Wie kann die geistige Krise Europas überwunden werden?

Raffael - Die Schule von Athen (gemeinfrei)

Bei der Bejahung der Frage, ob wir in einer Krisenzeit leben, sind sich eigentlich alle bis in die Extreme hinein einig: bibeltreue Christen ebenso wie Anhänger der Linkspartei. Nur über die Mittel, mit denen der Krise begegnet werden soll, herrscht Uneinigkeit. Ein häufiger Topos ist dabei die Rückkehr zu einem früheren, angeblich oder wirklich besseren Zustand oder Denken.

Der Philosoph Alexander Ulfig hat nun ein konzises, 121 Seiten schmales Buch veröffentlicht, in dem er „Wege aus der gegenwärtigen Krise“ aufzeigt. Der frühere gute Zustand war bzw. das richtige Denken ist für ihn „die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts“ und offensichtlich die auf sie folgenden 200 Jahre, welche „die moderne Wissenschaft, den Individualismus, die moderne Religionskritik sowie die universellen Menschenrechte wie die Meinungsfreiheit“ hervorgebracht hätten. Die gegenwärtige Krise sieht er in der Bedrohung der „Errungenschaften“ der Aufklärung durch zwei „Kräfte“, nämlich „die von der philosophischen Postmoderne beeinflussten neuen Ideologien wie Politische Korrektheit, Gender und Diversity“ als auch den „politischen Islam“, die beide zur „Einschränkung von Rechten, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Konflikten“ führten.

In neun wohldurchdachten und präzise argumentierten Kapiteln geht Ulfig auf die Bedrohungen der Aufklärung ein, die an den unterschiedlichsten Fronten von Wissenschaft und Kultur wirken. Im ersten Kapitel lobt Ulfig den von der Aufklärung ausgehenden Logischen Empirismus als vorbildlich und kritisiert die einflussreiche Kritische Theorie, die empirische Forschung als das beste Mittel, begründetes Wissen zu erwerben, geringschätze. Auf Relativismus und fehlende Methodik der Postmoderne verweist er in einem eigenen Kapitel, wobei diese den Historismus pervertiert habe, der zwar bereits die Bedingtheit des Wissens erkannt, aber eine saubere Methodik des Wissenserwerbs nie abgelehnt habe. In „Aufklärung, linke Religionskritik und der Islam“ beschreibt Ulfig die merkwürdige Toleranz der angeblich aufklärerischen Linken, die das Christentum bei jeder Gelegenheit vehement angreife, gegenüber dem Islam, obwohl dieser den Idealen der Aufklärung weit mehr entgegenstehe. In zwei benachbarten Kapiteln geht er auf das Konzept der „Diversity“ ein, bei dem Menschen neuerdings nicht mehr als Individuen, sondern wieder nach Gruppen (z. B. Weiße, Männer) eingeteilt und beurteilt werden, was auch zur Einforderung von besonderen Rechten z. B. für so genannte People of Color oder Frauen führe. Die (rationale!) Unhaltbarkeit des meinungsfreiheitsfeindlichen Konzepts der Hate Speech sowie die (narzisstische!) Grundlage des Gender Mainstreaming werden in weiteren Kapiteln sehr originell und stimmig behandelt. Die philosophisch wohl interessantesten Kapitel diskutieren den nach Ulfigs Ansicht verfehlten „Generalverdacht gegen die Aufklärung“, erhoben in Horkheimer-Adornos einflussreichem Buch von deren „Dialektik“, und verteidigen gegen Foucault einen nicht-essentialistischen Humanismus, für den die menschliche Vernunft und nicht eine göttliche Instanz „Richtmaß des Denkens und Handelns“ sei.

Ulfig ist demnach Atheist, Humanist, Relativist und Individualist – er kritisiert die postmodernen Ideologien also aus einer linksliberalen Perspektive. Das ermöglicht es der These seines Buchs, auch in der Leserschaft der „Zeit“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und sogar der „taz“ zur Kenntnis genommen und nicht sofort beiseite gelegt zu werden. Das macht sein Buch so wertvoll: Substanzielle Kritik von links an der laufenden Kulturrevolution ist Mangelware in der weitgehend gleichgeschalteten veröffentlichten Meinung. Auch für Menschen, die nicht linksliberal sind, dürfte Ulfigs Buch erhellend sein, weil es diesen seltenen Versuch unternimmt.

