“Zum Heil setzt er Mauern und Wall”: Schützende Grenzen aus biblischer Sicht

Die Mauern Konstantinopels - Aus dem Luttrell-Psalter, 14. Jhd. (gemeinfrei)

Die Reaktionen von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland auf die Bedrohung der Ostflanke Europas durch illegale Migration erwecken den Eindruck, dass diese den Schutz von Grenzen als illegitim betrachten. Auf welche geistigen Grundlagen sich diese Bewertung stützt, bleibt jedoch unklar. Der Schutz von Staatsgrenzen gegen äußere Bedrohungen ist nicht nur eine Forderung der christlichen Soziallehre, sondern entspricht auch biblischer Weltanschauung, die den Schutz der Grenzen des eigenen Gemeinwesens durchgängig bejaht.

Vorab ist anzumerken, dass die Bücher der Bibel keine unmittelbar auf die Gegenwart übertragbare politische Handlungsanweisung darstellen, und dass die dort wiedergegebene Weltanschauung auch den individuellen Umgang mit in Not geratenen Fremden behandelt.1 Im konkreten Fall geht es jedoch um den Einsatz von illegaler Migration als politischer Waffe gegen Europa. Dass in diesem Zusammenhang auch Notlagen entstehen, etwa weil Eltern bei ihrem Versuch der illegalen Einreise nach Europa ihre Kinder Gefahren aussetzen, ist ein separates Thema. Auf dieses wird hier nicht näher eingegangen, weil der belarussische Staat die Verantwortung für die Behebung dieser von ihm und den Migranten auf seinem Territorium herbeigeführten Notlage trägt, während die Staaten Europas in erster Linie die Verantwortung für den Schutz ihrer Gemeinwesen tragen. Die politische Ethik, deren Grundlagen in der Bibel formuliert wurden, hat sich in den rund drei Jahrtausenden ihrer Existenz als eine hinreichend tragfähige Basis für die Durchführung dieser Aufgabe bewährt.

Die Bejahung von politischen Grenzen und ihrem Schutz in Altem und Neuem Testament

Die Bibel bejaht politische Grenzen durchgängig, solange sie dem Schutz des eigenen Gemeinwesens dienen. Das Auflösen bzw. das Verschieben von Grenzen wird im Alten Testament als Akt der Ungerechtigkeit und des Raubes, der von Stärkeren gegenüber Schwächeren verübt wird, verurteilt.2 Im Gesetz des Moses wird das Verschieben von Grenzsteinen mehrfach ausdrücklich verboten.3 Der Prophet Jesaja verurteilte Entgrenzung durch die Assyrer entschieden. Deren König „beseitige die Grenzen zwischen den Völkern“ und plündere ihre Schätze.4

Auch im Neuen Testament werden politische Grenzen und ihr Schutz prinzipiell positiv bewertet. Laut dem Apostel Paulus sei die Gliederung der Menschheit in Völker gottgewollt. Gott habe die „Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt“.5 Die innerhalb dieser Grenzen wirkende Staatsgewalt sei ebenfalls Teil der “Ordnung Gottes”, und “nicht ohne Grund trägt sie das Schwert”.6

Das Errichten schützender Mauern und Grenzen als gutes politisches Handeln

Im Alten Testament gibt es zahlreiche Erwähnungen von Schutzmauern von Städten, die dort allgemein den Schutz vor Bedrohungen und Gefahren symbolisieren. Der Bau und die Verstärkung oder Ausbesserung solcher Mauern werden als Bilder für gutes, gerechtes und verantwortungsbewusstes Handeln verwendet, und entsprechende Leistungen von Herrschern werden gewürdigt:

