Identitätspolitische Ideologie als Pseudoreligion

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Erzbischof José Horacio Gómez ist der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz der USA. In einer gestern gehaltenen Rede bezeichnete er identitätspolitische Ideologien als Ausdruck einer antichristlichen Pseudoreligion. Diese zerstöre das christliche Erbe und den inneren Zusammenhalt der Gesellschaften, in denen sie wirke. Christen müssten dieser neuen Form des Tribalismus mit der universellen Botschaft des Christentums entgegentreten.1

Identitätspolitik als antichristliches Projekt

Identitätspolitischer Aktivismus sei im „Kontext der weltweiten Bewegung der Säkularisierung und Entchristlichung“ zu betrachten:

  • In westlichen Gesellschaften habe sich „eine Führungselite herausgebildet, die wenig Interesse an der Religion und keine wirkliche Bindung an die Nationen, in denen sie leben, oder an die lokalen Traditionen oder Kulturen“ habe. Diese Gruppe dominiere mittlerweile Staat, Wirtschaft, Medien und Bildungswesen und wolle eine auf Konsum und technokratische Gedanken gestützte globale Zivilisation errichten.
  • Das Christentum werde von den Anhängern dieser Ideologie entweder als überholt oder als Hindernis betrachtet, das aus dem Weg geräumt werden müsse. Die von ihnen vertretene Vorstellung von Säkularisierung sei gleichbedeutend mit Entchristlichung: Seit Jahren werde „in Europa und Amerika bewusst versucht, die christlichen Wurzeln der Gesellschaft auszulöschen und alle noch vorhandenen christlichen Einflüsse zu unterdrücken“.
  • Dies geschehe etwa durch die derzeit eskalierende “Cancel Culture”, bei deren Zielen es sich oft um “Sichtweisen handelt, die in christlichen Überzeugungen verwurzelt sind”, etwa über das menschliche Leben, die Natur des Menschen sowie über Ehe und Familie. Diese Sichtweisen würden “als Bedrohung für die Freiheiten und sogar für die Sicherheit anderer Gruppen in unserer Gesellschaft angesehen”, und der gesellschaftliche Raum werde für Christen zunehmend verschlossen.

Die dafür verantwortlichen Akteure und Ideologien seien „viele Jahre lang in unseren Universitäten und Kultureinrichtungen gezüchtet und vorbereitet“ worden.

Identitätspolitik als Pseudoreligion und Zerstörerin des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Es handele sich bei diesen Ideologien um „Pseudoreligionen“ bzw. um „politische Glaubenssysteme“, die „dem Zusammenbruch der jüdisch-christlichen Weltanschauung“ den Platz eingenommen hätten, „den einst christlicher Glaube und christliche Praxis innehatten“. Die Antworten dieser Ideologien auf Grundfragen des Menschen seien denen des Christentums jedoch z. T. diametral entgegengesetzt, etwa wenn sie diese unter den Verweis auf die Rassenzugehörigkeit zu beantworten versuchten. Außerdem beruhten diese Ideologien auf Feindbildern, die Konflikte, Spaltung und Ungerechtigkeiten verschärfen statt überwinden würden. Wegen real existierender Diskriminierung, aber auch wegen der „Einfachheit ihrer Erklärungen – die Welt ist in Unschuldige und Opfer, Verbündete und Gegner unterteilt“, seien diese Ideologien für viele Menschen attraktiv.

Unwahre Welt- und Menschenbilder als Grundlage identitätspolitischer Ideologien

Eine gerechte Gesellschaft könne „nur auf der Grundlage der Wahrheit über Gott und die menschliche Natur aufbauen“. Wer nicht glaube, dass Gott sein Vater sei, habe keinen Grund dafür, andere Menschen als seine Brüder und Schwestern zu betrachten.