Das Hauptproblem bei Ulfigs Buch ist die Tatsache, dass es „die europäische Aufklärung“ nie gab. Es handelt sich um einen sehr erfolgreichen Propagandabegriff, der die Ideologie einer Gruppe von atheistischen Journalisten wie Diderot, Hobbyphilosophen wie Rousseau und echten Philosophen wie Kant transportierte. Zeitgleich mit ihr gab es aber unzählige Philosophen wie Knutzen und Crusius sowie Journalisten wie Burke und Görres, die ganz andere Überzeugungen vertraten. Nicht durch bessere Argumente, sondern durch Zensurmaßnahmen staatlicher Stellen des „aufgeklärten“, also atheistischen Absolutismus, und vor allem durch die kirchen- und christenfeindliche Politik der säkularen Republiken seit 1789 sind sie mit Gewalt zum Schweigen oder um ihren Einfluss gebracht worden. Tatsächlich gehört die aus den Ideen der „Aufklärung“ hervorgegangene Französische Revolution zu den abstoßendsten und schädlichsten Ereignissen der gesamten Menschheitsgeschichte. Wer die Ideologie der „Aufklärung“ preist, relativiert die Massenexekutionen durch die Guillotine, den Völkermord in der Vendée, die chauvinistischen und imperialistischen Eroberungskriege im Namen der „Vernunft“ und der „Freiheit“, die Christenverfolgungen, die atheistischen Totalitarismen des 20. Jhd. mit ihren millionenfachen Massenmorden. Das ist die eigentliche Frucht der atheistischen Aufklärung (auch „das höchste Wesen“ Robespierres war Atheismus) und nicht „Menschenwürde, Freiheit, Selbstbestimmung (Autonomie) und Unabhängigkeit“, wie Ulfig im Einklang mit dem Zeitgeist behauptet.

Die menschliche Vernunft galt auch für Theisten wie den Aquinaten, Duns, Occam, Descartes, Leibniz, Hegel als das Richtmaß des Denkens und Handelns. Sie war nur nicht, wie im „aufgeklärten“ Humanismus, absolut gesetzt. Auch die Werte des Christentums waren und sind universell; die Werte der „Aufklärung“, können aus dem Menschen heraus gar nicht begründet werden und sind, wie alle modernen Ideologien, säkularisierte Häresien des Christentums. So ist der Individualismus ebenfalls eine christliche Erfindung, heute modern pervertiert. Partikulare Werte und Sonderrechte sind gnostische Rezidive; Erleuchtete wie „woke“ Klimaschützer und Identitätspolitiker zwingen alle Nichtkonformen zu ihrem Glück. Einen wissenschaftlichen Fortschritt hat es in einer christlich-monarchischen Ordnung auch gegeben, wie dies das 17. und 18., auch noch das 19. Jahrhundert zeigen konnten. Die Absolutsetzung der Wissenschaft im modernen Szientismus manipuliert heute die Massen stärker als je die christliche Religion und wird zu neuen Problemen führen, wie jetzt gerade bei den staatlichen Zwangsmaßnahmen zur Corona-Pandemie sichtbar ist. Den säkularen Staat gibt es nicht, er ist natürlich ein atheistischer Staat mit einer atheistischen Ideologie. Alle „Bedrohungen“, die Ulfig sieht, sind letztlich Ausflüsse der „Aufklärung“, Geister, die sie rief und derer sie nicht Herr werden kann.

Ulfigs Buch stellt eine völlig korrekte Diagnose des „Elends der Postmoderne“, schlägt jedoch eine falsche Therapie vor. Die Rückkehr zu dem von Ulfig postulierten früheren, angeblich besseren, weil „aufgeklärten“ Zustand und Denken ist Illusion. Was „damals“ gut war, zehrte nämlich noch von den Resten des christlichen Erbes. Mit dessen Beseitigung wird auch die „aufgeklärte“ Moderne enden, wie der Philosoph Günter Rohrmoser so überzeugend gezeigt hat. (Prof. Dr. Dr. Adorján Kovács)