Über das Elend des postmodernen Konservatismus

Jan Sanders van Hemessen - Vanitas

In ihrem 2017 erschienenen Buch „Die Angstprediger“ behandelt die Publizistin Liane Bednarz aktuelle Entwicklungen im konservativen Spektrum in Deutschland. Sie will den von ihr identifizierten Problemen mit einem postmodernen Konservatismus begegnen, der vor allem nicht anstößig sein will, an der Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen nicht interessiert ist und dem Wirken radikaler gesellschaftspolitischer Utopien passiv begegnet. Impulse für die Bewältigung der Herausforderungen, denen europäische Gesellschaften gegenüberstehen, sind von dieser geistig sterilen Form des Konservatismus kaum erwarten.1

Bednarz verfasste ihr Buch als Reaktion auf das Erstarken nationalkonservativer und rechtspopulistischer Kräfte in Folge der 2015 getroffenen Entscheidung der deutschen Regierung zur Öffnung der Staatsgrenzen für irreguläre Migration. Die Autorin, die sich selbst als liberal-konservativ einordnet, betrachtet die Unterstützung von Christen für diese Kräfte als problematisch, da deren Positionen „mit dem christlichen Menschenbild, wie es in den Evangelien vermittelt wird, nicht mehr kompatibel“ seien.2 Die laut ihr damit kompatiblen konservativen Positionen seien von anderen abzugrenzen, die sie als „rechts“ einordnet. Bednarz unterlässt es jedoch, diese Differenzierung argumentativ zu untermauern. An keiner Stelle in ihrem Buch setzt sie sich (etwa aus der Perspektive der christlichen Soziallehre) mit unterschiedlichen Positionen bzgl. des Umgangs mit irregulärer Migration oder anderen von ihr behandelten Fragen auseinander. Das von ihr verwendete Unterscheidungskriterium zwischen „konservativ“ und „rechts“ ist faktisch die gesellschaftliche Akzeptanz für die jeweilige Position, wobei sie das noch akzeptierte als „konservativ“ und das nicht mehr akzeptierte als „rechts“ einordnet. Diese Schwäche prägt das gesamte Buch.

Bednarz erweckt den Eindruck, dass ihre Positionen nicht auf einem Streben nach Wahrheit oder Gerechtigkeit, sondern (im Sinne der sozialpsychologischen Analyse Elisabeth Noelle-Neumanns) auf einem Streben nach sozialer Akzeptanz beruhen. Dies wird etwa an den Stellen in ihrem Buch deutlich, an denen sie den „harmlosen Konservativen“3, der sich geräuschlos in die Gesellschaft einfügt und möglichst keine aus Sicht der Anhänger hegemonialer Weltanschauungen kontroversen Positionen zu gesellschaftspolitischen Fragen bezieht, als Ideal darstellt. Das von ihr verfasste Buch ist letztlich ein politischer Anstandsratgeber, der seinem Leser vermittelt, was er sagen muss, um in öffentlichen Diskussionen keinen Anstoß zu erregen, und welche Themen er wegen ihrer Anstößigkeit besser vermeidet. Eine Auseinandersetzung mit Ideen und Argumenten bzw. deren Prüfung unterlässt sie hingegen fast vollständig. Sie zitiert vor allem Meinungen und Werturteile, die hegemoniale Akteure über andere abgegeben haben, Aussagen darüber wer sich von wem abgegrenzt hat oder nicht sowie Aussagen, die Verstöße gegen die von ihr identifizierten politischen Tabus dokumentieren sollen. Eine Position hält sie somit offenbar dann für hinreichend widerlegt, wenn sie nachgewiesen hat, dass diese sich in einer diskursiven Tabuzone befindet. Sie interessiert sich nicht dafür, was Menschen denken und warum, sondern wie sie „einzustufen sind“.4

Ein Großteil des Buches besteht außerdem in Versuchen, diskursive Warnschilder um Themen zu errichten, die man nicht oder allenfalls verhalten ansprechen sollte. Zu diesen Themen gehören etwa Migration, Islamisierungsphänomene, Gender-Aktivismus und die Europäische Union bzw. die Kritik an dieser. Es entsteht der Eindruck, dass die Autorin in ihrem Streben nach sozialer Anerkennung auch gänzlich andere Positionen unterstützen könnte, falls diese sich eines Tages gesellschaftlich durchsetzen sollten.

Das weitgehende Desinteresse der Autorin an Ideen wird beispielhaft in ihrer Auseinandersetzung mit dem Philosophen Arnold Gehlen bzw. dessen Humanitarismus-Kritik sichtbar. Hier geht Bednarz nicht darauf ein, worin diese Kritik bestand und wie Gehlen sie begründete und welche Schwächen sie ggf. aufwies, sondern nur darauf, dass „rechte“ Akteure sich auf Gehlen berufen während progressive Akteure seine Gedanken ablehnen, womit für sie klar ist, dass sein Werk der Tabuzone zuzurechnen ist und sich jede weitere Auseinandersetzung damit erübrigt.5 Auch dieses Muster durchzieht das gesamte Buch.

