Das Rittertum und die Zukunft Europas

Ritter, Geistlicher und Bauer - Darstellung aus Frankreich, 13. Jhd.

Der Philosoph Richard Coudenhove-Kalergi (1894–1972) gehört zu den wichtigsten Vordenkern der europäischen Einheit. In seinem 1927 erschienenen Werk „Held oder Heiliger“ beschreibt er das Rittertum als eine zeitlos gültiges Kulturideal und als eine Lebensform, die auf der Verwirklichung des Christentums in der europäischen Seele beruhe. Eine Erneuerung Europas setze eine Erneuerung des Rittertums in Europa voraus.

Das Rittertum sei der Träger der besten Traditionen Europas und der Vorreiter seiner Einheit. Innerhalb der Ritterschaft sei die europäische Einheit bereits im Mittelalter verwirklicht worden, als sie als „europäische Kriegerkaste“ den Kontinent gegen  „Sarazenen und Heiden“ verteidigte.1 Vor allem aber sei das Rittertum der am höchsten entwickelte Ausdruck europäischer Identität:

  • Das Rittertum entspreche wie keine andere Lebensform der „Seelenform des Europäers“. In ihm lebe die europäische „Urreligion“ und ihre „Heldentradition und Heldenmoral“ weiter.2 Die Nordlage Europas sei eine „harte Schule“ für die Bewohner des Kontinents gewesen, auf die diese mit der Herausbildung einer besonderen Kultur geantwortet hätten.3 Das heroische Wesen der europäischen Seele sei durch die Natur des Kontinents geformt worden, die in besonderer Weise eine kämpferische Einstellung des Menschen erfordere. Der Held sei „zum sittlichen Ideal des Nordens“ geworden, weil nur der Held hier habe überleben können: der „Mann, der den Drachen und Riesen, Löwen und Riesen bekämpft, immer in Gefahr, immer tätig, immer vorwärtsstürmend, siegend und fallend“.4
  • Das Christentum habe „die heidnische Moral Europas nicht gebrochen und nicht verdrängt, sondern gemildert und durch diese Milderung die europäische Seele ergänzt, erweitert und bereichert“. Das Rittertum stelle die optimale, harmonische Verbindung von Christentum und vorchristlicher europäischer Kultur dar.5 Der „veredelte Heroismus, der aus der Berührung heidnischer Tradition mit christlichen Ideen hervorging, war die Ritterlichkeit“.6

Das Rittertum sei „seit einem Jahrtausend die Lebensform der stärksten und kühnsten Europäer“ und „die höchste Weisheit des Abendlandes“. Sie verkläre den Kampf, „dem der Europäer doch nicht entrinnen kann“, indem sie diese Kampf nicht erdulde, sondern ihn gestalte, und beinhalte eine „Heiligkeit der Tat und des Kampfes“. Ihr Gleichnis sei der Stahl. So wie der Stahl flexibel und stark zugleich sei, verbinde Ritterlichkeit christliche und heidnische Elemente „zu einer neuen, höheren Lebensform“. Ritterlichkeit sei „heiliges Heldentum“.7

Das Rittertum sei eine zeitlose Lebensform und „die Tugend, an der Europa genesen kann, ohne sich selbst zu verleugnen“. Die „beste Jugend Europas“ sei „seit jeher dem Ideal der Ritterlichkeit ergeben“ und von „ritterlichen Taten und Abenteuern“ begeistert gewesen. Sie werde den Wert der Ritterlichkeit umso stärker erkennen, je mehr dieses von Zynikern verlacht werde. Die Technologie der Gegenwart habe „nur die Formen des Rittertums zerschlagen“, während dessen Seele „auch heute noch alles Edle in Europa schafft“. Vielleicht werde sich „die neue Seele Europas“ einst um einen im Geist des Rittertums entstandenen Zusammenschluss junger Europäer kristallisieren. Die „beste europäische Jugend“ werde sich dann auf einen „Kreuzzug gegen die europäische Gemeinheit in allen ihren Erscheinungsformen vereinigen: gegen alles Morsche und Faule, gegen alles Feige und Unreine, gegen Korruption und Demagogie“. Dann werde „das europäische Chaos einer neuen Ordnung zu weichen beginnen“.