Identitätspolitische Ideologien könnten zudem keine gerechte Gesellschaft begründen, weil sie von unwahren Annahmen über den Menschen ausgingen:

  • Sie „leugnen die Seele, die spirituelle, transzendente Dimension der menschlichen Natur, oder sie halten sie für irrelevant“.
  • Sie reduzierten zudem „das, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, auf im Wesentlichen physische Eigenschaften – die Farbe unserer Haut, unser Geschlecht, unsere Vorstellungen von Geschlecht, unseren ethnischen Hintergrund oder unsere Stellung in der Gesellschaft“. Brüderlichkeit unter Menschen könne jedoch “nicht durch Feindseligkeit oder Spaltung aufgebaut werden”.

Identitätspolitische Ideologien seien in ihrer Vorstellung des permanenten Kampfes zwischen mutmaßlichen Unterdrückten und Unterdrückern marxistisch beeinflusst, ähnelten teilweise aber auch „einigen der Irrlehren, die wir in der Kirchengeschichte finden“, etwa dem Gnostizismus, der davon ausging, dass der Mensch nicht über eine unverfügbare natürliche Identität verfüge, sondern „alles werden kann, was er aus sich selbst machen will“. Sie seien vor allem aber utopisch, weil sie davon ausgingen, „dass wir durch unsere eigenen politischen Anstrengungen eine Art ‚Himmel auf Erden‘, eine vollkommen gerechte Gesellschaft, schaffen können“.

Christliche Antworten auf die Herausforderung durch identitätspolitische Ideologien

Christen sollten dieser Herausforderung begegnen, indem sie bessere Christen werden, Jesus Christus verkünden, sich dienend für andere Menschen aufopfern und Gesellschaften dadurch zu verändern. Das Evangelium bleibe der „wahre Weg zur Befreiung von jeglicher Sklaverei und Ungerechtigkeit“ sowie „die mächtigste Kraft für sozialen Wandel, die die Welt je gesehen hat“. Die Kirche sei von Anfang an „antirassistisch“ gewesen und alle Menschen in ihre Heilsbotschaft einbezogen, „um aus allen Rassen, Stämmen und Völkern die eine weltweite Familie Gottes zu sammeln“. Dies sei „die Haltung, die wir gerade jetzt brauchen, wo unsere Gesellschaft so polarisiert und gespalten ist.“

Hintergrund und Bewertung

Identitätspolitische Ideologien, die auf neomarxistischen und postmodernen Einflüssen beruhen, haben auch Teile der katholischen Kirche in westlichen Gesellschaften überformt und verdrängen vor allem in Deutschland zunehmend traditionelles christliches Denken.

Vor allem außerhalb Europas stoßen diese Ideologien allerdings auf entschlossenen Widerstand. Zu ihren deutlichsten katholischen Kritikern gehört Kardinal Robert Sarah, der sich häufig zu diesem Thema äußert. Auch Papst Franziskus hat solche Ideologien wiederholt als “kulturelle Kolonialisierung” verurteilt, wobei er allerdings in Form seines Eintretens für offene Grenzen zumindest einen Teil der identitätspolitischen Agenda teilt. Am deutlichsten ist die Zurückweisung dieser Ideologien seitens der Kirche im Fall der Gender-Ideologie.

Zugleich vertritt Franziskus in Anknüpfung an Johannes Paul II. einen Ansatz des Umgangs mit Fragen der kulturellen Identität, der nach der Bewahrung dessen strebt, was in allen Kulturen wertvoll ist. Dieser Ansatz bejaht im Gegensatz zu identitätspolitischen Ideologien die christlich-abendländische Kultur und vermeidet es, Kulturen nach neomarxistischem Schema Kulturen in mutmaßliche Unterdrücker und Unterdrückte einzuteilen und gegeneinander in Stellung zu bringen.

Weitere Beiträge zum Problemkomplex Identitätspolitik finden sich hier. (FG2)

Quellen

  1. José H. Gomez: “Address delivered by video to Congress of Catholics and Public Life; Madrid, Spain”, 04.11.2021, URL: https://archbishopgomez.org/blog/reflections-on-the-church-and-americas-new-religions, Zugriff: 05.11.2021, eigene Übersetzung.