere, die „als Gutmenschen aus der ganzen Seele heraus eine richtige Sache unterstützen möchten“.5

Weitere Beiträge zur Corona-Krise können hier abgerufen werden. Negative Auswirkungen von Mängeln der politischen Kultur auf das staatliche Krisenmanagement hatten vor allem Julian Nida-Rümelin und Matthias Brodkorb behandelt. Während Nida-Rümelin vor allem einen Mangel an Klugheit bzw. mangelhafte Erkenntnis der Lage bei Entscheidungsträgern bemängelt, beobachtete Brodkorb einen allgemeinen Mangel an staatlicher Ernstfallkompetenz in Deutschland.

Quellen

  1. Hendrik Streeck: „Und hier wäre ein Ausweg“, Die Zeit, 20.01.2022, S. 11.
  2. Peter-Philipp Schmitt: „Forscher und Pragmatiker“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2021, S. 10.
  3. Robin Alexander/Tim Röhn: „Bundeskanzler Scholz setzt sich von Merkels Corona-Politik ab“, Welt am Sonntag, 12.12.2021, S. 1.
  4. Georg Mascolo: „Einen Moment, bitte“, Süddeutsche Zeitung, 04.12.2021, S. 44.
  5. Wolfgang Büscher: „‚Bereuen Sie?'“, Welt am Sonntag, 07.03.2021, S. 29.