Das Ende des christlichen Deutschlands?

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Thomas Petersen, ein Mitarbeiter des Instituts für Demoskopie Allensbach, schreibt in einem heute in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienenen Aufsatz, dass das diesjährige Weihnachtsfest „voraussichtlich das letzte sein“ werde, „an dem die Christen in Deutschland in der Mehrheit sind“. Bereits „seit Jahrzehnten“ sei „eine Erosion des Christentums in Deutschland“ zu beobachten, „die langsam, aber beharrlich fortschreitet“ und eine „fundamentale Veränderung der Gesellschaft“ nach sich ziehe.1

Umfragen seines Instituts belegten diesen Erosionsprozess, der sich eher beschleunige als verlangsame. Es „dürfte es eher eine Frage von Monaten als von Jahren sein, bis die Zahl der Kirchenmitglieder die 50-Prozent-Schwelle unterschreitet“.

  • Die Ursache dieser Entwicklung sei „eine Erosion des christlichen Glaubens, die noch weit größere Ausmaße“ habe als der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder. Auch unter den verbliebenen Kirchenmitgliedern sei „der christliche Glaube nur bei wenigen tief verankert“. Nur noch neun Prozent der Gesamtbevölkerung bezeichneten sich demnach als gläubige Christen (sechs Prozent Katholiken, drei Prozent Protestanten).
  • Bei der Frage nach konkreten Glaubensinhalten gebe mittweile eine Mehrheit von 52 Prozent an zu glauben, “dass “in der Natur alles eine Seele hat, auch Tiere und Pflanzen”. Dies sei “ein Hinweis darauf, dass die Ökologiebewegung, die viele religiöse Elemente enthält, derzeit der wahrscheinlich wichtigste Wettbewerber der christlichen Kirchen” sei. Nur eine Minderheit von 46 Prozent glaube hingegen an Gott, und 37 Prozent glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.

In “einem gewissen Kontrast zu diesen Zahlen” stünden hingegen “die Ergebnisse von Fragen, bei denen es um die Wertschätzung der christlichen Kulturtradition ging”. Das Christentum werde auf kultureller Ebene weiterhin von einer großen Mehrheit der Deutschen mit Deutschland verbunden:

  • Aktuell stimmten 70 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass das Christentum zu Deutschland gehöre. Auch unter Konfessionslosen stimme dem eine Mehrheit von 55 Prozent zu.
  • Nur 17 Prozent der Befragten stimmten hingegen der Behauptung zu, dass der Islam zu Deutschland gehöre, während 64 Prozent ihr widersprachen. Diese Werte seien seit zehn Jahren stabil.
  • Auch die Bejahung der Wichtigkeit einer religiösen Erziehung von Kindern sei seit 1995 mit 43 Prozent stabil. Dies gelte auch für die Bejahung christlicher Wertvorstellungen, die weiterhin von 44 Prozent für wichtig gehalten würden.

Die vorliegenden Zahlen deuteten darauf hin, “dass sich die Erosion des Christentums in drei Stufen vollzieht”:

“Zuerst verlieren die Menschen den Glauben an die wesentlichen Inhalte des Christentums. Dieser Prozess ist inzwischen weit fortgeschritten, nur noch eine Minderheit bekennt sich zu den zentralen Inhalten der christlichen Lehre, und nur jeder Zehnte fühlt sich einer der christlichen Kirchen eng verbunden. Erst nach dieser inneren Abwendung folgt in einem zweiten Schritt der Kirchenaustritt. […] Der dritte Schritt ist die Abwendung von der christlichen Kulturtradition, doch diese wird auch ohne die religiöse Fundierung zumindest eine gewisse Zeit lang weitergepflegt und wertgeschätzt.”

Umfragen zeigten allerdings, dass auch die christliche Tradition in Deutschland langsam erodiere. In Form von Weihnachtsliedern etwa werde diese Tradition aber “zumindest bis zu einem gewissen Grad auch von denen weitergetragen, die mit dem Glauben selbst nicht mehr viel anfangen können”.

Hintergrund und Bewertung

Petersen erklärt, dass Glaubensverlust am Beginn des von ihm beschriebenen Erosionsprozess stehe, führt dies jedoch nicht weiter aus. Andere Untersuchungen bestätigen diese Beobachtung und stellen zugleich fest, dass nicht alle Strömungen in der Kirche gleichermaßen von diesem Prozess betroffen sind. Während im gesamten westlich-europäischen Kulturraum vor allem theologisch liberale Strömungen regelrecht aussterben, gilt dies für die (zahlenmäßig allerdings deutlich schwächeren) konservativen und traditionellen Strömungen nicht.

