Deutschland braucht geopolitische Denker

Unbekannter Maler - Die Schlacht von Lepanto (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Franke ist als Expertin für den European Council on Foreign Relations tätig. In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ kritisiert sie, dass die jüngeren Entscheidungsträger, welche die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik gegenwärtig bestimmen, ihrem Wesen nach „Softies“ und den „Härten der Welt“ geistig nicht gewachsen seien. Deutschland benötige eine zu geopolitischem Denken fähige außen- und sicherheitspolitische Elite, um sich in einer feindseliger werdenden Welt zu behaupten.

Gegenwärtig übernehme in Deutschland eine noch stärker als ihre Vorgänger strategischem Denken abgeneigte, von sicherheitspolitischem Wunschdenken geprägte „Generation die Macht […], die trotz guter Absichten auf die Herausforderungen der Außen- und Verteidigungspolitik schlecht vorbereitet“ sei und die „sich schwertut mit jener Art von Politik, die außerhalb Deutschlands immer offensiver betrieben wird: Machtpolitik“.

Man habe „eine geradezu romantische Idee internationaler Beziehungen entwickelt“ und gehe davon aus, dass die eigene, von Jahrzehnten des Friedens geprägte Vorstellung der Welt die einzig richtige sei, und sei geistig schlecht darauf vorbereitet, deutsche „Interessen und Werte gegenüber aggressiveren geopolitischen Widersachern wie Russland, aber auch China zu behaupten“.

Mit „großen Augen“ verfolge man die sicherheitspolitische Entwicklung an der Ostflanke Europas und wolle nicht verstehen, dass „militärische Macht ein Element geopolitischer Macht ist“. Dem machtpolitischen Denken und Handeln der außen- und sicherheitspolitischen Eliten der erwähnten Staaten stehe man hilflos und konzeptlos gegenüber und wirke in einer von zunehmend von Krisen geprägten Welt „verloren“. Zugleich halte man sich gegenüber jenen, die auf kompetente Weise eine an nationalen Interessen orientierte Machtpolitik betrieben, für moralisch überlegen. Dieses Denken stoße zunehmend an seine Grenzen. Wenn man wolle, „dass die nächsten Generationen in Deutschland und Europa in Frieden und Wohlstand leben“, dann müssten die Deutschen „die Geopolitik wieder erlernen“.1

Hintergrund und Bewertung

Mit dem von Franke angesprochenen Problem hatten sich unter anderem auch Heinz Theisen, Maximilian Terhalle, Sönke Neitzel, Gerhard Schindler und Marcel Bohnert (auch hier) auseinandergesetzt. Josef Joffe sieht ganz Westeuropa von dieser kulturellen Schwäche betroffen und kritisierte, dass die Staaten Westeuropas, die von Kriegerkulturen geschaffen worden seien, heute alles verachteten, was ihnen in Konflikten mit Herausforderern Stärke verleihen könne.2

Hans -Peter Bartels, der zuletzt Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages war, kritisierte in einem heute erschienenen Aufsatz, dass Deutschland auf Krisen jeglicher Art nicht vorbereitet sei. Die Ursachen dafür seien auch kultureller Natur. Das Land sei heute „maximal verwundbar“, weil es seiner politischen Elite an strategischem Denken, Risikobewusstsein und Willen zur Übernahme von Verantwortung mangele. Dies habe zur Folge, dass gegenwärtig weder ein „nennenswerter Zivilschutz“ noch „eine einsatzbereite Bundeswehr“ zur Verfügung stünden. Angesichts des Versagens des Staates in der Corona-Krise sei es fraglich, ob „wir mit noch bedrohlicheren Risiken wirklich gut umgehen könnten“. Die Frage wie die Gesellschaft im Ernstfall resilient im Sinne von „überlebensfähig, handlungsfähig, widerstandsfähig“ bleiben könne, sei unbeantwortet.3

Mittlerweile gibt es in Deutschland praktisch keine Institutionen mehr, die auf den Gebieten Sicherheit und Verteidigung als Akteure kulturellen Wandels in Richtung eines resilienteren Gemeinwesens agieren könnten und die von Franke geforderte fähigere Elite hervorbringen könnten. Der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld hatte vor diesem Hintergrund die Einrichtung einer “Schule des strategischen Denkens” angeregt.

Quellen

  1. Ulrike Franke: „Die Härten der Welt sind nichts für Softies“, Die Zeit, 13.01.2022, S. 11.
  2. Josef Joffe: “Germany’s Shift From Wolf to Lamb”, The Wall Street Journal, 31.10.2020, C4.
  3. Hans-Peter Bartels: „Deutschlands kurzer Weg zurück ins Mittelalter“, welt.de, 17.01.2022, URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus236242678/Deutschlands-kurzer-Weg-zurueck-ins-Mittelalter.html, Zugriff: 17.01.2022.