  • Wo politische Führungen des Volkes Israel im Gehorsam gegenüber Gott die Sicherheit des Gemeinwesens gewährleisteten, konnten die Menschen laut dem Propheten Jesaja dankbar singen: „Wir haben eine starke Stadt. Zum Heil setzt er Mauern und Wall.“7 In den Psalmen werden die Bewohner der Stadt Jerusalem außerdem zum Dank dafür aufgerufen, dass Gott die „die Riegel deiner Tore festgemacht“ und dadurch Frieden innerhalb der befestigten Grenzen der Stadt ermöglicht habe.8
  • König Hiskija (ca. 750-696 v. Chr.) wird in der Bibel als Idealgestalt des weltlichen Herrschers beschrieben. Unter allen Königen seines Volkes, „die nach ihm kamen oder vor ihm lebten, war keiner wie er.“ Sein Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten sei vollständig gewesen.9 Er schützte sein Volk vor assyrischen Eroberern auch dadurch, dass er die schützenden Mauern Jerusalems ausbauen, verstärken und ausbessern ließ.10

Leistungen beim Errichten und Ausbessern schützender Mauern werden auch bei anderen Königen des Volkes Israel positiv hervorgehoben. Dies ist auch bei ansonsten ambivalent oder negativ beurteilten Königen der Fall. Über König Asa (er regierte von 913 bis 873 v. Chr.) heißt es etwa:

„Asa tat, was gut und recht war in den Augen des HERRN, seines Gottes. […] Das Reich hatte Ruhe unter ihm. […] Weil das Land Ruhe hatte und weil er in jenen Jahren keinen Krieg führen musste, konnte Asa Festungen in Juda ausbauen. Der HERR hatte ihm nämlich Ruhe verschafft. Er sagte daher zu den Männern Judas: Wir wollen diese Städte ausbauen und sie mit Mauern, Türmen, Toren und Riegeln versehen; denn noch liegt das Land frei vor uns. Weil wir den HERRN, unseren Gott, eifrig gesucht haben, hat er uns ringsum Ruhe verschafft. So konnten sie bauen und hatten Erfolg.“11

Bereits König David begann damit, Jerusalem mit einer Mauer zu befestigen, deren Bau unter der Herrschaft König Salomos abgeschlossen wurde. Die Bedeutung der Mauer Jerusalems wird dadurch unterstrichen, dass sie als einziges Bauprojekt neben dem Tempel erwähnt wird.12

Das Buch Nehemia handelt im Wesentlichen von der Erneuerung der Mauern Jerusalems, die als Voraussetzung zur Rettung der Stadt und des Volkes Israels beschrieben wird. Nehemia, der als Jude im Dienst des persischen Königs Artaxerxes I. stand, weinte, als er hörte, dass die Mauern der heiligen Stadt zerstört und diese Bedrohungen schutzlos ausgeliefert war. Er begab sich mit einer Gruppe von Soldaten in die Stadt, um sie wieder sicher zu machen und eine Wiederherstellung der Religion und eine Erneuerung der Tradition zu ermöglichen:

„Dann machte ich mich bei Nacht auf, nahm aber nur einige wenige Männer mit. Noch hatte ich keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir eingegeben hatte, für Jerusalem zu tun. […]

So ritt ich bei Nacht zum Taltor hinaus. An der Drachenquelle vorbei gelangte ich zum Aschentor. Dabei besichtigte ich die Mauern Jerusalems: Sie waren niedergerissen und die Tore vom Feuer verzehrt. […]

Ihr seht selbst, in welchem Elend wir leben: Jerusalem liegt in Trümmern und seine Tore sind abgebrannt. Gehen wir daran und bauen wir die Mauern Jerusalems wieder auf! So machen wir unserer Schande ein Ende. […]

Als aber Sanballat und Tobija sowie die Araber, die Ammoniter und die Leute von Aschdod hörten, dass der Wiederaufbau der Mauer von Jerusalem voranging – denn die Breschen schlossen sich allmählich -, wurden sie wütend und alle zusammen verschworen sich, gegen Jerusalem in den Krieg zu ziehen und dort Unruhe zu stiften. Wir aber beteten zu unserem Gott und stellten Tag und Nacht eine Wache auf, um uns vor ihnen zu schützen. […]

