Kathedralen, langfristiges Denken und die Zukunft der Menschheit

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Astronom Martin Rees lehrt an der University of Cambridge. In einer vor einigen Jahren anlässlich der Verleihung des Templeton-Preises gehaltenen Rede hob er das Denken des christlichen Mittelalters, das sich in der Errichtung der großen Kathedralen ausdrückte, als ein seitdem unerreichtes Vorbild für langfristiges Denken hervor. Die Menschheit werde solches Denken brauchen, wenn sie das 21. Jahrhundert bewältigen wolle.

Als Astronom reiche seine Perspektive Milliarden von Jahren in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit. Dennoch müsse er anerkennen, dass das gegenwärtige Jahrhundert von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Menschheit sein könnte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte habe der Mensch die Fähigkeit dazu, sich selbst und das Leben auf der Erde zu gefährden. Angesichts des kurzsichtigen Verhaltens der Menschen der Gegenwart sei Pessimismus bezüglich der weiteren Entwicklung angebracht.

Eine geeignete kulturelle Antwort auf diese Lage stelle das Denken dar, das die Erbauer der Kathedralen des Mittelalters geprägt habe. Es sei unmöglich, von diesen Bauten nicht inspiriert zu werden:

[T]rotz […] der Entbehrungen und der Härte ihres Lebens, trotz ihrer primitiven Technologie und ihrer geringen Mittel errichteten sie dieses riesige und prächtige Gebäude und setzten damit die Grenzen des Möglichen neu. Diejenigen, die es erdachten, wussten, dass sie die Fertigstellung nicht mehr erleben würden. Ihr Vermächtnis beflügelt uns noch heute, fast ein Jahrtausend später. Welch ein Kontrast zu so vielen unserer heutigen Reden! […]

In der heutigen schnelllebigen Welt können wir nicht den Anspruch erheben, ein tausendjähriges Denkmal zu hinterlassen, aber es wäre sicherlich beschämend, wenn wir auf einer Politik beharren würden, die künftigen Generationen ein gerechtes Erbe vorenthält. […] Alle müssen sich von den Erkenntnissen leiten lassen, die die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts bieten kann, aber auch von einem Idealismus, einer Vision und einem Engagement inspiriert sein, die die Wissenschaft allein nicht bieten kann.“1

Hintergrund

Der Historiker Jacques Le Goff schrieb schrieb über die gotischen Kathedralen des Mittelalters:, dass sie vor allem ein “Bild von Stärke” und einen “Triumph der Höhe, Triumph des Lichts” darstellten. In ihrer Betonung der Vertikalen käme “das Sich-in-die-Höhe-Schwingen als Charakteristikum mittelalterlicher Spiritualität” zum Ausdruck. Ihre Errichtung sei durch eine jene Kombination von Glaube und Vernunft möglich geworden, die auch die scholastische Theologie des Mittelalters ausgezeichnet habe.2

Der Soziologe Harald Welzer wies darauf hin, dass der Mangel der modernen Zivilisation an langfristigem Denken deren langfristigen Bestand gefährde. Diesem kurzfristigen Denken stellte er als positiven Kontrast christliche Weltanschauung gegenüber. Kein „heute lebender Mensch, und sei er noch so zukunftsbewusst, würde sein Handeln an einem Horizont von mehreren Jahrhunderten ausrichten“, denn dies erfordere eine religiöse Weltsicht.3 Der Kölner Dom, dessen Grundsteinlegung 1248 stattfand, sei mit seiner bis in die Gegenwart „endlosen Kette” von Dombaumeistern ein Beispiel für nachhaltiges Denken. Der „Dom transportiert Zukunft, weil er von einer Glaubensvorstellung getragen ist, die jenseits menschlicher Zeitskalen angesiedelt“ sei und er „weder dem Zeitgeist noch seinen Funktionalitätserfordernissen noch seiner ökonomischen Rationalität entspricht“. Die „Kirchen und ihre Türme” würden „von Welten künden, die andere sind als die der Gegenwart“. Sie würden auch einen sichtbaren Gegenentwurf zur architektonischen Moderne und ihren „auf Abriss gebauten kulturellen Verfallszustände[n]“ darstellen. Christliche Dome seien Gegenbilder für „Konzepte darüber […], worum es im Leben geht und welches Verhältnis jeweils zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herrscht“. Von der Erhabenheit der Dombaumeister über die Zeit könne man lernen, „was man in Zukunft brauchen wird“.4

Der Raumfahrtingenieur Andreas Hein hatte ebenfalls Kathedralen verwendet, um symbolhaft zu beschreiben, welches Denken für die Durchführung komplexer technischer Vorhaben erforderlich sei, deren Durchführung mehrere Jahrhunderte umfasst. Die Planer künftiger Raumflüge zu Zielen jenseits des Sonnensystems, die ähnlich komplex seien und sich über ähnlich lange Zeiträume erstrecken würden, könnten von den Erbauern der Kathedralen lernen. Hein schreibt, dass es ihm zunächst als unplausibel erschienen sei, dass Menschen des Mittelalters Lösungen für Aufgaben entwickelt hatten, die auch die Erbauer möglicher künftiger Sternenschiffe einst bewältigen müssten. Die Ansätze, denen die Erbauer der Kathedralen folgten, seien jedoch hochgradig resilient und leistungsfähig gewesen und dazu geeignet, auch bei der Vorbereitung und Durchführung ambitionierter Weltraummissionen zum Einsatz zu kommen.

Die von Hein aufgegriffenen Zitate, die Kathedralen als “erhabene Verbindung von hoher Spiritualität und fortgeschrittener Technologie” bezeichnen, deuten darauf hin, dass er vom Gegenstand seiner Betrachtung über die technisch-organisatorische Ebene hinaus fasziniert ist. Dies scheint auch bei den von ihm zitierten Raumfahrtexperten der Fall zu sein, welche immer wieder auf das Bild der Kathedrale zurückgriffen, um das Selbstverständnis ihrer Berufung und die Höhe der von ihnen angestrebten Werke zu beschreiben. Für einen Bereich, der allgemein als Sinnbild für die Leistungen der säkularen Moderne gilt, erscheint dies zunächst als ungewöhnlich. Die Urheber der derzeit visionärsten technischen Vorstellungen der Moderne müssen sich mutmaßlich deshalb auf Werke des christlichen Mittelalters als Referenzpunkt beziehen, weil die Gegenwart trotz ihrer technologischen Leistungen auf geistiger Ebene hinter die Errungenschaften des Mittelalters zurückgefallen ist und Kathedralen als Denkmäler der Ewigkeit dies sichtbar machen.

Quellen

  1. “Templeton Prize 2011: Full transcript of Martin Rees’s acceptance speech”, theguardian.com, 06.04.2011, URL: https://www.theguardian.com/science/2011/apr/06/templeton-prize-2011-martin-rees-speech, Zugriff: 11.12.2021, Übersetzung: Renovatio.
  2. Jacques le Goff: Ritter, Einhorn, Troubadoure. Helden und Wunder des Mittelalters, München 2005, S. 28-32.
  3. Harald Welzer: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a. M. 2014, S. 115.
  4. Ebd., S. 199-202.