Die Rückkehr des Kriegers

Carlo Crivelli - Der heilige Georg tötet den Drachen (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Rafael Behr lehrt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg und gilt als einer der führenden Polizeiforscher Deutschlands. Ihm zufolge haben die zunehmenden Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Sicherheit, etwa die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus und anderen “Gefahren für die Zivilisation”, einen kulturellen Wandel in der Polizei hin zu traditionellen Rollenmustern ausgelöst. Der Archetyp des Kriegers gewinne hier zunehmend an Bedeutung und Wertschätzung.

Die offizielle Polizeikultur und ihre auf dem Wunsch nach politischer Korrektheit beruhenden Leitbilder tendierten „zur Androgynität, d.h. zu einer Verwässerung von Geschlechtermerkmalen“. In Krisensituationen würden Menschen jedoch spontan auf traditionelle Handlungsmuster zurückgreifen, etwa auf das Muster einer „Kriegermännlichkeit“. Dieses Muster stelle die Konfrontation mit Feinden im Rahmen eines staatlichen Ordnungsauftrags, wie sie etwa in der Verbrechens- oder Terrorismusbekämpfung stattfinde, in den Mittelpunkt ihres Identitätsverständnisses und präge das polizeiliche Handeln vor allem in Sondereinheiten stärker als es die offiziellen Leitbilder täten.

Der Aspekt der „Ausschaltung von ‚Feinden des Friedens und der Demokratie‘“ sowie der unmittelbare „Kampf gegen das Böse“ seien in der Arbeit der Polizei in Deutschland und in ihrem Identitätsverständnis heute deutlich präsenter als noch vor einigen Jahren. In der Polizei finde gegenwärtig eine “Re-Maskulinisierung” statt. Die Institution sei unterhalb der Schwelle der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend von einer „hegemonial wirksamen kriegerischen Männlichkeitskultur“ geprägt, auch wen nur eine Minderheit der Polizeibeamten diese „Krieger-Männlichkeit“ persönlich praktiziere.

Diese Beamten würden jedoch stärker als andere als Vorbilder wahrgenommen, und die von ihnen verkörperte „kriegerische Mentalität“ präge auch „Polizeimythen“ in besonderem Maße. Solche Mythen erzählten “von Gefahrensituationen, von der eigenen Überlegenheit in einer bedrohlichen Situation und von vielen anderen Episoden aus dem Leben in einer ‘Gefahrengemeinschaft'”. Sie beinhalteten “ein Arsenal von realen und berichteten Erlebnissen”, die sich derjenige, der die Mythen mündlich überliefere, “fraglos nur in der Gruppe anderer Krieger identifikatorisch aneignen” habe können. Vor allem in Krisensituationen entfalteten diese Mythen Wirkung und vermittelten jenen, die sich in ihnen bewähren müssen, Orientierung.

Behr bewertet diese Entwicklung nicht grundsätzlich negativ. Jeder Polizist benötige charakterlich “aggressive Anteile”. Dies gelte auch für die Polizei als Organisation, die zwar “keine Kriegsorganisation” sei, aber “dennoch über deutliche kriegerische Anteile” verfüge, die “jederzeit aktivierbar” seien. Die „Kampfbereitschaft des Kriegers“ sei dabei „nicht Selbstzweck“, denn „sonst wäre er Schläger oder Bandenmitglied oder eben bezahlter Kämpfer“, sondern folge einem höheren Sinn, nämlich der Überzeugung, durch den eigenen Einsatz andere Menschen oder die gesamte Gesellschaft vor Gefahren zu schützen. Der Krieger kämpfe “ohne direkte Verbindung mit den Nutznießern seines Einsatzes, an einer Front gegen das Böse”. Dieses Böse habe eine Gestalt, und der Krieger kenne diese “besser als diejenigen, die er schützen soll, denn mit den Gegnern ist er in Kontakt”.

Die Ursache dieser Entwicklung seien die “zunehmenden Konflikt- und Bedrohungslagen“. Die Welle islamistischer Anschläge in Europa seit 2015 habe dazu geführt, dass “Kriegermännlichkeiten sich nicht mehr bedeckt halten müssen, sondern offen auftreten können, weil Angst Heroismus ermöglicht, und die Kriegermännlichkeit eine heroische Männlichkeit ist”. Die “Vorstellung von einer Polizei als kundenorientierter Dienstleistungsorganisation in einer multikulturellen Gesellschaft” habe “keine Konjunktur”. Die Bühne gehöre nun dem Krieger als Held im „Kampf gegen das Böse“.1

Hintergrund und Bewertung

Behr setzt sich kritisch mit der Institution der Polizei auseinander, will diese aber durch seine Kritik (anders als die in den Sozialwissenschaften in Deutschland dominierenden neomarxistisch und postmodern beeinflussten Akteure) nicht delegitimieren, sondern stärken. Seine Kritik ist das Ergebnis der Suche nach Schwächen, die abgestellt werden müssen, damit die Institution in ihrem Dienst am Gemeinwohl stärker und leistungsfähiger werden kann.

Dies gilt auch für Behrs Auseinandersetzung mit den Risiken, die mit der Rückkehr des Krieger-Archetyps verbunden sind. So weist er etwa darauf hin, dass dieser Typus in besonderem Maße der Disziplin bedürfe, damit er seine Fähigkeit zur Anwendung von Gewalt in den Dienst des Gemeinwohls stellen könne. Außerdem hebt Behr auch andere Archetypen des Dienens positiv hervor, etwa den des eher väterlich agierenden Schutzmannes.

Behr empört sich vor allem nicht wie viele andere Sozialwissenschaftler in Deutschland über die oben beschriebene Entwicklung, sondern erkennt sie auf der Grundlage eines durch eigene Diensterfahrung erworbenen realistischen Menschenbildes als Tatsache bzw. als Folge gesellschaftlicher Veränderungen und institutioneller Erfordernisse an und überlegt, wie sie positiv gestaltet werden kann. Der oben vorgestellte Text und weitere Schriften Behrs wurden daher als Quellen in unsere Publikation aufgenommen, die sich mit männerbündischen Institutionen als Trägern des Gemeinwesens und Dienern des Gemeinwohls auseinandersetzt. (FG1)

Quellen

  1. Rafael Behr: „Polizei.Kultur.Gewalt. Polizeiarbeit in der ‘offenen Gesellschaft’ (Lehr- und Studienbrief für Bachelor- und Masterstudiengänge der Polizei sowie für die Module ‚Policing‘ im weiterbildenden Masterstudiengang Kriminologie am Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg und ‚Angewandte Polizeiwissenschaft‘ des Masterstudiengangs ‚Kriminologie und Polizeiwissenschaft‘ an der Universität Bochum“, Akademie der Polizei Hamburg, 19.04.2018, S. 148-158.