Ich musterte sie, dann erhob ich mich und sagte zu den Vornehmen, den Beamten und den übrigen Männern: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den Herrn; er ist groß und furchtgebietend. Kämpft für eure Brüder und Söhne, für eure Töchter und Frauen und für eure Häuser! […]

Seit jenem Tag arbeitete nur die Hälfte meiner Leute am Bau; die andere Hälfte hielt Lanzen, Schilde, Bogen und Panzer bereit und die Obersten standen hinter dem ganzen Volk Juda, das an der Mauer baute. Die Lastträger arbeiteten so: Mit der einen Hand taten sie ihre Arbeit, in der andern hielten sie den Wurfspieß. […]

So arbeiteten wir am Bau, während die Hälfte die Lanzen bereithielt, vom Anbruch der Morgenröte bis zum Aufgang der Sterne.“13

Hier wird die Mauer Jerusalems über die Beschreibung des historischen Geschehens hinaus auch als Bild für den Auftrag zum physischen Schutz des Volkes Israel vor seinen Feinden und Schutz seiner religiösen Identität verwendet. Nehemia lässt dementsprechend zunächst die Mauern der Stadt erneuern um äußere Bedrohungen abzuwehren, bevor er Jerusalem auch im Innern erneuert. Die Errichtung der schützenden Mauer wird auch hier als ein von Gott gewollter Dienst an Gott und an seinem Volk dargestellt. An anderer Stelle im Alten Testament wird die Aussicht darauf, dass die schützenden Mauern Jerusalems wiederaufgebaut werden können, als Bild für eine bessere Zukunft verwendet.14

Das Errichten von Mauern als Bild für Dienst am Nächsten

Im Alten Testament wird das Errichten von Mauern und Türmen auch als Bild für den schützenden Dienst am Nächsten verwendet. Derjenige, der Mauer errichtet, übernimmt dadurch persönlich Verantwortung für andere Menschen und für das Gemeinwesen. In diesem Zusammenhang wird auch das Bild des Wächters verwendet, der auf den Mauern Wache hält, um das Gemeinwesen zu verteidigen. Diejenigen, die diesem Auftrag im direkte und indirekten Sinne nicht richtig nachkommen, etwa weil sie Bedrohungen und Gefahren ignorieren, werden u. a. als „blinde Wächter“ verurteilt. Laut dem Propheten Jesaja etwa hat Gott Wächter auf die Mauern Jerusalems gestellt, welche die Bewohner an das Gesetz Gottes erinnern und zu seiner Einhaltung ermahnen sollen.15

Der Prophet Hesekiel überlieferte dieses Wort Gottes der Anklage gegen die „törichten Propheten“, die in ihrem Wächteramt versagen:

„Ihr seid nicht in die Bresche gesprungen. Ihr habt keine Mauer für das Haus Israel errichtet, damit es im Kampf am Tag des HERRN standhalten kann.“16

An anderer Stelle dieses Buches wird beschrieben, dass Gott vergeblich einen Mann gesucht habe, der gegen Fehlverhalten der Eliten des Landes aufsteht, indem er „eine Mauer baut“:

„Da suchte ich unter ihnen einen Mann, der eine Mauer baut und vor mir für das Land in die Bresche tritt, damit ich es nicht vernichten muss; aber ich fand keinen.“17

Den Propheten Jeremia berief Gott „zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur bronzenen Mauer“ gegen die korrupten Eliten seiner Zeit, die ihn zwar bekämpfen, aber nicht besiegen könnten.18 Die Mauer ist hier nicht in einem physischen Sinn zu verstehen, sondern als ein Bild für das Wirken der Propheten, die in ihrem Wächteramt vor Gefahren und Bedrohungen warnen und Verfehlungen politischer und religiöser Eliten anprangern sollen.

