Über den Kampf der Gender-Ideologie gegen die natürliche Geschlechterordnung

Joos van Craesbeeck - Die Versuchung des heiligen Antonius

Die Philosophin Kathleen Stock lehrte an der University of Sussex. Sie war Ziel einer Kampagne von Transgender-Aktivisten, die sie dazu zwangen, die Universität zu verlassen, weil sie die Position vertreten hatte, dass die geschlechtliche Identität des Menschen nicht von Gefühlen abhänge, sondern biologisch bestimmt sei. In einem heute in der Wochenzeitung “Die Zeit” veröffentlichten Gespräch bekräftigt sie ihre Positionen und kritisiert den Kulturkampf der Gender-Ideologie gegen die natürliche Geschlechterordnung.

Es gebe “eine politische Bewegung, die dafür kämpft, die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich aufzulösen”. Demnach sei “jeder, der sich wie eine Frau fühlt, eine Frau”. Transgender-Aktivisten gingen davon aus, “dass unser Geschlecht ein Spektrum sei und es keine wirklichen Unterschiede zwischen männlich und weiblich gebe”, weshalb sie u. a. den Begriff “Frau” durch “Person mit Gebärmutterhals” ersetzen wollten.

  • Die Annahmen der Aktivisten bezüglich der Natur des Menschen seien unwahr. Die Binarität der Geschlechter sei “ist in der Natur angelegt und ziemlich stabil”. Die Existenz sexueller Entwicklungsstörungen, die eindeutige Zuordnungen in Einzelfällen erschwerten, änderten an dieser biologischen Tatsache und den auf ihr beruhenden kulturellen Normen zunächst nichts. Die Vorstellung, dass das biologische Geschlecht durch Gefühle beeinflusst werde, sei “verrückt”. Auch die chirurgische oder hormonelle Behandlung könne der Mensch sein biologisches Geschlecht nicht verändern. Wer “glaubt, dass unser Geschlecht eine rein sozial konstruierte Vorstellung ist, dem nichts Biologisches zugrunde liegt”, sei “letztlich wissenschaftsfeindlich”.
  • Man müsse “Menschen, die das Gefühl haben, im falschen Körper zu stecken” mit angemessenen Therapien helfen, anstatt sie für politische Zwecke zu missbrauchen und ihnen gleichzeitig zu suggerieren, dass irreversible medizinische Eingriffe ihre psychischen Probleme lösen könnten. Diese Probleme könnten auch nicht durch die Umstrukturierung der Gesellschaft gelöst werden. Es sei zudem nicht angemessen, ganze Gesellschaften umzustrukturieren, nur um auf die Gefühle von Menschen Rücksicht zu nehmen, die Irrtümern über die Natur des Menschen anhingen.

Stock bezeichnet sich als Feministin und erklärt, dass die Verneinung der Existenz der Frau durch Gender-Aktivisten frauenfeindlich sei. Indem sie Männern, die sich als Frauen ausgäben, Zugang zu geschützten, Frauen vorbehaltenen Räumen ermöglichten, gefährdeten sie Frauen. Die Aktivisten hätten auf der Grundlage eines unwahren Menschenbildes zudem einen Kulturkampf begonnen, in dem es um „unsere Sprache, unsere Gesetze“ gehe. Viele Menschen hätten das „Gefühl, dass ihnen die Luft abgeschnürt wird“, weil „die Dinge, mit denen sie aufgewachsen sind – wie der Unterschied zwischen Männern und Frauen –, verschwinden“.  Es „wäre hilfreich, all das ausdiskutieren“ anstatt „zu sagen: ‚Hier endet die Debatte, du transphobe Schlampe.‘“1

Hintergrund und Bewertung

Mit dem Problem des Transgender-Aktivismus hatten wir uns bereits hier auseinandergesetzt.

Als Ansatz zur Erklärung der Ursachen der von Stock beschriebenen Aggressivität und Irrationalität auf Seiten der Aktivisten können Gedanken Platons über die Korrumpierung des Menschen durch seine Leidenschaften dienen. Der “tyrannische Mensch”, der die niedrigste der denkbaren Staatsformen im von Platon beschriebenen Verfassungskreislauf präge, sei demnach von ungeordneten Leidenschaften geprägt, welche die höchsten Eigenschaften seiner Seele, nämlich Willen und Verstand, soweit beeinträchtigen könnten, dass der primitivere Teil seiner Seele die Kontrolle über ihn übernehme. Um sein anfänglich noch vorhandenes Schamgefühl zu betäuben, müsse der Mensch gegen dieses ankämpfen, verliere im ungünstigen Fall den Kontakt zur Wirklichkeit und verfalle dem “selbstverschuldetem Wahnsinn”. Platon sah vor allem in ungeordneten sexuellen Leidenschaften eine Quelle dieser Korrumpierung der Seele, die den Menschen nicht nur innerlich zerstöre, sondern auch unfähig dazu mache, als Träger höherer Gesellschaftsformen zu agieren, weil bei ihm “Eros als Tyrann im Innern wohnt und alles in der Seele beherrscht”.2

Thomas von Aquin knüpfte an Platon an, als er die “Töchter der Lust” beschrieb, die aus der oben beschriebenen Zersetzung der Seele hervorgingen. Die ungeordnete Lust mache die Seele des Mannes “weichlich und weibisch”. Sie schwäche seinen Willen und Verstand und fördere Unmäßigkeit, Unvernunft und vor allem “Selbstsucht, nämlich die ungeregelte Sucht nach dem eigenen Vergnügen”, aber auch den Hass auf Gott, “der ja verbietet das begehrte Ergötzen”.3

Der Philosoph Edward Feser beschrieb diesen Prozess der Korrumpierung als einen Prozess der schrittweisen Konditionierung. Wenn sexuelle Lust mit einem gegen die Natur des Menschen gerichteten Verhalten verknüpft werde, konditioniere dies den Menschen dazu, entgegen seiner Natur zu handeln und auch die Anerkennung dieser Natur innerlich abzuwehren, während er lustfördernde Unwahrheit über diese begrüße. Zur Aufrechterhaltung seines Lustempfindens richte sich dieser Mensch in einem immer komplexeren System von Unwahrheiten ein. Sein Verstand werde blind, und er agiere aggressiv gegenüber jenen, die die erwähnten Systeme der Unwahrheit herausforderten, weil ihm dies als feindseliger oder hasserfüllter Versuch zur Beeinträchtigung seines Lustempfindens vorkomme, auf dem sein Identitätsverständnis aufbaue. Feser sieht diesen Prozess auch bei Transgender-Aktivisten wirken. Es gebe kaum alternative Erklärungsansätze für deren extremes Verhalten, insbesondere für die vollständige Zurückweisung fundamentaler biologischer Realitäten. Indem man sich über den “Hass” der Befürworter realistischer Menschenbilder empöre, wolle man von der Absurdität des eigenen Menschenbildes ablenken, das letztlich nur eine Rationalisierung für extreme Formen sexueller Devianz darstelle.4 (FG2)

Quellen

  1. Anna-Lena Scholz: „‚Das ist verrückt‘“, Die Zeit, 16.12.2021, S. 42.
  2. Platon: Politeia, Buch IX, Übers. Wilhelm Wiegand.
  3. Thomas von Aquin: STh, 2-2, 153, 5.
  4. Edward Feser: “Western cultural suicide as apostasy (Updated)”, edwardfeser.blogspot.com, 19.07.2019, URL: https://edwardfeser.blogspot.com/2019/07/psychoanalyzing-sexual-revolutionary.html, Zugriff: 21.12.2021.