  • Laut George Weigel zeige sich „die ganze Unfruchtbarkeit des progressiven Katholizismus“ in dessen „Unfähigkeit, den Glauben an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben sowie am daraus resultierenden „religiösen Kahlschlag in Westeuropa“. Der „Teil der Weltkirche, der das progressive Projekt mit der größten Begeisterung aufgegriffen hat“, habe sich als am wenigsten resilient gegenüber dem Auflösungsdruck der Moderne erwiesen.2
  • Dem Religionssoziologen Stephen Bullivant zufolge sei der Wegfall von Identitätsmarkern im Katholizismus nach dem II. Vatikanischen Konzil in vielen westlichen Gesellschaften eine der Ursachen für schwächer werdende religiöse Bindungen, die zur Abwendung von der Religion führten. Identitätsmarker seien Eigenschaften, die eine Gruppe in einer Gesellschaft von anderen unterscheiden und gemeinschaftsstiftend wirken. Der postkonziliare Katholizismus habe tendenziell nach Abschwächung der Unterschiede zu den ihn umgebenden Gesellschaften gestrebt, um anschlussfähiger zu werden. Dies habe jedoch vor allem kulturell-religiöse Bindungen bzw. die Wahrnehmung von Gemeinschaft unter Katholiken geschwächt. Getaufte Katholiken hätten sich in Folge dessen in großer Zahl von der Kirche entfernt und die Religion nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben.3
  • Demographen beobachten, dass Religionen, die mit einem konservativen Familienbild verbunden ist, anderen Religionen und Weltanschauungen evolutionär überlegen sind. Familien, die diesen Religionen folgen, sind in der Regel stabiler, haben in der Regel mehr Kinder als andere und geben diese Religion an ihre Kinder weiter. Zu größeren Kinderzahlen bei den Anhängern dieser Religionen trage auch ihre Ablehnung von Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität bei. Es sei „plausibel, dass sich evolutionär gesehen Religionen mit derartigen Familienwerten durchgesetzt haben“. 4 Tatsächlich gebe es einen „überraschend klaren Zusammenhang zwischen dem Grad der Religiosität und der Kinderzahl in nahezu allen europäischen Ländern“.5

Eine Reise von Beobachtungen deutet dementsprechend darauf hin, dass konservative und traditionelle Strömungen im Christentum nicht von den von Petersen beschriebenen Erosionsprozessen betroffen sind. In den USA durchgeführte Studien zeigen etwa, dass diese Strömungen den Glauben erfolgreicher an kommende Generationen weitergeben würden als liberale Strömungen. Es gebe in ihnen allgemein stärkere religiöse Bindungen und mehr Priesterberufungen.6 In Frankreich geht die Zahl der Priesterberufungen außerhalb traditionalistischer Gruppen wie Pius- und Petrusbruderschaft zurück, während sie in diesen Gruppen steigt. 2018 kamen bereits 20 Prozent der in diesem Jahr geweihten Priester aus diesen Gruppen. Bei anhaltendem Trend werden in Frankreich um das Jahr 2040 traditionalistische Priester voraussichtlich die Mehrheit unter den Priestern stellen, weil es in anderen Strömungen immer weniger neue Berufungen gibt.

Liberale Strömungen im Christentum stellen, historisch betrachtet, ein junges Phänomen dar, das nur unter den Bedingungen von allgemeinem Wohlstand und allgemeiner gesellschaftlicher Anerkennung des Christentums entstehen konnte. Diese Strömungen können wahrscheinlich auch nur unter diesen historischen Ausnahmebedingungen zeitweise Bestand haben, bis sie im Zuge der oben beschriebenen Prozesse erodieren. Insbesondere in Umfeldern, in denen das Christentum unter Druck steht bzw. nicht mehr gesellschaftlicher Konsens ist, sind die für liberale Strömungen typischen schwachen religiösen Bindungen kaum durchhaltefähig. Es ist davon auszugehen, dass liberale Christen sich unter dem zunehmendem Druck ihres Umfelds künftig verstärkt in die umgebende Kultur assimilieren. Es bleiben die Christen übrig, die das unvermeidliche Spannungsverhältnis zwischen dem Christentum und der umgebenden Welt nicht nur akzeptieren, sondern bejahen. (FG2)

Quellen

  1. Thomas Petersen: “Christliche Kultur ohne Christen”, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2021, S. 8.
  2. George Weigel: Die Erneuerung der Kirche: Tiefgreifende Reform im 21. Jahrhundert, Illertissen 2015, S. 36.
  3. Stephen Bullivant: Mass Exodus. Catholic Disaffiliation in Britain and America Since Vatican II, Oxford 2019.
  4. Steffen Kröhnert/Reiner Klingholz: „Glaube, Macht und Kinder. Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?“, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Discussion Paper 3 (2010), S. 5.
  5. Steffen Kröhnert/Reiner Klingholz: „Glaube, Macht und Kinder. Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?“, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Discussion Paper 3 (2010), S. 13.
  6. Roger Finke/Rodney Stark: The Churching of America, 1776-2005: Winners and Losers in Our Religious Economy, New Brunswick 2011, S. 269.