Das Fehlen schützender Mauern liefert Menschen dem Wirken von Feinden aus

Das Fehlen schützender Grenzen wird im Alten Testament ausschließlich in einem negativem Kontext erwähnt:

  • Gott warnt laut dem Propheten Hesekiel, dass das „ungeschützte Land“, dessen friedliche Menschen „ohne Mauern“ und ohne „Riegel und Tore“ leben, dem Wirken des Bösen schutzlos ausgeliefert ist.19
  • König David betete zu Gott, dass er „die Mauern Jerusalems“ wieder erbauen solle.20 Im Kontext dieses Psalms steht die zerstörte Mauer für die Sünde Davids bzw. dafür, dass er Jerusalem durch seine Sünde Bedrohungen ausgeliefert hat. Mauern stehen in der Bibel außerdem für mangelnde Selbstkontrolle. Eine „Stadt mit eingerissener Mauer“ sei wie „ein Mann, der sich nicht beherrscht.“21

Im Buch der Sprichwörter steht eine verfallene Mauer für die aus Trägheit geborene Nachlässigkeit, die Menschen Not und Bedrohungen ausliefert:

„Am Acker eines Faulen ging ich vorüber, am Weinberg eines unverständigen Menschen: Sieh da, er war ganz überwuchert von Disteln, seine Fläche mit Unkraut bedeckt, seine Steinmauer eingerissen. Ich sah es und machte mir meine Gedanken, ich betrachtete es und zog die Lehre daraus: Noch ein wenig schlafen, noch ein wenig schlummern, noch ein wenig die Arme verschränken, um auszuruhen. Da kommt schnell die Armut über dich, die Not wie ein bewaffneter Mann.“22

Der Fall schützender Mauern wird in der Bibel außerdem als Bild für Zeiten der Not verwendet23 und Risse sowie Lücken in Mauern als Bild für unbewältigte Bedrohungen.24 Der Tag, an dem „Türme einstürzen“, ist der „Tag des großen Mordens.“25

In historischen Beschreibungen im Alten Testament wird die Zerstörung von Mauern der Städte des Volkes Israel darüber hinaus als Teil von Katastrophen dargestellt, die als Strafen Gottes verstanden werden. Solche Feinde „verbrannten das Haus Gottes, rissen die Mauern Jerusalems nieder, legten Feuer an alle seine Paläste und zerstörten alle wertvollen Geräte“.26 In den Klageliedern Jeremias anlässlich der Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. wird der Fall der Mauern der Stadt als Beginn einer Zeit der großen Not für die Menschen der Stadt dargestellt:

„Seinen Altar hat der Herr verschmäht, verworfen sein Heiligtum, ausgeliefert in die Hand des Feindes die Mauern von Zions Palästen. […] Zu schleifen plante der HERR die Mauer der Tochter Zion. […] Trauern ließ er Wall und Mauer; miteinander sanken sie nieder. In den Boden sanken ihre Tore, ihre Riegel hat er zerstört und zerbrochen.“27

Zu den Folgen der Zerstörung der Mauern von Städten oder der Unfähigkeit, sie zu schützen, zählen in der Darstellung des Alten Testaments Tod, Vergewaltigung, Versklavung, Vertreibung, Unterwerfung und Zerstörung der eigenen Religion.

Das Einreißen von Mauern durch Angehörige des durch diese geschützten Gemeinwesens oder seine Führung wird in der Bibel nicht beschrieben. Der Grund dafür ist mutmaßlich, dass eine solche Tat im biblischen Weltbild undenkbar wäre. Auch die schlechtesten Herrscher, die das Alte Testament beschreibt, gingen nie so weit, die schützenden Mauern des eigenen Gemeinwesens zerstören zu wollen.

Das Überwinden von Grenzen als aktive Konfrontation mit Gegnern

In der Bibel wird auch eine positiv bewertete Form des Überwindens von Grenzen beschrieben. Diese Form wird symbolisch maskulin dargestellt und überwindet Grenzen, indem sie aktiv in die Welt hineinwirkt, etwa durch die Konfrontation mit Gegnern und Herausforderungen. Im Alten Testament handelt es sich dabei um das Überwinden der Grenzen von politischen Feinden, während es im Neuen Testament um das Überwinden antichristlicher Weltanschauungen geht, die mit Festungen verglichen werden.

