Die demographische Entwicklung als Bedrohung für die Zukunft Europas

Louis Janmot - Souvenir du ciel

Papst Franziskus hat die demographische Entwicklung in Europa am Beispiel Italiens als „ernstes Problem“ bezeichnet. Diese Entwicklung sei “gegen unsere Familien, gegen unsere Heimat und sogar gegen unsere Zukunft” gerichtet. Viele Menschen schienen den Wunsch nach Kindern verloren zu haben.1 Kurz zuvor hatte Franziskus erklärt, dass man angesichts dieser Entwicklung “auch über die Nachhaltigkeit der Generationen sprechen” müsse.

Hintergrund und Bewertung

Mit Herausforderungen im Bereich Demographie haben wir uns hier näher auseinandersetzt.

Franziskus knüpfte in seinen aktuellen Äußerungen an seine Vorgänger an, welche die demographische Entwicklung in Europa ebenfalls als existenzielle Herausforderung erkannt und angesprochen hatten:

  • Papst Benedikt XVI. hatte 2016 gewarnt, dass das Christentum in Europa durchaus erlöschen könnte, „wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren“2. Zuvor hatte er gesagt, dass in Folge des „Absterben[s] der tragenden seelischen Kräfte […] auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint“.3
  • Papst Johannes Paul II. forderte angesichts der demographischen Entwicklung „eine große Strategie zugunsten des Lebens“ und Anstrengungen zum Aufbau einer „Kultur des Lebens“. Die „Zukunft der europäischen Kultur“ hänge „von der entschiedenen Verteidigung und Förderung der Werte des Lebens, dem Kern ihres Kulturerbes“, ab. Die „kostbarste Ressource“ Europas seien „die Europäer von morgen”.4

Die traditionelle christliche Soziallehre bejaht prinzipiell eine aktive Bevölkerungspolitik, also das gezielte Einwirken auf die quantitative und qualitative Entwicklung von Bevölkerungen, solange dieses Einwirken im Sinne des Gemeinwohls erfolgt und mit verantwortbaren Mitteln geschieht.5 Eine in diesem Sinne gestaltete Bevölkerungspolitik müsste angesichts der oben angesprochenen Lage in Europa das Ziel verfolgen, Nachwuchs bei geeigneten Ehepaaren zu fördern, etwa durch Anreize zur frühen Ehe und Familiengründung sowie Anreize für kinderreiche Ehen, solange diese Eltern über das kulturelle Kapital verfügen, das für die Erziehung von Kindern im Geiste des europäischen Erbes erforderlich ist.

Vor allem Papst Benedikt XVI. hat die geistigen Grundlagen einer aktiven Bevölkerungspolitik in seinen Gedanken über die „Ökologie des Menschen“ weiterentwickelt. Christen hätten „eine Verantwortung für die Schöpfung“ und müssten „diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen.“ Dabei müssten sie „nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen“, sondern „vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen“.6 (sw)

Quellen

  1. “Papst sieht in demografischem Wandel eine Tragödie”, domradio.de, 26.12.2021, URL: https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2021-12-26/gegen-unsere-zukunft-papst-sieht-demografischem-wandel-eine-tragoedie, Zugriff: 26.12.2021.
  2. Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger): Letzte Gespräche, München 2016, S. 230.
  3. Joseph Kardinal Ratzinger: „Die Seele Europas“, Süddeutsche Zeitung, 13.04.2005.
  4. Papst Johannes Paul II.: „Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa“, 28.06.2003.
  5. Wilfrid Schreiber/Hermann J. Wallraff: „Bevölkerungspolitik“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 1229-1238.
  6. Caritas in veritate 51.