An der einzigen Stelle des Buches, in der sie eine Idee tatsächlich zumindest oberflächlich prüft (es geht um das Konzept des Ethnopluralismus), scheitert Bednarz. Hier behauptet sie, „dass der Ethnopluralismus der Lehre Jesu fundamental widerspricht“, weil „ein Denken in ethnisch-kulturellen Kategorien wird im Neuen Testament überwunden“ werde.6 Tatsächlich wird die Schöpfungsordnung, zu der aus Sicht der christlichen Soziallehre auch die Gliederung der Menschheit in Völker gehört, im Neuen Testament nicht negiert, sondern die hierarchische Rolle Gottes in dieser Ordnung betont. Aus Sicht der christlichen Soziallehre gäbe es andere Einwände gegen das Konzept des Ethnopluralismus, die Bednarz aber nicht vorbringt. Man darf vermuten, dass ihr diese nicht bekannt sind, was sie als konservative Kritikerin des Nationalkonservatismus disqualifiziert. Bednarz versagt somit genau an der Stelle, an der eine kritische Auseinandersetzung mit nationalkonservativen Positionen aus christlich-konservativer Sicht tatsächlich geboten wäre.

Da Bednarz sich nicht inhaltlich mit Ideen auseinandersetzt, bleiben ihre Definitionen zudem durchgängig unscharf und sind häufig sogar widersprüchlich. So schreibt sie der politischen Rechten etwa an einer Stelle ein „revolutionäres Verständnis vom Konservativen“ als kennzeichnendes Merkmal zu7, während sie kurz darauf schreibt, dass die Rechte vor allem „reaktionär“ sei und das „Alte um das bloßen Alten willens“ erhalten“ wolle.8 An anderer Stelle beschreibt sie das Konservative und das Rechte als einander ausschließend9, um dann später zu schreiben, dass etwa in der Genderdebatte „oftmals unklar“ sei, „wo die Grenze zwischen dem liegt, was noch klassisch konservativ ist, und dem was darüber hinausgeht und rechts ist.“10 Solche offensichtlichen Widersprüche werden von ihr nicht aufgelöst oder zumindest erklärt.

Da die Autorin eine stark polemisierende Sprache verwendet und die Standpunkte der von ihr kritisierten Akteure vor allem abwerten will, bleiben ihre Gedanken auch an vielen anderen Stellen des Buches unklar. So bezeichnet sie mehrfach etwa „Untergangsfantasien“ als ein typisches Merkmal der aus ihrer Sicht inopportunen Strömungen im Konservatismus.11 Sie bezieht sich dabei auf Krisenwahrnehmungen, die sie grundsätzlich für illegitim zu halten scheint, ohne jedoch abzuwägen, ob diese ggf. begründet sind wie diese von kluger Vorsicht und realistischem Risikobewusstsein unterschieden werden könnten. Ihr einziger Maßstab dafür, ob eine begründete Krisenwahrnehmung oder eine „Untergangsfantasie“ vorliegt, scheint auch hier die soziale Akzeptanz des jeweiligen Themas zu sein, da sie die Krisenwahrnehmungen sozial akzeptierter Teile des politischen Spektrums unhinterfragt teilt.

Die Auseinandersetzung mit nationalkonservativen und rechtspopulistische Strömungen müsste sich vor allem auf bessere Ideen stützen. Zu den Schwächen des Nationalkonservatismus gehört etwa sein mangelndes Bewusstsein für die christlich fundierte abendländische Einheit, während es dem Rechtspopulismus an Gemeinwohlorientierung mangelt und er entgegen der historischen Erfahrung die Masse idealisiert. Bednarz begegnet diesen Strömungen nicht mit Ideen, sondern mit der Aufrichtung und Bekräftigung von Tabus, weshalb sie insgesamt beim Versuch scheitert, taugliche Antworten auf das Erstarken dieser Strömungen zu formulieren. Dass ihre Arbeit dennoch breit rezipiert und sogar in Publikationen mit wissenschaftlichem Anspruch positiv aufgenommen wird12 liegt vermutlich daran, dass ihr gelingt, ihrem den Krisen der Gegenwart konzeptlos gegenüberstehenden postmodernen Publikum das beruhigende Gefühl moralischer Überlegenheit zu vermitteln. Gleichzeitig stellt sie dieser Zielgruppe mit dem Konstrukt des „rechten Christen“ ein Feindbild und einen Sündenbock zur Verfügung, den es für das absehbare Scheitern utopischer gesellschaftspolitischer Vorstellungen verantwortlich machen wird. (sw)

Quellen

  1. Liane Bednarz: Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern, München 2018.
  2. Ebd., S. 241.
  3. Ebd., S. 8.
  4. Ebd., S. 53.
  5. Ebd., S. 112-113.
  6. Ebd., S. 50.
  7. Ebd., S. 15.
  8. Ebd., S. 29.
  9. Ebd., S. 11.
  10. Ebd., S. 68.
  11. Ebd., S. 16, 117.
  12. Siehe etwa Martin Fritz: „Im Bann der Dekadenz. Theologische Grundmotive der christlichen Rechten in Deutschland“, in: Johann Hinrich Claussen et al. (Hrsg.): Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik, Tübingen 2021, S. 9-64, hier: S. 10.