In den Psalmen wird Gott gepriesen, weil er König David den Sieg über seine Feinde ermöglichte. In diesem Zusammenhang heißt es: „Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“28 Dieser Vers wird zum Teil außerhalb seines Kontexts zitiert, um der Idee der Auflösung von politischen Grenzen im Sinne utopischer Ideologien eine scheinbare biblische Legitimation zu geben. Tatsächlich jedoch sind die Grenzen, die hier überwunden werden, nicht die des eigenen Gemeinwesens, sondern die eines Feindes, die die Lektüre des gesamten Psalms zeigt.

Der Apostel Paulus verwendete ein ähnliches Motiv, als der den Kampf gegen antichristliche Weltanschauungen beschrieb, die er mit feindlichen Festungen verglich:

„Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser Welt. Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen.“29

Paulus schrieb in Anschluss an die oben zitierten Worte, dass Gott ihm seine Vollmacht verliehen habe, „damit ich bei euch aufbaue, nicht damit ich niederreiße“.30 Dies impliziert, dass er die Stärkung und den Schutz der metaphysischen Grenzen der eigenen Religion positiv bewertet.

Befestigungsanlagen als Symbole Gottes und des Glaubens

Mauern sind in der Bibel auch ein Symbol für alles, was ein Gemeinwesen stärkt und schützt, vor allem für Glaube und für Gehorsam gegenüber Gott.

Im Alten Testament werden Defensivwaffen wie Schilde, aber auch Burgen und Türme als Bilder für Gott verwendet. In den Psalmen wird Gott mehrfach als „unsre Burg“31, „meine Burg“32 und „Burg für Zeiten der Not“33 sowie als „Schild und Schutz“34 bezeichnet. Der Prophet Samuel nannte Gott „meine starke Burg“.35

In den Psalmen wird Gott außerdem als „starker Turm vor meinen Feinden“ bezeichnet.36 Im Buch der Sprichwörter heißt es „Ein fester Turm ist der Name des HERRN, dorthin eilt der Gerechte und ist geborgen“.37 Der Prophet Jesaja sagte, dass Gott „über jeden hohen Turm und über jede feste Mauer“ erhaben ist, um die Macht Gottes zu unterstreichen und Menschen zur Demut und zum Gehorsam gegenüber Gott aufzurufen.38 Beim Propheten Micha ist ein „schützender Turm für die Herde“ ein Symbol für gute politische Herrschaft.39

Hintergrund

Beispielhaft für die Überformung von Teilen der Kirche durch Ideologien der Entgrenzung ist eine im vergangenen Jahr gehaltene Predigt des katholischen Bischofs Franz-Josef Overbeck, in der er Grenzen sowie “Abwehrmechanismen und Abschottungen” jeglicher Art grundsätzlich verurteilte. Es würde “Unsägliches” geschehen, “wenn Menschen sich abgrenzen”. “Unglück” sei die Folge davon. Das “Gräuel von Sicherheitszonen, gewaltbewährter Abgrenzung und Kälte” müsse überwunden werden. Das Evangelium sei “eine frohe Botschaft der Entgrenzung”.40 Overbeck deutet hier (so wie viele andere auch) die Tatsache, dass sich die christliche Botschaft an alle Völker richtet, zu einem Plädoyer für die Abschaffung politischer Grenzen um. Die oben beschriebenen biblischen Gedanken sowie der Gemeinwohlgedanke der christlichen Soziallehre treten dabei vollständig in den Hintergrund. Der universelle aktive Impuls des Christentums, der Grenzen überwindet, indem er in die Welt hineinwirkt und sie in seinem Sinne gestaltet, wird hier scheinbar durch einen passiven Impuls ersetzt, der sich gegenüber der Welt öffnet, um sich von ihr formen zu lassen.