Der „Feldzug“ für das neue Europa werde als „Guerillakrieg beginnen“. Jeder, der sich zu den ritterlichen Idealen bekenne, werde in seinem persönlichen Umfeld wirken müssen, bis sich „diese Kreise begegnen und zusammenschließen“:

„Die Reinheit des Blickes, der Stolz der Haltung, die Menschlichkeit der Taten und die Höflichkeit der Sitten werden das Erkennungszeichen dieser neuen europäischen Ritterschaft sein.

Die Träger dieser Gesinnung werden sich erkennen als Kinder eines Blutes, als Erben einer Tradition, als Ahnen einer Kultur:

als erste Strahlen der neu aufgehenden europäischen Sonne.“8

Hintergrund und Bewertung

Eine Vorstellung Coudenhove-Kalergis und seiner Gedanken findet sich hier. Seine Gedanken über das, was er die „europäische Seele“ nannte bzw. über ihre Formung durch die Natur sind durch neuere Erkenntnisse der Humanwissenschaften bestätigt worden. Damit verbundene kulturelle Konzepte wie das Rittertum finden sich allerdings nicht nur in Europa, sondern auch in Japan. Auf geistig-kulturelle Parallelen zwischen europäischem und japanischem Rittertum hatte etwa der Philosoph Inazo Nitobe hingewiesen und beide zugleich voneinander abgegrenzt. Dabei wies es darauf hin, dass die in Japan historisch vorhandenen Religionen nicht stark genug gewesen seien, das dortige Rittertum ähnlich zu formen wie es dem Christentum in Europa gelang.9

Die Rückbesinnung auf das Rittertum war im europäischen Kulturraum immer wieder die Grundlage kultureller Erneuerungsbewegungen, darunter im 19. Jahrhundert, als im viktorianischen England unter Rückgriff auf mittelalterliche Impulse das Ideal des Gentleman entstand.10 Auch die deutschen Offiziere, die nach dem Zweiten Weltkrieg die geistig-kulturellen Fundamente der Streitkräfte wiederherstellten, orientierten sich am Rittertum.11 Der Theologe Hugo Rahner sah Ende der 1950er Jahre in den Idealen des Rittertums die Antwort auf die Probleme einer „im Wohlstand alt und fett gewordenen Welt“.12.

Erst kürzlich beschrieb Alexander von Schönburg das ritterliche Ethos kürzlich als Antwort auf die „postmoderne Kulturrevolution“, welche die westliche Welt gegenwärtig durchlaufe.13 Der Politikwissenschaftler J. Budziszewski erkannte im abendländischen Männlichkeitsideal, wie es das Rittertum verkörpert, eine Antwort auf dysfunktionale postmoderne Geschlechterbilder. Aus einer weiblichen Perspektive beschrieb die Schriftstellerin Monika Maron zuletzt das Rittertum als Antwort auf den von ihr beobachteten Verlust an Maskulinität in der Gesellschaft. Dieser Verlust betrifft vor allem auch Teile der katholischen Kirche in Deutschland, in der aktuell anti-maskuline Ideale und Lebensstile im Vordergrund zu stehen scheinen.

Quellen

  1. Ebd., S. 36.
  2. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi: Held oder Heiliger, Wien 1927, S. 68-73.
  3. Ebd., S. 51.
  4. Ebd., S. 19-20.
  5. Ebd., S. 67-68.
  6. Ebd., S. 235-236.
  7. Ebd., S. 235-236.
  8. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi: Held oder Heiliger, Wien 1927, S. 236-238.
  9. Inazo Nitobe: Bushido. Die Seele Japans. Erweiterte Fassung, Frankfurt am Main 2003, S. 105.
  10. Richard Barber: The Reign of Chivalry, Woodbridge 2005, S. 167-169.
  11. Ulrich vom Hagen: Homo militaris. Perspektiven einer kritischen Militärsoziologie, Bielefeld 2012, S. 17.
  12. Hugo Rahner: “Das ritterliche Menschenbild und der moderne junge Christ“, in: ders.: Abendland. Reden und Aufsätze, Freiburg 1966, S. 146-169.
  13. Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands, München 2018.