Aktuell kritisieren oder verurteilen kirchliche Organisationen überwiegend diejenigen, die die Grenzen Mitteleuropas schützen oder für ihren Schutz eintreten, während sie sich mit illegalen Migranten solidarisieren, die (ohne sich in einer Notlage zu befinden) z. T. gewaltsam versuchen, dort einzudringen. Diese Positionierung wird mit “christlichen Werten” begründet. Tatsächlich aber würde der Solidaritätsbegriff der christlichen Soziallehre hier vorrangig die Unterstützung jener fordern, die für den Schutz des Gemeinwesens eintreten. Dieses Verhalten unterstreicht, dass sich wesentliche Teile der Kirche in Deutschland von originär christlichem Denken abgewandt und dieses durch christlich bemäntelte utopische Weltanschauungen ersetzt haben.

Der evangelische Theologe Günter Thomas hob in seiner Auseinandersetzung mit dieser Problematik hervor, dass in der Migrationsdebatte die zunehmende Durchsetzung „eines radikalen, sich verabsolutierenden, wahrhaft grenzenlosen moralischen Universalismus“ im politischen Leben Deutschlands vorherrsche, die auch die Kirchen erfasst hat. Diese Ideologie lehne territoriale Grenzen als eine Form von „Abschottung“ ab. Sie sei von einem Mangel an Realismus, einem Mangel an Einsicht in die Grenzen des eigenen Handelns und von einem Mangel an Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Gemeinwesen gekennzeichnet. Ihre Anhänger agierten dabei trotz der schädlichen Auswirkungen, die dies hatte und weiter hat, meist mit einem demonstrativ zur Schau gestellten, selbstgerechten, von Selbstkritik und Selbstzweifeln freien „Habitus einer rechtschaffenen moralischen Überlegenheit“.41 (sw)

Quellen

  1. Etwa in Ex 22,30 und 23,9.
  2. Hi 24, 2-4.
  3. 5 Mos 27, 5. Mos 19.
  4. Jes 10, 7-13.
  5. Apg 17,26.
  6. Röm 13, 1-7.
  7. Jes 26,1.
  8. Ps 147, 13-14.
  9. 2. Kön 18, 5-6.
  10. 2. Chr 32, 5.
  11. 2. Chr 14, 1-6.
  12. 1. Kön 3,1.
  13. Neh 2-4.
  14. Mi 7, 11.
  15. Jes 62,6.
  16. Hes 13,5.
  17. Hes 22,30.
  18. Jer 1,18 f.
  19. Hes 38,11.
  20. Ps 51,20.
  21. Spr 25,28.
  22. Spr 24, 30-34.
  23. Etwa bei Jes 22,5.
  24. Jes 30,13; Hi 30,14.
  25. Jes 30,25.
  26. 2 Chr 36, 19.
  27. Klgl 2, 7-9.
  28. Ps 18,30.
  29. 1 Kor 10, 3-7.
  30. 1 Kor 10,8.
  31. Ps 46,8.
  32. Ps 18,3 und Ps 91,2.
  33. Ps 9,10
  34. Ps 91,4.
  35. 2 Sam 22, 33.
  36. Ps 61,4.
  37. Spr 18, 10-11.
  38. Jes 2,15.
  39. Mi 4,7.
  40. Franz-Josef Overbeck: “Predigt im Pontifikalamt zum Hochfest der Erscheinung des Herrn (Jk A)”, 06.01.2020, URL: https://www.bistum-essen.de/fileadmin/relaunch/Bilder/Bistum/Bischof/Texte_Ruhrbischof/Predigt_-_Erscheinung_des_Herrn_-_6.01.2020.pdf, Zugriff: 10.11.2021.
  41. Günter Thomas: „Kafkaeske Züge. Zur Reichweite von Verantwortung und Macht angesichts der Flüchtlingskrise“, Zeitzeichen, Nr. 08/2016, S. 12-15.